Schweiz Miuccia Prada: Einsame Spitze

St. Gallen - Altbacken. Bieder. Eher für Omas Kaffeetafel als für den Laufsteg gemacht. Oder? Wer nach St. Gallen fährt, merkt schnell, dass die Haltbarkeitsdauer der Vorurteile kürzer sein kann als die Reise in die Ostschweiz. Nach fünf Minuten im Foyer der Firma Forster Rohner ist klar: Bieder sind Spitzen keineswegs. Die Wände sind dekoriert mit Modefotos aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren: ein Kleid von Dior im Schuppenlook etwa oder ein Hosenanzug von Yves Saint Laurent in Pierrot-Silhouette. Hans Schreiber ist Kreativdirektor bei Forster Rohner.

 

In Filderstadt bei Stuttgart geboren, ausgebildet als Designer in Antwerpen, in Mailand als Berater in der Modebranche tätig und jetzt in St. Gallen für 120 Dekors in der Saison verantwortlich. Nach zehn Minuten hat Hans Schreiber die zweite Fehlannahme widerlegt: Die St. Gallener Spitze ist gar keine, es sind Stickereien. Spitzen werden geklöppelt. Die durchbrochenen Gewebe, die hier in allen Varianten, Garnen, Farben, Mustern, Verpielt- und Nüchternheiten produziert werden, sind auf Stoff aufgestickt. Wenn dieser Hilfsstoff in einem späteren Verfahren durch eine Lauge weggeätzt wird, bleibt etwas übrig, das aussieht wie Spitze. Stickerei-Spitzen könne man schon dazu sagen, sagt Herr Schreiber und lächelt zuvorkommend. Die Begeisterung des Designers für die einzelnen Muster, die wie Gardinenschals am Ständer hängen, ist aber nicht nur professioneller Natur.

Das Herz der Firma sitzt im Archiv

Schreiber lässt nicht locker, bis er einen bestimmten Hahnentritt-Stoff gefunden hat. Er zeigt das Muster, das der belgische Designer Dries van Noten für eine Kollektion verwendet hat. Im Maschinenpark von Forster Rohner werden die Stoffe auf 14 Meter breiten Bahnen mit Tausenden von Nadeln computergesteuert bestickt. Ein Höllenlärm in einer fast menschenleeren Halle. Das Herz der Firma sitzt im Archiv: Dort werden seit über 100 Jahren die Stoffmuster jeder Kollektion gesammelt. In großen Alben kleben jeweils ein Muster und das entsprechende Modefoto dazu - jede Seite eine Ode an die Eleganz. Wunderschöne Frauen in wunderschönen Kleidern.

Schreiber nutzt das Archiv als Inspirationsquelle. Aber auch Designer großer Labels haben Zutritt zu der Schatzkammer, können sich hier Ideen holen. Für die Entwurfsarbeit von Hans Schreiber sind die langen Vorlaufzeiten in der Produktion eine ziemliche Herausforderung. Jetzt arbeitet er an der Kollektion fürs übernächste Jahr. „Ich kann nicht in die Zukunft schauen. Aber spüren, was aus den Trends der Gegenwart wichtig bleiben wird. Das entwickle ich dann weiter“, sagt Schreiber.

Gelber Mantel aus St. Gallener Spitze

Dass US-Präsidentengattin Michelle Obama bei der Amtseinsitzung ihres Mannes einen gelben Mantel aus St. Gallener Spitze getragen hat, war gut für die Publicity. Allerdings: Den Großteil ihres Umsatzes macht die Firma mit zartem Zierrat für Damenwäsche. Es gibt kaum eine Familie in der Stadt, in der nicht irgendjemand irgendwann mit der Textilindustrie zu tun hatte. Nicht immer waren es gute Erfahrungen, weiß Reni Schmitter. Auch ihr Vater war einmal in den siebziger Jahren arbeitslos, als wieder einmal eine Textilfirma schloss. Den Höhepunkt hat die Spitzenstickerei vor 100 Jahren erlebt. Damals hatte die St. Gallener Stickerei Abnehmer von China bis Afrika, war in New York so gefragt wie in Paris. Die Hälfte des Weltbedarfs für Stickereien wurden in der Ostschweiz produziert, St. Gallen war eine der reichsten Städte der Welt.

Viele Familien arbeiteten in Heimarbeit auf der Stickereimaschine. Die Kinder mussten die Nadeln einfädeln, 30, 50, 100, kein Kinderspiel. Mit dem Ersten Weltkrieg kam die große Krise, die Inflation, die Mode wurde sachlicher. Heute sind nur noch eine Handvoll von Fabriken übrig, die in der Nische überleben. Reni Schmitter ist Schulberaterin, ihr Mann Rolf war Banker. Beide haben die Initiative Textilland Schweiz gegründet. „Wir haben in Schweden gesehen, wie gut dort das kulturelle Erbe der Glasbläser in Smaland präsentiert wird. Und haben uns gefragt, warum es das bei uns nicht gibt.“

Die Stadt präsentiert ihr textiles Erbe

Mittlerweile hat das engagierte Ehepaar dafür gesorgt, das man als Hotelgast in Textilzimmern schlafen kann, dass die Museen zum Thema in einer Broschüre gesammelt sind und dass man als Gast auf der Suche nach einem Souvenir mit einer iPad-Hülle im St. Gallener Spitzenlook fündig werden kann. Die Stadt präsentiert ihr textiles Erbe an vielen Stellen. Ein Spaziergang mit der Stadtführerin Claudia Schneider öffnet einem die Augen dafür, dass die allgegenwärtigen Prachtbauten eng mit der Textilgeschichte verwoben sind. Das Bleicheli, heute ein surreal anmutender roter Platz, auf dem die Sofas und der Boden mit Tartan überzogen sind, war einst eine kleine Bleiche für Leinwandgewebe.

Damit hat man in St. Gallen ab dem 16. Jahrhundert sehr erfolgreich gehandelt. Leinen braucht Sonnenlicht, um das Gelb loszuwerden. Weißes Gold wurde der Stoff auch genannt. „Wie eine moderne Reichenau sah St. Gallen damals aus, oder?“, so Claudia Schneider beim Betrachten eines alten Gemäldes im Stadthaus. Rings um die Stadt riesige Felder in Weiß, Stoff statt Gewächshäusern. Die prächtigen Jugendstilbauten im Zentrum sind Stickerei-Paläste, deren Fassaden Geschichten vom Handel erzählen. Im Haus Oceanic - die Stickereien gingen auch über den Ozean - sind die griechischen Schicksalsgöttinnen in Stein gemeißelt, die einen goldenen Faden in der Hand halten.

Heute sind es Männer wie Hans Schreiber, die weltweit unterwegs im Dienst der Nadel sind. Auf Messen, bei Kunden, immer auf der Suche nach dem Trend, der St. Gallen den Platz an der Spitze der Spitzenstickerei sichert.

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