Seniorin verzweifelt Krankenkasse will ihr teuren Rollstuhl aufdrängen

„Ich kann nicht mehr gehen und nicht mehr stehen“: Margot Montag (hier mit ihrem Mann Wilhelm) leidet sehr. Foto: Daniel von Loeper

Margot Montag braucht einen Rollstuhl. Den für 2599 Euro will ihr die Krankenkasse aber nicht zahlen – lieber einen, den sie nicht gebrauchen kann. Für 6500 Euro.

 

München - Bis hoch zur Decke hängen die Fotos und Zeitungsausschnitte an den Wänden im Flur. Margot Montag im grünen Glitzeranzug. Beim Steppen. Margot Montag und ihre Tanzgruppe „Lolly Molly“ beim Fasching, bei Ilona Christen in der Sendung, bei Hans Meiser. Stepptanzen, das liebte sie. „Jetzt schaue ich die Bilder aber nicht mehr an“, sagt sie, mit Tränen in den Augen. „Es tut zu sehr weh.“

Sie kommt fast nicht mehr aus ihrer Wohnung in Obergiesing, die in der zweiten Etage liegt. Auch dort kann sie sich kaum bewegen. „Ich kann nicht mehr gehen und kann nicht mehr stehen“, sagt sie. „Aber das kapieren die einfach nicht.“ Die, die das nicht kapieren, und die Münchnerin in den vergangenen Monaten auf eine wahnwitzige Odyssee geschickt haben: Das sind die Mitarbeiter der Krankenkasse.

Ihr Mann kann sie nach einem Schlaganfall nicht mehr schieben

Margot Montag ist nach einem Unfall mit einem Auto schwer gehbehindert. Krücken oder Rollator sind inzwischen undenkbar als Fortbewegungsmittel draußen. Die einzige Möglichkeit für die 78-Jährige, sich noch ein wenig in der Welt zu bewegen, ist ein Rollstuhl.

Ihr Arzt hat ihr ein Attest ausgestellt darüber, dass sie einen neuen braucht. Elektrobetrieben, weil ihr Mann Wilhelm (74) auch schwerbehindert ist nach einem Schlaganfall und sie nicht mehr schieben kann. Und zusammenklappbar muss das Gerät sein, damit man es für längere Wege im Auto verstauen kann. Ein entsprechendes Modell hatte Montag schon ausgesucht in einem Fachgeschäft, 24 Kilo leicht ist es und für ihre Bedürfnisse geeignet. Die Kosten dafür in Höhe von 2599 Euro will die Krankenkasse aber nicht übernehmen. Stattdessen soll Montag einen nicht-klappbaren Rollstuhl bekommen – für etwa 6500 Euro.

Erst nach mehrmaligem Nachfragen und Vorbeikommen bei der Krankenkasse sowie Anrufen beim zuständigen Abteilungsleiter wurde ihr mitgeteilt, warum der Antrag auf den günstigeren Rollstuhl abgelehnt wurde: Er ist nicht im sogenannten Heilmittelkatalog aufgeführt. Und er sei nicht verkehrssicher.

Montag hat sich beim Hersteller erkundigt, der Stuhl ist immerhin TÜV-geprüft. „Ich will ja damit nicht wie eine Jugendliche durch den Straßenverkehr brausen“, sagt sie. Und ihr Mann wäre immer dabei und würde aufpassen. Ihr Hausarzt hat ihr ein zweites Attest ausgestellt darüber, dass sie den Stuhl dringend braucht. Es bleibt aber dabei: kein Einsehen bei der Kasse. Der von ihr ausgewählte Scooter sei „als Hilfsmittel nicht zugelassen“, außerdem seien die „Sicherheits- und Qualitätsmerkmale nicht nachgewiesen“, heißt es in dem jüngsten Schreiben. Auch gehöre das Fahren mit einem Auto „nicht zu den elementaren Grundbedürfnissen“.

Die Seniorin leidet. Angebrochene Wirbel, Osteoporose, ein chronisches Schmerzsyndrom, ein steifes Knie – es gibt wenig, was in ihrem einst sportlichen Körper nicht wehtut. Alle drei, vier Wochen muss sie zum Arzt und bekommt Spritzen, damit sie sich überhaupt bewegen kann. Sechs sind es jedes Mal, in den Rücken. Zwei Mal am Tag nimmt sie die stärksten Morphiumtabletten, die es gibt, „sonst könnte ich gar nicht aufstehen“. Um noch etwas an der Welt teilhaben zu können, braucht sie diesen Rollstuhl.

Den Rollstuhl selbst bezahlen? „Wo soll ich das Geld herbringen?“

„Wenn sie ihn mir nicht genehmigen, ist mein Leben vorbei“, sagt Montag. Ihn selbst zu bezahlen, ist für sie undenkbar. 240 Euro Rente bekommen beide im Monat, dazu 230 Euro Pflegegeld und 37 Euro vom Sozialamt. Davon müssen sie Medikamente selbst zahlen. „Wo soll ich das Geld herbringen?“

Von fünf der sechs Kinder – zwei aus ihrer ersten Ehe, drei aus seiner – ist keine Unterstützung zu erwarten, sagt Montag. Sie melden sich nicht mehr, haben sich abgekapselt. Nur der Jüngste, der gemeinsame Sohn, kümmert sich. Aber der ist nur allgegenwärtig als Foto auf einem Kissen, er lebt bei Regensburg. „Den wollen wir nicht jedes Mal herholen, wenn wir ein Problem haben.“ Früher, als sie noch in einem Münchner Blumenladen arbeitete, hatte sie viele Freunde. Aber nun, da sie nur noch schwer aus dem Haus kommt? Die Münchnerin seufzt tief. Die Schmerzen, das fehlende Geld, der Ärger mit den Kindern, die eingeschränkte Mobilität, der Stress mit der Krankenkasse – das setzt dem Ehepaar sehr zu. „Wir möchten doch nur zufrieden leben.“

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