Sinnlicher Historienroman über den Orient Dirk Stermann: "Der Hammer"

Wie eine dieser „Frauen von Algier“ (von Eugène Delacroix, gemalt 1834) könnte die Geliebte Hammers ausgesehen haben. Foto: Louvre, Paris / Wikipedia

Dirk Stermann hat einen dichten, sinnlichen Historienroman über den Orientalisten Hammer-Purgstall geschrieben. Der hat uns nicht nur „Tausendundeine Nacht“ nähergebracht
 

 

Den Europäern hat er die Augen für den Orient geöffnet – mit der Übersetzung von „Tausendundeine Nacht“ oder auch den Versen des persischen Dichters Hafis. Überhaupt darf man Joseph von Hammer-Purgstall (1774 – 1856) als Ausnahmeerscheinung bezeichnen: Der Zeitgenosse Metternichs und Beethovens war hochgebildet, kritisch, polyglott. Und schon in jungen Jahren, als Hammer in Wien zum Sprachknaben, also zum Übersetzer gedrillt wurde, hat er geschuftet wie kein Zweiter. Doch die Karriere, die Ehrungen und Orden ließen lange auf sich warten. Das hat Dirk Stermann, den ewigen Deutschen in Österreich, gereizt, sich mit dem kauzigen Orientalisten genauer zu befassen.

AZ: Herr Stermann, Sie muten den Lesern einiges zu. In Ihrem Historienroman „Der Hammer“ entwickelt sich ein unfassbarer Gestank.

DIRK STERMANN: Ich wollte das Leben des Joseph Hammer aber unbedingt olfaktorisch beschreiben. Man geht heute durch Wien, und alles wirkt aufgeräumt und sauber und imperial, aber das war zur Zeit Hammers ja nicht der Fall. Unter den Städten Europas hat Wien am fürchterlichsten gestunken, das ist in unzähligen Reiseberichten zu lesen.

Da gab es Buttenweiber, unter deren Mantel die Leute ihre Notdurft verrichtet haben, wenn nicht irgendwo sonst auf der Straße.

Ja grauslich, gell? Das ging in Wien so bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als ein Deutscher anfing, öffentliche Toiletten zu bauen. Man muss diesem Herrn ewig dankbar sein.

Dagegen riecht es im Orient ganz wunderbar, auch das beschreiben Sie so detailliert, dass man meint, in den Gärten des Sultans zu sitzen.

Es war vor 200 Jahren eben ganz umgekehrt. Damals hat man sich im Orient vor den Europäern ein bisschen geekelt, weil sie einfach so ungepflegt waren. Das ist aus heutiger Sicht mindestens erwähnenswert, zumal sich das Bild inzwischen geändert hat.

Vom Orient war Hammer schon als Sprachknabe völlig fasziniert. Wie sind Sie auf diesen Mann gekommen?

Eine Freundin arbeitet an der Wiener Akademie der Wissenschaften und hat mit mir eine nächtliche Führung gemacht. Das war spektakulär, die Kellergewölbe sind vollgestellt mit den originalen Möbeln der Wissenschaftler, mit ihren Aufzeichnungen und Arbeitsmaterialien. Ein vollkommen irrer Ort. Dann standen wir plötzlich vor Hammers Büste, und ich erfuhr, dass er der Gründer der Akademie ist, dass er Hafis übersetzt hat und Goethe dadurch zum „West-östlichen Diwan“ angestoßen wurde. Aber auch, dass Hammer in seinem Schloss in der Steiermark – er wurde von einer Gräfin adoptiert – einen besonderen Stall hatte: Für jede Kuh pinselte er einen arabischen Spruch an die Wand. Da war ich angefixt.

Man rutscht ganz schnell in eine Art Märchen von „Tausendundeiner Nacht“.

Mir ging das genauso. Ich las dann Hammer-Purgstalls Lebenserinnerungen, das war tatsächlich eine Mischung aus „Tausendundeine Nacht“ und Münchhausen. Dazu kamen all die Enttäuschungen seines Lebens. Er hat ja nie bekommen, was er eigentlich wollte.

Dabei konnte Hammer unglaublicherweise Arabisch, Persisch, Türkisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch…

Aber die Knallchargen sind auf der Karriereleiter an ihm vorbeigezogen. Eine solche Besetzungspolitik ist uns heute ja nicht gänzlich fremd. Das war völlig ungerecht, Hammer war wirklich der Beste von allen.

Aber?

Er war leider wenig einnehmend und undiplomatisch. Das ist eine schlechte Voraussetzung, wenn man sich um den diplomatischen Dienst bewirbt. Er hatte etwas leicht Donald-Trump-haftes, sehr viel intelligenter natürlich. Außerdem war er nicht adlig und kam aus der Provinz. Hammer war kein charmanter Mensch, sondern ein verkniffener Gelehrter. Und er wusste alles besser, seine Überlegenheit ließ er andere spüren.

Hammer hat sich schon als Sprachschüler bis tief in die Nacht abgemüht.

Er sucht von Anfang an den Weg in die Unsterblichkeit. Hammer hat viel zu viel gearbeitet, ihm fehlte jede Leichtigkeit. Er hätte sich ruhig etwas zurücklehnen können.
Balzac zeigt ihm doch, dass es auch anders geht. Balzac hat wahrscheinlich genauso viel gearbeitet, aber alles andere eben auch noch gemacht. Liebschaften, Gelage…

Erwähnt Hammer die gar nicht prüde Mariam in seinen Aufzeichnungen?

Nein, aber die Familie. Wobei es die Vermutung gibt, dass Hammer in Konstantinopel ein Verhältnis hatte. Es ist auch gar nicht abwegig, dass er mit der Dichterin Helmina von Chézy liiert war. Ich wollte einfach, dass Hammer hin und wieder eine Frau kennenlernt und die Nächte nicht nur mit Büchern verbringt.

Wie haben Sie diese ausgiebige Recherche neben Fernsehen und Kabarett geschafft?

Ich musste unglaublich viel lesen und hatte das Gefühl, dass der Buchstapel neben meinem Bett immer höher und höher wird. Aber Hammers Autobiografie war mein Sicherheitsseil. Diesen Tipp hat mir übrigens T. C. Boyle gegeben, der mit „Wassermusik“ ein Buch über einen Afrikaforscher schrieb und sich an dessen Aufzeichnungen orientierte. Ich habe meine Zeit einfach gut genutzt. Da bin ich dann schon auch deutsch oder preußisch genug, um das durchzuziehen.

Schlummert in Ihnen ein kleiner Hammer-Purgstall?

Ein klitzekleiner. Aber auch ein kleiner Balzac, das ist das Problem.

Ist das Bücherschreiben ein Ausgleich zum Kabarett?

Absolut. Ich muss weder Pointen-orientiert arbeiten, noch überlegen, wie ich in kurzen Sätzen unterhaltsam sein kann. Stattdessen darf ich mir sehr viel Zeit für etwas Längeres nehmen. Vor allem kann ich das alleine machen und muss nicht ständig mit dem Kollegen Grissemann zusammenarbeiten.

Apropos: Mit Christoph Grissemann kommen Sie im Oktober nach München. Was steht an im Lustspielhaus?

Wir spielen unser aktuelles Programm „Gags, Gags, Gags“. Da geht es um eine Fernsehshow, die nicht funktioniert.

„Willkommen Österreich“ – wie geht es eigentlich im alten Habsburger Kernland weiter nach Heinz-Christian Strache?

Wahrscheinlich genauso wie vorher. Es hat sich wenig verändert. Warum auch? Viele Leute fahren nach Ibiza, und deren Leben verändert sich danach auch nicht.    
  
Buch: Dirk Stermann: „Der Hammer“ (rowohlt, 448 Seiten, 24 Euro). Stermann liest am 3. Dezember, 19 Uhr, im Heppel & Ettlich (Feilitzschstr. 12, www.heppel-ettlich.de).Mit Christoph Grissemann ist er kabarettistisch am 9. und 10. Oktober, 20 Uhr, im Lustspielhaus (Occamstr. 8, Tel. 34 49 74).
 

 

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