Neue CD Liebesbrief von Simone Kermes: "Mio Caro Händel"

Im Booklet der CD schreibt Simone Kermes einen Liebensbrief an den Meister aus Halle, den jungen Star in Italien und den Gefeiterten in London: „Mio caro Händel“. Foto: Sony / Gregor Hohenberg

Unfassbar lebendig: „Mio caro Händel“ -  Simone Kermes hat eine neue CD mit Arien von Georg Friedrich Händel herausgebracht 

 

Die Covers zu den Alben von Simone Kermes sind immer ganz großes Kino. Da rascheln Rüschen und leuchteten die roten Haare wie Feuer. Schon vor zehn Jahren hatte die Sopranistin unter dem Titel „La Diva“ eine Platte mit Arien von Georg Friedrich Händel herausgebracht. Auf deren Hülle fixierte sie den Betrachter herausfordernd: mit einem hochmütigen Zug um die aufgeworfenen Lippen.
Auf dem neuen Album, „Mio caro Händel“ ist das Haar blond gelockt, der Blick wirkt ernster, der Mund streng verschlossen.
Da liegt natürlich die Frage nahe, ob man auch in der musikalischen Interpretation der gebürtigen Leipzigerin einen Wandel vernimmt.

Ein Direktvergleich! Mit dem Ergebnis... 

Also ein Direktvergleich! Er wird dadurch etwas erschwert, dass auf den Platten von 2009 respektive 2019 tatsächlich nur eine einzige Nummer beide Male vertreten ist: nämlich die Arie der Cleopatra „Piangerò la sorte mia“ aus Händels „Giulio Cesare in Egitto“.

Phänomenal gesungen wie an den Kopf des Geliebten gelehnt

Die Versionen dauern exakt gleich lang, und auch ansonsten hat Frau Kermes in der Zwischenzeit ihre Kunst nicht von Grund auf neu erfunden. Beide Male trägt sie das Stück mit einer zu Herzen gehenden Zärtlichkeit vor – so, als ob sie nicht auf der Bühne, sondern direkt am Kopf ihres Geliebten singen würde. Im Detail aber entdeckt sie gleichzeitig jeweils unterschiedliche Nuancen, sodass es sich lohnt, beide Versionen gegeneinander zu hören.
Und der Vergleich der Alben führt zu einer Nachricht, die keineswegs selbstverständlich ist und sowohl den Hörer als auch Frau Kermes selbst freuen dürfte: Die Stimme hat innerhalb von zehn Jahren nichts an Material oder an Beweglichkeit verloren. Es bleibt phänomenal, wie absichtslos der weich intonierte Gesang etwa in „Author of Peace“ aus „Saul“ aus dem Nichts einsetzt, in die Höhe steigt und dort auch einmal einen Ton faszinierned lebendig aushält, ohne girren und trillern zu müssen.

Ein glühender Faden in elektrisierter Luft

In „Ah! spietato!“ aus „Amadigi di Gaula“ wird der leise schwebende, doch immer glühende Faden mit ewig langem Atem in der elektrisierten Luft gehalten.
Gleich in drei Sprachen singt Frau Kermes auf dieser Produktion, und ihr Wille zur lyrischen Verdichtung funktioniert sogar im konsonantenreichen Deutsch von Barthold Heinrich Brockes in „Süße Stille, sanfte Quelle“ aus Händels „Deutschen Arien“.

Ein Wettstreit zwischen Violine und Stimme: Kermes gewinnt!

So muss nur eine winzige Warnung ausgesprochen werden: Man darf auf dem heimischen Abspielgerät anfangs die Lautstärke nicht zu hoch einstellen. Denn gleich zu Beginn erschüttert ein Gewitterdonner die Lautsprecher, als ob der selige amerikanische Soundtrickser und Dirigent Erich Kunzel seine Hände mit im Spiel gehabt hätte. Solche Gimmicks braucht die Begleitung durch das kleine Barockorchester „Amici Veneziani“ unter Konzertmeister Boris Begelman eigentlich nicht. Auf Effekthascherei wird dann auch dankenswerterweise verzichtet. Und dass in der Arie aus „Il Trionfo del Tempo“ die Koloraturen des Gesangs der behände sekundierenden Violine fast davon laufen, gehört zu den einkalkulierten Wirkungen. Denn hier wird ein Wettstreit ausgefochten: inhaltlich zwischen „der Zeit“ und „der Schönheit,, musikalisch zwischen Gesang und Violine. Und diese Herausforderung entscheidet Frau Kermes natürlich für sich.    
  
Simone Kermes, Amici Veneziani: „Mio caro Händel“: 15 Sopran-Arien von Georg Friedrich Händel aus „Rinaldo“, „Giulio Cesare in Egitto“, „Serse“, „Teseo“, „Saul“ u. a.. (Sony)

 

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