Schon 30 bestätigte Corona-Fälle Altenheim im Westend: Der Tag nach dem Schock

Ein Krankentransportfahrer desinfiziert die Liege, auf der eine Heimbewohnerin lag. Hinter den dunklen Scheiben schaut ihm eine andere Bewohnerin dabei zu. Foto: Nina Job

Am Dienstag wurde bekannt, dass es in einem Altenheim im Westend viele Corona-Infizierte gibt. Wie sich dort nun der Alltag verändert, was Chefs, Nachbarn und der Pfarrer sagen.

 

Westend - "Zugang verboten", steht an der Tür des evangelischen Pflegeheims Leonhard-Henninger-Haus in der Gollierstraße im Westend.

Das Haus ist abgeriegelt. Hinter den Glastüren ist ab und zu ein Pfleger zu sehen. Seit Mittwoch tragen alle Mundschutz und Handschuhe. Die Pflegestation im dritten Stock ist zur Quarantänestation geworden. Hier geht es nur noch durch eine Schleuse hinein, die Pfleger tragen FFP2-Masken und Schutzanzüge.

Seit Dienstag ist bekannt, dass sich das Coronavirus nun auch in Seniorenheimen im Raum München ausgebreitet hat. Das Haus der Inneren Mission im Westend ist derzeit am schlimmsten betroffen. 25 Bewohner im Alter von 63 bis 99 Jahren wurden positiv getestet, außerdem fünf Pflegekräfte. Vermutlich werden es noch mehr. Mittlerweile wurden alle 141 Bewohner und 102 Mitarbeiter getestet.

Ein Pflegehelfer des Münchner Altenheims war in Barcelona

"Ich bin weiterhin für Sie da", verspricht der Pfarrer – trotz allem. Am Morgen, nachdem die erschütternde Nachricht bekannt geworden ist, wirkt das Haus wie unter einer Glocke. Aus einem geöffneten Fenster tönt überlaut die Stimme eines Nachrichtensprechers. Immer wieder fällt das Wort Corona.

Im Hochparterre wird eine alte Frau im Rollstuhl ans Fenster geschoben. Der Raum ist sonst menschenleer. Die Frau winkt einem Mann zu, der draußen auf dem Gehsteig steht. Er soll doch reinkommen, deutet sie ihm. Aber das ist nicht möglich. Schon seit Wochen dürfen die Bewohner nicht mehr raus und Besucher nicht mehr herein.

Das Virus hat sich trotzdem verbreitet. Ein Pflegehelfer, der Anfang März in Barcelona war, hat es wohl hineingetragen. "Es trifft niemanden eine Schuld", betont Geschäftsführer Gerhard Prölß.

Bewohner sind durchschnittlich 86 Jahre alt, "viele werden sterben"

Die Verantwortlichen versuchen, den Bewohnern und Beschäftigten Mut zu machen. "Es geht jetzt nicht die Welt unter hier drinnen", sagt Heimleiter Frank Chylek. Prölß, berichtet, dass die Stimmung im Haus gut sei und dass nach der Hiobsbotschaft nur eine Mitarbeiterin nicht mehr zur Arbeit gekommen sei. Sie hat sich krank gemeldet.

Prölß betont: "Wir haben keine schweren Krankheitsverläufe. Wir haben im ganzen Haus nur acht Bewohner mit leichtem Fieber und leichtem Schnupfen." Noch. Die Bewohner sind durchschnittlich 86 Jahre alt, sie haben Pflegegrad zwei bis fünf. Pfarrer Bernd Berger von der Auferstehungskirche im Westend hat die Bewohner alle angeschrieben, sie sollen ihn anrufen: "Ich bin auch weiterhin für Sie da." Die Gottesdienste, die früher einmal in der Woche im Heim stattfanden, gibt es nicht mehr.

Auffallend viele Menschen, die am Mittwoch an dem Heim vorbeigehen, tragen ebenfalls Mundschutz. "Es werden viele Leute sterben", sagt die Ballettlehrerin Kim Flammiger (55). "Ich begreife nicht, dass es immer noch Menschen gibt, die Corona mit der Grippe vergleichen."

Kisten voller Hygieneartikel werden ins Heim im Westend geliefert

Der Briefträger, der sonst jeden Tag die Post ins Heim trägt, wirft sie heute nur ein: "Das ist schon grenzwertig. Gestern war ich noch drin." Währenddessen schleppt der Hausmeister mit seinem Kollegen Kisten voller Hygieneartikel ins Haus, die eine Spedition auf dem Gehsteig abgeladen hat. Nur zum Rauchen nimmt der Neue den Mundschutz ab. Es ist sein erster Tag.

Im Häuserblock gegenüber, nur wenige Schritte entfernt, schaut die Rentnerin Ingeborg Richter (74) aus dem Fenster. Sie hat ihren Mann Josef, der seit zwei Jahren im Leonhard-Henninger-Haus wohnt, seit Wochen nicht besuchen dürfen. Erst ging das Norovirus im Heim um, nun das. "Es ist schlimm. Schlimm. Schlimm", sagt sie. "Ich war jeden Tag bei ihm. Jetzt können wir nur noch telefonieren." Doch das ist schwierig, ihr Mann ist dement.

Für die alte Frau am Fenster gibt es plötzlich Abwechslung. Ein Krankentransporter parkt auf dem Gehsteig. Der Fahrer steigt aus, aber nicht, um jemanden zu holen, sondern um eine Bewohnerin zu bringen. Die Frau war im Krankenhaus, darf wieder nach Hause – in ein Zuhause, in dem nun Covid-19 grassiert. Nachdem der Fahrer die leere Liege an der Pforte wieder in Empfang genommen hat, desinfiziert er sie minutenlang.

Lesen Sie hier: Coronavirus in zweitem Münchner Heim nachgewiesen

 

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