Senta Berger exclusiv "Ich muss nicht lügen, muss nicht jung aussehen"

Senta Berger Foto: dpa

Im AZ-Interview spricht dieMünchner  Schauspielerin  über das Alter und Casting-Shows, über Hollywood und das Abenteuer der Ehe

An ihrem Festtag ist Senta Berger nicht in München. Ein paar Tage vorher gab sie der AZ ein Interview.

 


AZ: Wie wär’s, Frau Berger, mit einem Kir Royal vorab auf Ihren Geburtstag?


SENTA BERGER: Ein purer Champagner ist mir eigentlich lieber als der mir zu süße Kir. Aber wenn Sie mich einladen, sage ich nicht nein.
Vor 25 Jahren waren Sie in Helmut Dietls Kultserie Mona Mödlinger, die Geliebte von Klatschreporter Baby Schimmerlos. Jetzt dreht Dietl die Fortsetzung, und Sie sind wieder die Mona. Was ist aus ihr geworden?


Sie ist gealtert und hat in der Zwischenzeit eine große Karriere als Volksmusik-Star gemacht. Wir begegnen ihr in einem Moment der Zweifel, einer Art Lebenskrise.
Dass Sie jetzt 70 werden, glaubt Ihnen keiner. Können Sie’s glauben?


Dieses ganze Kalenderwerk, das der Mensch sich ausgedacht hat, um das Unbegreifliche begreifbar zu machen, nämlich die Zeit, ist eine kluge, aber mechanische Einteilung. Man gleitet doch langsam in neue Lebenskapitel. Nur weil auf der Torte dieses Jahr eine 7 steht, soll ich mich anders, älter fühlen?


Wie fühlen Sie sich?


Ich stehe inmitten des Lebens. Ich bin gesund. Ich arbeite. Ich habe meine Familie und einen Gefährten an meiner Seite. 70 werde ich später.


Mit 21 galten Sie als „Sophia Loren Österreichs”, flogen nach Amerika und wurden dort als neue Marilyn Monroe angekündigt. Haben Sie sich selbst so strahlend schön empfunden, wie Sie aussahen?


Ob mein Inneres mit meinem Äußeren immer übereingestimmt hat? Ich habe nicht in diesen Kategorien über mich nachgedacht. Aber das strahlend mag richtig sein. Ich war ja so voller Lebenslust und Kraft – und habe meine amerikanischen Jahre durchaus strahlend in Erinnerung. Das Strahlen nimmt halt leider ein wenig ab, im Laufe eines Lebens. Wenn ich heute diese Unbeschwertheit von damals hätte, könnte ich sie ganz bewusst genießen.


Wieso?

Ach, man macht sich doch viel weniger Gedanken über sein Aussehen. Wenn ich ausgegangen bin, war ich in Minuten fertig. Ich bin mit nassen Haaren zum Tanzen gegangen, hatte irgendetwas Zufälliges an und sah trotzdem hübsch aus. Das ist jetzt schon ein wenig komplizierter.


Heute mit 17 – würden Sie sich für eine Casting-Show bewerben?


Nein, aber bestimmt mit 15. Mit 17 wusste ich schon meinen Weg und machte meine ersten Schritte am Theater.


In jener Zeit, sagten Sie mal, haben Sie am meisten Geld für Kosmetika ausgegeben – und brauchten sie am wenigsten. Was tun Sie jetzt für Ihr Aussehen?
Ich achte auf mich. Ich geh zum Zahnarzt. Ich fahre Rad. Ich möchte nicht fett und unbeweglich werden. Freiwillige Askese einmal im Jahr kann etwas sehr Inspirierendes sein.


Ihre Mutter ist 99 geworden, Ihr Vater 80. Trotz der Gene – würden Sie sich später mal einer Schönheits-OP unterziehen?


Nein. Ja. Ich weiß nicht.


Natürliches Altern ist in Hollywood unnatürlich. Wie haben Sie die Scheinwelt dort erlebt?


Aber warum soll Hollywood eine Scheinwelt sein? Dort wird hart, sehr hart gearbeitet. Leute, die mehr scheinen wollen, als sie sind, gibt es überall. Und Schauspieler, die ihre Rollen mit sich selbst verwechseln, das Gekreische der Teenager für die Bestätigung einer überragenden Arbeit sehen, hat es immer und überall gegeben.


Beruflich wie privat stehen Sie für Authentizität. Haben sich Ihre Werte mit den Jahren verändert?


Ich verlasse mich vielleicht mehr darauf als in meiner Jugend. Anstand, Respekt vor dem Nächsten, vor der Natur. Offenheit, Neugierde, Toleranz – an all das habe ich schon immer geglaubt und versucht, danach zu leben.


Haben Sie sich selbst auch nicht verändert?


Mein Lampenfieber ist größer geworden, weil ich die Verantwortung mehr spüre. Und ich bin eine bessere Menschenkennerin geworden, bin geduldiger.
Wann werden Sie unduldsam?


Bei Menschen, die an jedem Vorurteil Gefallen finden und daran festhalten.


Fürs Fernsehen haben Sie gerade das RAF-Drama „In den besten Jahren" gedreht, fürs Kino die Verfilmung von Daniel Kehlmanns „Ruhm". Ist Ihr Beruf Ihr Jungbrunnen?
Vom Leben nicht enttäuscht zu sein, ist ein Jungbrunnen – vielleicht. Die Arbeit, die Menschen, mit denen ich arbeite, das beflügelt mich. In einem Filmteam findest du alle Altersklassen, und am Mittagstisch sitzt der Älteste mit dem jüngsten Praktikanten zusammen, und sie erzählen sich ihr Leben. Ich sehe so viele tolle Talente, Menschen mit Zielen und Energien.


Was beflügelt Sie noch?


Wenn meine Kinder glücklich sind.


Sie sind seit 44 Jahren mit Michael Verhoeven verheiratet. Wie ist es, gemeinsam älter zu werden?
Ich muss nicht lügen, nicht jung aussehen. Es ist ein schönes Abenteuer. Zum Staunen. Zum Lachen. Und Humor braucht man.


Wenn Sie nach Ihrem Ehe-Rezept gefragt werden, sagen Sie gern, dass Ihr Mann emanzipiert ist und Sie beide wunderbar streiten. Ist es das?


Es gibt kein Ehe-Rezept. Sonst würden wir ein tolles Buch darüber schreiben. Aber wie soll man die Liebe zwischen zwei Menschen einem Dritten erklären? Das geht doch gar nicht!

 

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