Sicherheit am Berg "Jeder Griff muss sitzen!"

Nach dem Todes-Drama am Wilden Kaiser: Hier erklärt ein Experte, was Bergsteiger für ihre Sicherheit tun können. Vorsicht: Auch Wanderungen können böse enden!

 

AZ: Herr Mayer, am Wochenende hat sich am Wilden Kaiser ein schrecklicher Unfall ereignet: Ein Münchner Bergsteiger ist beim Abseilen tödlich verunglückt. Was können Wanderer und Bergsteiger für ihre Sicherheit tun? Am besten schon zu Hause?


ROBERT MAYER: Lassen Sie mich noch grundlegender beginnen: Um als Bergsteiger alt zu werden, braucht es vor allem vier Dinge: Eine fundierte Ausbildung, Erfahrung – und je weniger davon, desto mehr Glück, sowie eine wirklich gute Selbsteinschätzung. Was die grundsätzliche und die aktuelle Verfassung betrifft. Und entsprechend sollte man bei der Tourenplanung Informationen sammeln und eher zurückhaltende Entscheidungen treffen.


Gilt das auch für leichte Wanderungen? Da kann doch nicht so viel passieren, oder?


Im Gegenteil! Herz-Kreislauf-Versagen ist die häufigste Unfallursache in den Bergen – gerade jetzt in der Sommerhitze. Auch hier gilt: Selbstüberschätzung kann schlimme Folgen haben. Lieber kürzere Touren gehen – und vor allem sehr früh aufstehen. Vormittag auf den Gipfel, Mittag wieder unten sein! Was man nicht oft genug betonen kann ist, einen ordentlichen Bergschuh anzuziehen. Zu viele Menschen sind mit dem falschen Schuhwerk am Berg unterwegs. Sonnenschutz und viel, viel Wasser sind selbstverständlich. Und bei längeren Touren ein Regenschutz.


Was taugen Trekking-Stöcke?


Richtig benutzt sind sie eine wirksame Entlastung für die Knie. Falsch benutzt haben sie schon zu schlimmen Unfällen geführt: Man sollte auf keinen Fall zu viel Gewicht auf den Stock legen – wenn er abrutscht, kann man abstürzen.


Klettersteige sind derzeit der Trend am Berg. Was ist hier zu beachten?


Man sollte sich einer Sache bewusst sein: Stürze am Klettersteig führen fast immer zu schweren bis schwersten Verletzungen. Im Zweifelsfall bewegt man sich besser einen Schwierigkeitsgrad unter der eigenen Leistungsgrenze.


Gerade am Wochenende kommt es zum Massenansturm auf die Steige.


Und das ist problematisch. Zu viele Leute setzen sich nicht mit den Anforderungen der Touren auseinander. Dann kommen sie in Situationen, dass die Psyche wegen einer steilen Passage blockiert oder die Kraft ausgeht. Das passiert häufig, da wird dann die 112 gewählt und die Bergwacht holt die Leute mit dem Hubschrauber raus. Ich empfehle, immer eine zusätzliche Sicherung mit Bandschlinge und HMS-Karabiner am Gurt zu haben – so kann man jederzeit rasten und Kräfte sammeln.


Die „Via Classica” an der Fleischbank, wo der Münchner verunglückt ist, hat den Schwierigkeitsgrad 5. Was muss man für so eine Route können?


Grundsätzlich: Ein guter Bergsteiger wird über Jahre gemacht, ja sogar über Jahrzehnte. Erfahrung zu sammeln, ist ein langwieriger und notwendiger Prozess. Aber konkret: Ich denke, wenn jemand ein Jahr lang in der Halle trainiert und dann ein Jahr lang im Klettergarten, dabei grundsätzlich fit ist, dann kann er im dritten Jahr eine alpine Route wie die „Via Classica” in Angriff nehmen. Sie ist anspruchsvoll, aber mit 85 Bohrhaken gut abgesichert. Oft ist aber gar nicht der Aufstieg das Problem.


Sondern?


Ich kenne einige junge, sehr gute Sportkletterer. Und die haben dann beim Abstieg Probleme, wenn es darum geht, ungesichert Passagen im ersten oder zweiten Schwierigkeitsgrad abzuklettern. So ein Abstieg ist eine neue Herausforderung für Kletterer, die in der Halle und im Klettergarten gelernt haben.


Der Unfall passierte allerdings einem erfahrenen Mann – offenbar aus Leichtsinn, weil er beim Abseilen auf einen eigentlich obligatorischen Knoten verzichtet hat.


Deshalb braucht es bei jedem einzelnen Handgriff größte Konzentration und Achtsamkeit. Jeder Griff muss sitzen! Erstaunlicherweise sind es jedoch gerade die besten Bergsteiger, die am Ende durch einen Leichtsinnsfehler ums Leben kommen. Das ist der Preis, den man zahlt. Ich kann Einsteigern im alpinen Klettern nur raten, erst einmal sogenannte sanierte Touren zu gehen, auf denen die Standplätze und die Haken verlässlich gebohrt sind. Und zuvor eine umfassende Ausbildung in Sicherungstechniken. Die ist durch nichts zu ersetzen!

 

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