Schwerbehinderter darf nicht auf Konzert Vier Monate um Tickets bemüht – vergeblich

Am 26. April spielt Hans Zimmer in der Olympiahalle: Nicolino Martino wäre gern dabei – aber es geht nicht. Er fühlt sich verloren in der Demokratie. Foto: obs/Sky Deutschland/Peter „Oso“ Snell/privat

Nicolino Martino möchte das Konzert von Hollywood-Komponist Hans Zimmer in München sehen, Aber die Karten-Agentur bremst ihn aus. Das hängt offenbar mit seiner Behinderung zusammen.

 

München – Hans Zimmer, den Filmmusik-Komponisten, mag Nicolino Martino gern. Zimmer gibt im April in der Olympiahalle ein Konzert, also wollte Martino für sich und seinen Neffen zwei Karten kaufen. So einfach, so schon Millionen Male geschehen.

Für Nicolino Martino hat sich dieser simple Vorgang aber monatelang sinnlos bürokratisch hingezogen – und zum Konzert kann er trotzdem nicht.

Der Mailverlauf liest sich wie eine Geschichte von Kafka

Denn nun teilte ihm die Münchner Konzertagentur PGM mit, dass es keine Karten mehr gibt. „So etwas ist mir noch nie passiert“, sagt Martino, „als ich das gelesen habe, da dachte ich: Die ganze Welt geht drunter und drüber!“

Anfang November hat der 49-jährige Frührentner zum ersten Mal die Agentur kontaktiert. Da der Augsburger schwerbehindert ist, nicht ohne Krücke gehen kann, ist das Ticket für einen Begleiter umsonst, für diese Karten muss man deshalb seinen Behindertenausweis vorzeigen. Da kam die erste Hürde: Das geht nicht an der Vorverkaufsstelle, sondern nur online. Er solle seinen Ausweis einscannen und mailen und außerdem seine Wunschplätze angeben, teilte man ihm bei PGM mit.

Der Mailverlauf seitdem liest sich wie eine Kurzgeschichte von Kafka: „Ja, wir haben Ihren Ausweis erhalten“, schreibt eine Mitarbeiterin am 10. November 2015. Danach geschieht nichts.

Zwei Wochen später fragt Martino noch einmal nach, um versichert zu bekommen: „Ja, wir haben Ihre E-Mail erhalten und auch Ihren Ausweis! Meine Kolleginnen werden sich so zeitnah wie möglich bei Ihnen melden!“ Mehr geschieht allerdings wieder nicht.

Martino fragt im Januar erneut nach. Die Antwort: „Entschuldigen Sie, dass Sie bis heute nichts bekommen haben! Bei uns ist momentan viel los, daher bitten wir Sie, uns noch einmal in einer Mail gesammelt Ihre Wunschplätze, Ihren Schwerbehinderten-Ausweis und Ihre Rechnungsadresse zu schicken.“ Es könne sein, dass die Mails, die er geschickt habe, untergegangen seien.

„Ich finde, das ist schon Diskriminierung“

Martino wird wütend. Er schickt die Unterlagen mit dem Hinweis, es käme ihm vor, als wolle man ihn auf den Arm nehmen. „Dies ist meine letzte Mail“, schreibt er im Februar.

Es wird auch tatsächlich seine letzte Mail an PGM bleiben, denn jetzt hat sich das Spielchen aufgelöst. In der letzten elektronischen Post der Agentur steht: „Hallo Herr Martino, wir haben leider schon sehr lange kein Kontingent mehr.“

Martino will niemanden beleidigen oder bestrafen mit dieser Geschichte, sagt er, „aber da geht es ums Prinzip. Die haben das immer wieder verzögert aus irgendwelchen Gründen, und sowas macht man nicht. Ich finde, das ist schon Diskriminierung.“

Bei der Agentur sieht man den Vorgang erwartungsgemäß etwas anders: Es habe extrem lange gedauert, bis Martino alles gemailt habe – seinen Ausweis, seine Rechnungsadresse und seine Wunschplätze. „Wir kriegen sehr viele Anfragen. Und je mehr einzelne Mails man bekommt mit verschiedenen Informationen, desto leichter verliert man den Überblick“, sagt eine Mitarbeiterin der AZ. Bis Martino alles geschickt habe, „war das Konzert eben ausverkauft“. Am Kontingent könne PGM nichts ändern, das verwaltet München Ticket.

„Ich kann den Ärger nachvollziehen“, sagt die Mitarbeiterin. „Aber wenn es so lange dauert, die Unterlagen zu schicken, kann man die Tickets nun mal nicht mehr halten.“

Martino versteht das nicht. „Ich habe doch alles geschickt“, sagt er. „Sowas macht man doch nicht mit Menschen!“ Wird er sich jetzt anders Tickets für Hans Zimmer besorgen, beispielsweise über den „Fan Sale“ der Olympiahalle – auch wenn die gut 200 Euro kosten? Nein, sagt Martino. „Jetzt mag ich auch nimmer.“

 

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