Schluss mit dem Turbo-Tourismus Ramsau: Bayerns erstes Bergsteigerdorf

Seit 500 Jahren fast unverändert: Die Pfarrkirche Sankt Sebastian von Ramsau steht für das ursprüngliche Dorfbild der Gemeinde. Foto: BGLT/Fritz Rasp

Keine Bettenhochburgen und alles so ursprünglich wie möglich: Ramsau hat  ein besonderes Prädikat – ein Besuch.

Ramsau - Was ist ein „Bergsteigerdorf“? Ein Ort, wo einem überwiegend Typen wie Luis Trenker und Reinhold Messner begegnen? Wo überall Kletterwände aufgestellt sind, oder der nur für Geübte und Schwindelfreie zu erreichen ist?

Keineswegs: In Ramsau, dem ersten und bisher einzigen „Bergsteigerdorf“ Deutschlands, geht es eigentlich ganz normal zu. Mit dem Unterschied, dass man hier dem Turbo-Tourismus ganz und gar abgeschworen hat.

Das Prädikat

Das Prädikat „Bergsteigerdorf“ hat vor etwa zehn Jahren der Österreichische Alpenverein (ÖAV) erfunden. Inzwischen dürfen sich 21 österreichische Gemeinden mit dieser Bezeichnung schmücken.

Der Deutsche Alpenverein (DAV) übernahm 2014 die Idee und begab sich auf die Suche nach Fremdenverkehrsorten, die den strengen Kriterien genügen. „Beinahe wäre das Projekt wieder ad acta gelegt worden“, erzählt Hanspeter Mair vom DAV bei einem Besuch der Grünen-Landtagsfraktion in Ramsau. Verschiedene Gemeinden waren interessiert an dem Prädikat, doch immer passte irgendetwas nicht.

Das erste Dorf

Dann schließlich wurde man doch noch im Berchtesgadener Land fündig: In Ramsau am Fuße von Watzmann und Hochkalter konnte der DAV auf die begeisterte Kooperation des CSU-Bürgermeisters Herbert Gschoßmann bauen. Er sei einer der grünsten Schwarzen, der herumläuft, bekennt Gschoßmann. Die Auszeichnung „Bergsteigerdorf“ dürfe „keine Marketingstrategie“ sein, sondern „aus Überzeugung“ angestrebt werden, meint Gschoßmann.

Die Voraussetzung

Der DAV denkt nicht daran, das Prädikat „Bergsteigerdorf“ wie Faschingsorden über das Land zu verteilen. Die Voraussetzungen sind streng: Bewahrung der örtlichen Kultur und Tradition, nachhaltiger Tourismus unter Verzicht auf technische Erschließungsmaßnahmen, regionaltypische Bebauung, nachhaltige Berg- und Forstwirtschaft, aktiver Natur- und Landschaftsschutz und sanfte Mobilität.

Konkret bedeutet das unter anderem: keine riesigen Hotelpaläste, keine Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten, keine Bettenkapazitäten, welche die Zahl der Einwohner um das Mehrfache übersteigen.

Die Probleme

Das alles erfüllt Ramsau – fast. Denn mit der „sanften Mobilität“ hapert es noch. „Die meisten Gäste reisen mit dem Auto an“, sagt Franz Lichtmanegger, Inhaber des größten Hotelbetriebs vor Ort. Das Hotel Rehlegg arbeitet dank Solarthermie, Photovoltaik und Blockheizkraftwerk zu 100 Prozent CO2-neutral und bezieht 90 Prozent der benötigten Lebensmittel aus der Region.

Bei Ananas und Bananen sei das leider nicht möglich, bedauert der Hotelchef.

Die Bewerber

Für die Grünen ist Ramsau die Zukunft des Tourismus im bayerischen Alpenraum. Nachhaltiger und umweltfreundlicher Tourismus im Sinne der Alpenkonvention sei das große Wachstumssegment, heißt es in einem Positionspapier. Man werde alle Orte im Alpenraum unterstützen, die sich ebenfalls auf den Weg machen, „Bergsteigerdorf“ zu werden.

Eines hatte sich schon auf den Weg gemacht, war aber gescheitert. Hinterstein, Ortsteil der Allgäuer Fremdenverkehrsgemeinde Hindelang, war schon kurz vor dem Ziel, als ein geplantes Wasserkraftwerk den „Bergsteigerdorf“-Plänen ein jähes Ende setzte. Es gab einigen Ärger. Beim DAV will man daher über weitere Bewerbungen nicht offen reden. Wie man hört, sollen auch Gunzesried im Allgäu und Sachrang im Chiemgau nach dem Titel streben.

Die Alpenvereine in Österreich und Deutschland wollen verhindern, dass ihre Marke „Bergsteigerdorf“ verwässert wird. Zu spüren bekam das die österreichische Fremdenverkehrsgemeinde Kals am Großglockner. Weil ein Investor dort einen neunstöckigen Suitenturm errichtete, wurde Kals das Prädikat „Bergsteigerdorf“ wieder aberkannt. Recht so, meinen die bayerischen Grünen: „Die strengen Kriterien tragen dazu bei, dass es zu keiner Verwässerung des Begriffs kommt.“

Die nunmehr 22 österreichischen und deutschen „Bergsteigerdörfer“ werden den 1,1 Millionen deutschen und den 0,5 Millionen ÖAV-Mitgliedern empfohlen. Das und die zahlreichen Medienberichte zahlen sich aus. Doch über die vorhandenen 2700 Betten hinaus signifikant wachsen darf Ramsau gar nicht, um den Status nicht wieder zu gefährden.

Der Ramsauer Tourismusdirektor Fritz Rasp wünscht sich aber eine Verlängerung der Saison in den Winter hinein. Dafür wird eifrig Schnee geschaufelt, um einen Teil der Wanderwege begehbar zu machen. Über Kilometer auch mit der Hand. Der Titel „Bergsteigerdorf“ wird eben nicht geschenkt.

 

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