Seit zwei Monaten in Deutschland E-Scooter-Bilanz: Klimaretter oder Okösunde?

Viele kleine bereifte Elektro-Bretter düsen seit Juni durch die Städte. Foto: Christoph Soeder/dpa

An E-Scootern scheiden sich die Geister. Was lässt sich zwei Monate nach der Zulassung in Deutschland sagen? Ein Zwischenstand.

 

München - Seit Juni rollen sie durch viele Städte und stehen auf Gehwegen, an Kreuzungen und Bahnstationen. Die zum Verleih angebotenen E-Scooter haben bereits viele Diskussionen ausgelöst. Ein Überblick:

CO2-Verbrauch

Legt man den deutschen Strommix zugrunde, würden bei einer 100-Kilometer-Strecke auf einem E-Tretroller etwa 0,5 Kilogramm des Treibhausgases CO2 ausgestoßen, sagt Alexander Jung vom Think Tank Agora Verkehrswende. Ein neuer benzinbetriebener Kleinwagen produziere auf der gleichen Strecke gut elf Kilogramm. Um die CO2-Bilanz zu berechnen, reicht der Blick auf einzelne Fahrten jedoch nicht aus: Auch bei Herstellung und Transport der Roller fallen klimaschädliche Stoffe an.

Instandhaltung

Um die Akkus aufzuladen, müssen die Roller zu Ladestationen gebracht werden. Für diesen Transport fielen unnötige CO2-Emissionen an, sagt Jung. Eine Sprecherin des Anbieters Voi sagt, das Unternehmen wolle künftig auf austauschbare Batterien und E-Lastenräder für den Transport setzen. Agora-Experte Jung sagt, Wechselbatterien lösten das Problem der vielen Fahrten zur Instandhaltung nicht. Auch um die Roller dorthin zu bringen, wo sie gebraucht würden, müssten die Geräte mit größeren Fahrzeugen transportiert werden.

Akkus

Laut Umweltbundesamt enthalten die Akkus der Roller eine fluorhaltige, giftige Flüssigkeit, die leicht entzündlich sei. Bekommt die Batterie etwa einen Riss, könne der Akku in Brand geraten. Zudem werden für die Akkus unter anderem Lithium und seltene Erden verwendet. Der Lithium-Abbau ist für die Umwelt bedenklich.

Derzeitige Akku-Modelle könnten bei täglichem Laden knapp drei Jahre durchhalten, schätzt Jung. Rechne man die Produktionsschritte für die Akkus zusammen, falle so viel CO2 an wie für eine 250-Kilometer-Fahrt mit einem VW Golf, sagt er. Die gesamte Lebensdauer ihrer Roller schätzen die Betreiber derzeit auf über ein Jahr, wie Sprecher von Voi, Tier und Lime mitteilen.

Verkehrswende

Noch gibt es nur wenige Daten zum Einfluss des E-Scootern-Verleihs auf den Autoverkehr in deutschen Städten. Das Umweltbundesamt verweist auf eine Umfrage unter 4000 Verleih-Nutzern in Paris. Demnach wäre fast die Hälfte der Befragten ohne Roller zu Fuß gegangen. Knapp 30 Prozent hätten den öffentlichen Nahverkehr genutzt oder das Fahrrad genommen.

Nur acht Prozent der Befragten ersetzten demnach mit dem geliehenen E-Scooter eine Auto- oder Taxifahrt. Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik ist skeptisch: „E-Scooter werden besonders im Freizeitverkehr und von Touristen benutzt“, sagt der Mobilitätsforscher. E-Scooter könnten den Autoverkehr in der Stadt nicht reduzieren: „Da hat sich der Verkehrsminister einen Bären aufbinden lassen.“ Besonders Außenbezirke von Städten ließen sich nicht wirtschaftlich abdecken. Agora-Experte Jung glaubt, E-Scooter hätten das Potenzial, ein kleiner Baustein für einen umweltfreundlicheren Stadtverkehr zu werden. Sie allein würden die Verkehrswende aber nicht schaffen.

Arbeitsbedingungen

Juicer, Unicorns, Hunter, Ranger – die schillernden Jobbezeichnungen der verschiedenen E-Scooter-Verleiher klingen vielversprechend. Diejenigen, die die Geräte einsammeln, seien häufig Studierende oder Zeitarbeiter, die pro Roller bezahlt würden, sagt Bracher vom Institut für Urbanistik. In den ersten Wochen könne man nicht davon ausgehen, dass ein Großteil der Mitarbeiter in etablierten Arbeitsverhältnissen stecke. Oliver Suchy vom Deutschen Gewerkschaftsbund kritisiert: „Bei den E-Scootern erleben wir ähnlich prekäre Arbeitsbedingungen wie auf anderen Plattformen.“ Voi und Tier weisen die Kritik zurück. Davon könne keine Rede sein.

Stolperfallen

Viele Städte klagen über unachtsam abgestellte oder abgelegte Geräte. Verbände beklagten, dass nachlässig abgestellte E-Scooter ein Problem für behinderte Menschen sein könnten. Viele Kommunen haben schärfere Regeln angekündigt.

Sicherheit

Viele Nutzer stünden das erste Mal auf den Rollern und seien unsicher unterwegs, sagt ein Sprecher des Anbieters Lime. Die Firma will Fahrtrainings anbieten. Außerdem empfehle man Nutzern einen Helm, Pflicht ist der nicht. Den Deutschen Verkehrssicherheitsrat besorgt, dass viele Nutzer betrunken auf die Geräte steigen. In München sind bereits mehr als 400 E-Scooter-Fahrer betrunken erwischt worden, die Polizei kontrolliert täglich. Derzeit gelten die gleichen Promille-Grenzen wie für Autofahrer.

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