Seniorentanz im Hofbräuhaus Tanzen, feiern, flirten - die Ü60-Party

Hier geht's hoch her: Impressionen vom Seniorentanz im Hofbräuhaus. Foto: Katharina Alt

„Mit 80, da machen die noch zack-zack!“ Einmal in der Woche rocken Münchens Senioren den Festsaal im Hofbräuhaus. Die AZ ist dabei.

 

München -  „Prinzessin!“ Renate lacht und lässt sich zur Begrüßung von einem Pasinger Gentleman, ganz in schwarz gekleidet, umarmen und abbusseln.

Sie kommt seit zehn Jahren jede Woche aus Freising ins Hofbräuhaus zum Tanzen. „Nur wenn mer schlechte Laune ham, dann bleiben wir daheim“. Heute ist die Laune bestens. Und die lässt sich Renate von niemandem vermasseln – schon gar nicht von den Herren, die sich gerade an ihrem Tisch niedergelassen haben: „Wenn mich hier wer ärgert, dann setz‘ ich mich halt woanders hin!“

Der Eintritt? Nostalgische 2,50 Euro

Jeden Dienstag steigt von 14.30 bis 17.30 Uhr die vermutlich größte Ü60-Party der Stadt im Festsaal vom Hofbräuhaus am Platzl.

200 bis 300 Senioren rocken hier zu Tango, Walzer und Countrymusik. Nostalgische 2,50 Euro kostet der Eintritt, die Jahreskarte 10 Euro. 1980 haben Gerda und Michale Sperger, die Eltern der aktuellen Hofbräuhaus-Pächter, diesen Brauch eingeführt.

Traudl Specht ist von Anfang an dabei. Sie arbeitet seit 40 Jahren als Bedienung im Hofbräuhaus – mittlerweile aber nur noch an diesem einen Tag in der Woche: Beim Seniorentanz. Die meisten Besucher sind Stammgäste, viele kommen laut Traudl Specht bis aus Starnberg und Augsburg. Sie kennt alle.

„Wenn‘ s krank sind, dann rufen die mich daheim an und sagen mir Bescheid.“ Manchmal redet sie auch ein bisschen gut zu, damit sich der eine oder die andere doch noch aufrafft.

Aufmerksamkeit ist gefragt: Die Konkurrenz schläft nicht

Ein Herr betritt im Mantel den Festsaal und jammert über die Kälte. „Dann musst halt fest tanzen, dann wird dir schon wieder warm!“

Traudl Specht trägt Dirndl und friert nie; rund zehn Kilometer wird sie heute noch zurücklegen. Mit ihrem Tablett kreuz und quer durch den Festsaal.

14.30 Uhr. Die Gäste hält es kaum noch auf ihren Plätzen. Sobald Keyboard-Mann Wolfgang Lamsfuss die ersten Töne anstimmt, begeben sich fast alle Gäste aufs Parkett. Ehepaare, Tanzpaare, aber auch jede Menge Frauenpaare beherrschen die Schritte zu Fox, Walzer oder Cha-Cha.

"Mit 85 braucht ma koa Mannsbild mehr"

„Es fehlen halt Mannsbilder“, stellt Renate fest. Sie ist bestens ausgelastet heute – aber die Konkurrenz schläft nicht: „Die alten Frauen san so fit. Die san fitter als ich“, sagt die laut Eigenauskunft „Unter-70-Jährige“ leicht frustiert. „Die machen jeden Tanz mit. Des schaff ich ned.“

„Ich bin 85 – da braucht ma koa Mannsbild mehr. Da ist man froh, wenn man sich noch alleine waschen kann“, bekennt eine etwas füllige Dame. Ein schlanker Herr im grau-grünen Janker setzt sich gegenüber an ihren Tisch. Sie flüstert: „Schaun‘S den an. Der ist erst 70 – aber der is a nix Gscheits.“

Es menschelt an allen Ecken und Enden. Hier werden Kontakte geknüpft, Freundschaften entstehen - manchmal wird sogar mehr draus.

„Mit 80, da machen die noch zack-zack!“, verrät ein alleinstehender Herr mit wissender Miene. Er findet Frauen grundsätzlich seltsam. Was ihn aber nicht davon abhält, eine nach der anderen zum Tanzen aufzufordern.

Eine blonde Frau in einem auffälligen blauen Spitzenkleid wirbelt am Arm ihres Tanzpartners vorbei. Witwer Sebastian ist seit drei Jahren Stammgast. Er mag die familiäre Atmosphäre: „Als meine Frau im Krankenhaus war, haben mich die Menschen hier sehr getröstet.“

Man kenne sich untereinander und unternehme auch andere Dinge gemeinsam. „Das Hofbräuhaus verbindet richtig“, betont der 66-Jährige, der sich allerdings schon über ein paar neue Gesichter sehr freuen würde.

„Mii-hi-si-si-ppiiii“ klingt es aus Wolfgang Lamsfuss’ Lautsprechern. Pussycat, 1975. Kurz danach Donikkls Fliegerlied: „Heit is so a schöner Tag“ – und die Hände fliegen in den Himmel.

Egal welches Lied, die Senioren bewegen sich taktvoll zu jeder Musik. Die Tanzfläche ist immer voll. Und auch sie tanzt wieder vorbei: Die Frau im blauen Spitzenkleid, diesmal mit einem anderen Tanzpartner.

Eine 53-jährige Münchnerin ist zum ersten Mal hier. Sie ist nach fünfjähriger schwerer Krankheit wieder zurück im Leben und so glücklich, dass sie gerne etwas von ihrem Glück abgeben möchte. Das tut sie dann auch in Form von Glückssteinen: kleinen Edelsteinen, die sie in einer Schachtel mitgebracht hat.

Wenig später rockt sie mit wechselnden Partnern über die Tanzfläche. An ihrer eigenwilligen Hose mit einem Längsstreifen stört sich keiner.

„Das ist doch schöner hier als im Turnverein“, sagt Elfriede. Sie und ihr Mann sind beide 84 Jahre alt. Die Ehefrau schiebt noch schnell leise hinterher: „Also ich tät ja schon noch dreimal die Woche zum Tanzen gehen.“

Renate trägt schwarze Jeans in höchstens Größe 34 und ein rotes T-Shirt mit Glitzermotiv auf der Vorderseite. Sie schüttelt ihren gepflegten grauen Bob und erzählt grinsend, schon über 75 Jahre alt zu sein.

Sie tanzt heute mit Uschi – Glitzertop mit Zebramuster, schwarze lange Haare –, die ihren 78. Geburtstag im Kreise ihrer Tanzclique feiert. Beide wedeln sich bei einer kleinen Pause mit einem schwarzen Fächer kurz Luft zu, dann geht es wieder weiter. Und die Dame im blauen Spitzenkleid schwebt erneut den Gang hinunter.

Ein 78-jähriger Herr, der nicht namentlich genannt werden möchte, kommt jeden Dienstag heimlich zum Tanzen her. Seiner Frau erzählt er immer von einem Kneipenbesuch. Sie wäre sonst eifersüchtig.

Irmgard und Ewald sind beide 78 Jahre alt. Seit 18 einhalb Jahren gehen sie ins Hofbräuhaus zum Tanzen. Klar gebe es hier auch schonmal Eifersüchteleien.

Aber es sei eben auch sehr familiär, und man könne immer ein paar nette Worte wechseln. Irmgard muss unterbrechen.

Während sie kurz abgelenkt ist, hat eine Dame auf der anderen Seite des Festsaals deutlich Blickkontakt zu ihrem Mann aufgenommen. „Da drüben, die flirtet immer mit meinem Mann. Da muss ich aufpassen!“ Und schon schnappt sie sich ihren Ewald und schiebt ihn ganz schnell wieder demonstrativ auf die Tanzfläche zurück.

„Die ist schon über 70 und macht voll einen auf Mädchen!“

Eine Asiatin in schwarzen Jeans und Cowboystiefel hat ihre schwarzen Haare zu Zöpfen gebunden. „Die ist schon über 70 und macht voll einen auf Mädchen!“ lästert ein Rentner. Und wieder tanzt das blaue Spitzenkleid vorbei.

Eine deutlich jüngere Frau in Jeans und Pulli steht plötzlich neben Wolfgang Lamsfuss auf der Bühne. Pause für den Alleinunterhalter. Sie packt eine Mundharmonika aus, stellt sich als bekennende Hasenberglerin vor und schmettert los: Janis Joplins „Mercedes Benz“. A capella. Erst auf Englisch, dann auf Bairisch – in einer selbstgetexteten Geburtstagsversion. Eine Hommage an ihre Mama zum 70.

Alle singen Happy Birthday. Eine Dame wünscht sich anschließend Polka.

Da ist der Mann, der immer humpelt – nur nicht beim Tanzen. Und die demenzkranke Frau, die beim Tanzen immer ihre Demenz vergisst und selig übers Parkett schwebt.

Tanzen ist auch Therapie

Zwei Damen, deren Rücken beinahe im 90-Grad-Winkel gekrümmt sind, tanzen mit größter Freude und Selbstverständlichkeit zusammen Foxtrott. Tanzen ist auch Therapie.

Emma und Karl, 76 und 80 Jahre alt, haben sich hier kennengelernt. Wegen kleiner Unstimmigkeiten habe er sich von seinem Tisch weggesetzt – zu Emma. Die beiden mochten sich. Am nächsten Tag hätten sie sich in der Stadt verabredet. Karl sei mit ihr einkaufen gegangen. Dann habe Emma ihn mit nach Hause genommen.

Das ist jetzt sechs Jahre her, die beiden wohnen längst in Emmas Wohnung zusammen. Er kocht und bastelt, und gemeinsam fahren sie „ganz schön viel und gerne“ in der Gegend herum. Dienstags aber kommen sie ins Hofbräuhaus zum Tanzen und sehen immer noch schwer verliebt aus.

Der Ehemann sitzt unten in der Schwemme

Endlich legt die Dame im blauen Kleid eine Pause ein. Sie heißt Anni. Tanzen ist ihre Leidenschaft. „Mein Mann sitzt unten in der Schwemme, der tanzt nicht mehr. Aber das macht mir nichts!“ Ihr Kleid sitzt perfekt - ihre Figur ist es auch. In Hosen tanzen? Niemals! Auch Kleider von der Stange kommen Anni nicht ins Haus.

Das blaue Spitzenkleid hat eine Schneiderin genäht, und das sieht man. Der Tellerrock wirbelt hoch und lässt einen Blick auf ihre makellosen Beine frei. Ein Rentner unkt: „Des macht die nur, um ihre Haxn zu zeigen!“ Ein besorgter Tänzer warnt: „Da kann man fei alles sehen!“ Anni wirbelt fröhlich lachend und schulterzuckend davon mit den Worten: „Na, und? Ich bin doch noch keine 80!“

 

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