Schauspielerin im AZ-Interview Jutta Speidel: "Mehr Miteinander tut uns gut"

"Vielleicht haben wir diesen Dämpfer gebraucht": Schauspielerin und Horizont-Gründerin Jutta Speidel über die Corona-Krise. Foto: imago images

TV-Star Jutta Speidel ("Um Himmels Willen") im AZ-Telefon-Talk: Warum Corona auch eine Chance sein kann und wie es ihr in der Selbstisolation geht.

 

München - Die Schauspielerin Jutta Speidel, Jahrgang 1954, ist ein echtes Münchner Kindl. Ihre erste Filmrolle hatte sie bereits mit 15 Jahren.

AZ: Liebe Frau Speidel, bei Ihnen im Hintergrund zwitschern Vögel und ein kleiner Bub lacht – bei Ihnen scheint die Welt in Ordnung zu sein?
JUTTA SPEIDEL: Ja, hier tobt das Leben und das genieße ich auch sehr. Ich bin gerade im Garten und schaukle meinen dreijährigen Enkelsohn in der Hängematte. Meine Tochter Franziska ist Sozialpädagogin und muss arbeiten. Ich passe jetzt gern auf den Kleinen auf, wir drei leben momentan unter einem Dach. Das ist super und mal ein ganz anderes Leben für mich. Aber so schön das ist – ewig kann es so auch nicht weitergehen. Das Wichtigste ist: Wir sind zum Glück alle virenfrei und haben uns familiär wunderbar arrangiert.

Ihre jüngere Tochter ist nicht bei Ihnen?
Leider nicht. Antonia lebt in Berlin, wir können uns nicht besuchen, das ist ja derzeit untersagt. Das macht mich traurig, aber wir telefonieren viel.

Wie stark hat Corona die Welt in kurzer Zeit verändert?
Natürlich sehr. Aber man darf es nicht nur negativ sehen. Ich finde, man kann Corona auch als Chance sehen. Vielleicht haben wir diesen Dämpfer auch gebraucht.

"Ich hoffe, dass wir durch Corona wieder mehr zu einer Gemeinschaft werden"

Inwiefern?
Vor Corona war ich im Januar in Neuseeland und Australien und da ist mir mal wieder aufgefallen, wie respektvoll dort die Menschen miteinander umgehen. In Deutschland haben wir uns leider zu einer sehr egoistischen Wohlstandsgesellschaft entwickelt, die sich mehr Gedanken machen sollte und ruhig auch dankbarer sein könnte, wie gut es ihr geht. Wir leben in einem tollen Land, warum wissen das so wenige zu schätzen? Stattdessen sehe ich, wie aggressiv radikale Radfahrer herumbrettern, obwohl ein Dreijähriger auf seinem Dreirad fährt. Rücksicht und Respekt waren vor Corona bei viel zu vielen Menschen verloren gegangen. Genauso wie Empathie: Mitgefühl ist so wichtig – ich hoffe sehr, dass wir durch Corona wieder mehr zu einer Gemeinschaft werden, uns auf einer seelischen Herzensebene annähern.

Glauben Sie, dass das passiert?
Ich traue dem Frieden noch nicht so recht.

Krankenschwestern, Pflegern, Kassierern – vielen wird durch Corona doch wieder mehr Respekt gezollt.
Das stimmt, das ist auch richtig. Mehr Miteinander tut uns gut. Aber: Als bekannt wurde, dass Krankenschwestern und Pflegern ein Bonus von 500 Euro gezahlt wird, gab es viele, die sagten oder dachten: Warum nicht ich? Der Neid muss verschwinden.

Tragen Sie Mundschutz, wenn Sie in den Supermarkt gehen?
Ehrlich gesagt, gehe ich nicht in den Supermarkt.

"Raffgier ist abartig"

Wie kommen Sie an Essen?
Ich wohne ja ein bisschen ländlicher außerhalb von München. Schon vor Corona kaufte ich nur beim Bauern ums Eck ein – so mache ich es jetzt auch. Ich brauche keine matschigen Erdbeeren von sonst wo, sondern kaufe regional und saisonal. Nudeln, Reis und solche Dinge habe ich eh im Haus, wenn nicht, gehe ich halt mal in den Supermarkt. Hamstern finde ich übrigens auch ein egoistisches Unding. Wenn ich die voll beladenen SUVs mit Tonnen an Nudeln und Klopapier sehe, werde ich sauer. So viel kann kein Mensch essen, wie da mancherorts gekauft wird. Diese Raffgier ist abartig.

Finden Sie den bayerischen Sonderweg in Sachen Schul- und Ladenöffnungen richtig?
Ja, absolut. Wenn alles hopplahopp wieder geöffnet werden würde, kämen sich die meisten sehr verschaukelt vor. Bis ein Impfstoff oder Medikament gefunden ist, muss alles im Sinne der Allgemeinheit passieren.

Jutta Speidel: Situation in Altenheimen macht mich tieftraurig

Was stört Sie an der Krise?
Die Situation in den Altenheimen. Dass dort sehr viele Menschen seit sehr langer Zeit keinen Kontakt mehr haben dürfen, macht mich tieftraurig. Da muss eine bessere Lösung her.

Vermissen Sie den Alltag als Schauspielerin?
In drei Wochen hätten meine nächsten Theaterproben angefangen, jetzt weiß der Intendant nicht mal, ob das Theater finanziell überlebt. Auch meine anderen Filmprojekte stehen in den Sternen. Es müsste ein Wunder passieren. Viel zu tun habe ich trotzdem durch meinen Verein Horizont e. V. ...

...der sich um in Not geratene Mütter und Kinder kümmert. Hat sich die Situation durch Corona verschlimmert?
Wir kriegen viele Anfragen, leider sind unsere Horizont-Häuser alle voll. Was nicht zu unterschätzen ist: Bei vielen der Frauen, die zuvor von ihren Männern schlecht behandelt oder gar eingesperrt worden sind, kommt durch die Ausgangsbeschränkungen und die Isolation vieles wieder hoch. Wir erklären allen, dass es der Staat vorschreibt, dass sie aktuell so wenig wie möglich raus dürfen. Was mir große Sorgen macht, sind die Finanzen. Wie meine 40 Mitarbeiter künftig über die Runden kommen sollen. Wir sind eine Non-Profit-Organisation, die extrem auf Spendengelder angewiesen ist. Wenn ich also dieses Gespräch für einen Aufruf nutzen dürfte?

Sehr gerne.
Ich flehe alle, die das lesen, an: Bitte helfen Sie uns, damit wir weiterhin helfen können!

Wer spenden möchte: Spendenkonto Horizont e. V. Stadtsparkasse München IBAN: DE06 7015 0000 0000 1022 02 BIC: SSKMDEMM

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