Schloss Blutenburg 70 Jahre Internationale Jugendbibliothek

Schloss Blutenburg. Foto: Internationale Jugendbibliothek

Die Internationale Jugendbibliothek feiert ihr 70-jähriges Bestehen mit einem großen Familienfest im Schloss Blutenburg

 

Wer über den kleinen Graben geht und das Tor durchschreitet, betritt eine eigene Welt: die der Kinder- und Jugendliteratur. Hier wird gesammelt und geforscht und Lust aufs Lesen gemacht. Vor 70 Jahren hat Jella Lepman die Jugendbibliothek gegründet, damals in einem Palais in der Kaulbachstraße 11a. Seit 1983 ist sie im Schloss Blutenburg in Obermenzing untergebracht.

AZ: Frau Raabe, was zeichnet ein gutes Kinderbuch aus?
CHRISTIANE RAABE: Gute Kinderbuchautoren beschäftigen sich oft mit der eigenen Kindheit, die sie als intensive Zeit erlebt haben. Aus dieser Nähe entsteht eine respektvolle Haltung gegenüber den jungen Lesern, die man in den Büchern spürt. Humor spielt eine große Rolle, auch sollte man Kinder nicht unterfordern. Gute Kinderliteratur überrascht übrigens auch Erwachsene.

Galten diese Kriterien auch schon in den 1940er Jahren, als Jella Lepman die Jugendbibliothek aufgebaut hat?
Damals gab es eine Schmutz-und-Schund-Debatte, in der das Pädagogische und Moralische eine große Rolle spielte: Welche Bücher sind für Kinder gut, welche schädlich? Man glaubte daran, dass Bücher die Menschen und die Welt besser machen können. Ich glaube, dass jeder Mensch, der ein gutes Buch liest, Dinge danach etwas anders sieht. Bücher können in einem etwas auslösen. Das sind dann die Bücher, die einem in Erinnerung bleiben.

Sind Kinderbücher nicht auch ein sozialer Kitt für eine Generation, wenn praktisch jeder die gleiche Leseerfahrung gemacht hat?
Ja, es gibt zum Beispiel die Generation „Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“, die eine gemeinsame Lese-Biografie hat. Diese Bücher haben Geschichte geschrieben. Als Bibliothek versuchen wir, Kinder ans Lesen heranzuführen und mit ihnen über Bücher zu reden. Man kann auch in kleinen Gruppen gemeinsame Leseerfahrung sammeln.

Als Jella Lepman 1946 im ehemaligen Nazi-Bau Haus der Kunst die Kinderbuchausstellung gemacht hat, sind die Kinder hineingeströmt, hungrig nach Büchern, die ihnen zwölf Jahre lang vorenthalten worden waren. Strömen die Kinder heute auch noch so?
Am Ende des Zweiten Weltkriegs gab es kaum Kinderbücher, der Lesehunger und das Interesse an neuen Büchern, vor allem aus dem Ausland, war enorm. Man wollte wissen, was jenseits der Grenzen gedacht und geschrieben wurde. Daher war diese Buchausstellung so erfolgreich. Heute funktioniert es nicht mehr, Kinderbücher in Vitrinen auszustellen. Man muss Kinder zum Entdecken einladen. Und Begleitprogramme mit Autoren machen, die oft tolle Botschafter ihrer Bücher sind.

Sie weisen ja auch mit dem White Ravens Festival auf Bücher und Autoren hin.
Das White Ravens Festival organisieren wir seit 2010. Wir laden Autoren aus aller Welt ein, fünf Tage lang in München und an vielen Orten in Bayern aufzutreten. Sie lesen in etlichen Städten und Gemeinden, in Bibliotheken, Schulen, Museen, manchmal auf einem Marktplatz, wir haben auch schon Autoren auf den Berg und zu einer Lesung ins Gefängnis geschickt. Mit den etwa 90 Veranstaltungen erreichen wir 10 000 Kinder und Jugendliche.

Können bei Ihnen Kinder einfach vorbeikommen? Wie öffentlich ist das Haus?
Wir sind keine Stadtbibliothek wie der Gasteig, sondern in erster Linie eine Spezialbibliothek. Es gibt aber eine internationale Kinderbibliothek, die am Nachmittag für Groß und Klein geöffnet hat. Da kann man Kinder- und Jugendbücher in mehr als 20 Sprachen ausleihen, einen Kurs, einen Bücherclub oder einen Erzählnachmittag besuchen. Außerdem feiern wir tolle Familienfeste.

Jella Lepman hat über die einzelnen Botschaften bei den Staaten der Welt um Bücherspenden gebeten. Wie läuft es bei Ihnen heute?
Die Bibliothek hat keinen Anschaffungsetat. Das ist Fluch und Segen zugleich. Segen deswegen, weil ein Netzwerk von Bibliothekslektoren, die sehr viele Sprachen beherrschen, in Verbindung mit Verlagen weltweit steht. Pro Jahr bekommen wir dank dieses internationalen Netzwerks 10 000 bis 12 000 Bücher geschenkt. Die Verlage schicken uns die Bücher, weil wir sie als Teil des Kulturerbes sammeln, sie werden für Forschungszwecke dauerhaft in den Magazinen gelagert. Der fehlende Anschaffungsetat ist aber auch Fluch, weil wir nicht alles kriegen, was wir gerne hätten. Aber wir sind auf den beiden wichtigsten Buchmessen in Frankfurt und Bologna und sammeln dort viele Bücher direkt ein.

Bei 10 000 neuen Büchern im Jahr müssen doch die Räume bald voll sein.
Glücklicherweise nein. Es gibt ein großes Magazin unterm Schlosshof mit 450 000 Büchern. Und wir haben schon vor zehn Jahren ein zusätzliches Magazin angemietet. In dem ist für mindestens zehn weitere Jahre Platz.

Die Jugendbibliothek ist eine Stiftung. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Die Stiftung gibt es seit 1996 und sie ist für die Zukunftssicherung wichtig. Reich ausgestattet ist sie leider nicht. Umso wichtiger ist es, dass die Internationale Jugendbibliothek seit Jahrzehnten federführend vom Bund, aber auch vom Freistaat und der Stadt institutionell gefördert wird. Dazu kommen Eigeneinnahmen und Projektgelder, die wir für Ausstellungen und Veranstaltungen einwerben. Auch Privatpersonen unterstützen uns mit Spenden – und es gibt einen Freundeskreis, der sich sehr engagiert. Die Finanzierung der Bibliothek ist wie ein großes Puzzle.

Eine große Unterstützerin von Jella Lepman war die damals schon Ex-First-Lady Eleanor Roosevelt. Wie sind Ihre Verbindungen heute ins Weiße Haus?
Die gibt es nicht – aber in die USA schon. Wir haben oft amerikanische Stipendiaten zu Gast, einige wurden zu Freunden. Über solche Netzwerke bekommen wir bisweilen wichtige Sammlungen aus den USA geschenkt. Wir erhalten dieser Tage eine wertvolle Schenkung amerikanischer Kinderlyrik aus privater Hand. In Amerika gibt es eine lange Tradition von Kinderlyrik, es wird zu allem gedichtet, was man sich vorstellen kann. Die amerikanische Kinderbuchszene ist uns insgesamt sehr nahe.

Ist das so durchgehend seit Jella Lepman?
Die Bibliothek wurde als amerikanisches Reeducation-Projekt gegründet. Westliche, freiheitliche, demokratische Werte sollten vermittelt werden, was in Zeiten des Kalten Kriegs natürlich auch so gesehen werden konnte, dass man einen Akzent gegen den kommunistischen Osten setzte. Jella Lepman versuchte zwar hartnäckig, auch osteuropäische Kinderbuchverlage für die völkerverbindende Idee der Internationalen Jugendbibliothek zu gewinnen. Allerdings mit überschaubarem Erfolg. Jella Lepmans Nachfolger, Walter Scherf, schaffte es dann, den Eisernen Vorhang zu überwinden und eine umfangreiche Sammlung von sowjetischer Kinderliteratur für die Bibliothek einzuwerben.

Gibt es Länder, die besonders reich sind an Kinderliteratur?
Ja, das sind Länder, in denen Kindheit ein großes Prestige besitzt und wo Kinderliteratur staatlich gefördert wird. Ich finde es immer erstaunlich, wie produktiv, interessant und reich die Kinderliteratur aus den Niederlanden und Belgien ist. Für Skandinavien gilt das schon lange, Astrid Lindgrens Schweden ist fast so etwas wie die Wiege moderner Kinderliteratur, aber auch die deutschsprachige Kinderliteratur ist unglaublich vielseitig.

Erich Kästner hat die Jugendbibliothek von Anfang an unterstützt. Welche Rolle spielen seine Bücher heute noch neben der neueren Literatur?
Eine große Rolle! „Emil und die Detektive“ ist nach wie vor ein Bestseller. Und es ist ein Modell für Kinderkrimis in der Großstadt, die gerade wieder im Kommen sind. Andreas Steinhöfel, der für „Rico, Oskar und die Tierschatten“ 2009 den Erich-Kästner-Preis für Literatur erhalten hat, spielt beispielsweise mit diesem Genre. Kästner erreicht mit seinem schnoddrigen Ton bis heute Kinder. Er war übrigens ein begeisterter Förderer der Internationalen Jugendbibliothek, hat dort eine Theatergruppe geleitet, Lesungen gegeben und einige Castings für die Verfilmungen seiner Kinderbücher gemacht. „Die Konferenz der Tiere“ hat er nach einer Idee von Jella Lepman geschrieben. Darin wird die Vision einer Weltfriedensgemeinschaft von Kindern leichthändig umgesetzt. Das Kinderbuch ist bis heute lesenswert.

Einer der großen aktuellen deutschen Kinderbuchautoren ist der erwähnte Andreas Steinhöfel, der bei Ihrem Familienfest ja auch liest.
Andreas Steinhöfel schreibt witzig, klug und literarisch herausragend. Er bringt mit, was ich am Anfang gesagt habe: die richtige Haltung. Für mich ist er einer der wichtigsten und besten Kinderbuchautoren, die wir in Deutschland haben. Ich freue mich, dass er den Geburtstag der Bibliothek mit uns feiert und nachmittags aus „Rico und Oscar“ lesen wird.    

 

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