Schauerepisoden, von Experten erzählt Münchner Gänsehaut-Geschichten

...beim „Weis(s)en Stadtvogel“ sorgen Schauspieler für Schreck und Grusel während der Führung. Foto: dpa

Darf’s ein bisschen mehr Spuk und Gespensterei sein? Hier lesen Sie von Begebenheiten, die zu sagenhaft sind, um sie nicht zu glauben.

 

München - Einer, der sich bei Münchner Gruselgeschichten auskennt, ist Christopher Weidner. Er führt seit zehn Jahren durch die dunklen Gassen von München, seit mehr als zwei Jahren nun für die „Stadtspürer“, die rabenschwarze, schaurige Touren anbieten. Er kennt die verwunschenen Winkel und auch die Geschichten dahinter. Vor allem um diesen Kontext geht es den Stadtspürern: Sie bieten das ganze Jahr über Führungen an, die auf das mystische München spezialisiert sind. Ohne Erschrecken, dafür mit Spezialwissen. Mehr dazu hier: München kann so gruselig sein

Ebenfalls eine Gruselexpertin ist Sibylle Hartmann. Sie ist in der Stadt unterwegs als Seifensiederin – die „Gspinnerte Anna“ erzählt auf der Führung durch die Innenstadt, wie sie ihr Geld verdient. „Ich plündere die Friedhöfe und mache aus Menschenfett Lauge und daraus dann Seife“, sagt sie. Die Stadtführer vom „Weis(s)en Stadtvogel“ bieten Infotainment: Führungen mit Schauspieleinlagen. Altstadt, Krimi-Tour, Schmankerl-Führungen – und eben auch Spezialgruppen zu Halloween. Auf dieser Seite erzählt Sibylle Hartmann einige ihrer Schauergeschichten.

Das Pestgespenst vom Alten Peter

„Eines Abends war eine junge Magd auf dem Weg in das Haus ihrer Herrschaft in der Kaufingerstraße. Sie verlief sich und fand sich plötzlich auf dem Friedhof am Alten Peter.

Als sie durch die Gräber lief, sah sie plötzlich im Schein eines kleinen Lichts eine schwarze Lumpengestalt, die auf einem Grab saß. Von Entsetzen gepackt rannte sie los, doch als sie sich nach einer Weile umdrehte, sah sie, wie die Figur hinter ihr her schwebte. Sie hetzte weiter, endlich gelangte sie zum Haus der Kaufleute, bei denen sie angestellt war.

Sie knallte die Türe zu und verriegelte sie hinter sich. Doch da saß der schwarze Mann schon vor ihr auf der Treppe, seine Knochenfinger klackten auf den Holzstufen, und er grinste sie aus bleichem Skelett-Gesicht an: ,Ich bin der schwarze Tod’, sagte die Gestalt. ,Von diesem Haus aus soll das große Sterben beginnen.’

Die Hausfrau glaubte der Magd kein Wort, als diese ihr am nächsten Tag berichtete. Doch schon am Tag darauf war der erste Bewohner des Hauses an der Pest erkrankt, und eine Woche später waren alle Bewohner des Hauses an der Pest gestorben. Von dort aus breitete sich Mitte des 14. Jahrhunderts die Krankheit über die ganze Stadt aus.“

Der eingemauerte Patrizier

„München war schon im Mittelalter eine sehr reiche Stadt. Zu dieser Zeit lebte ein reicher Patrizier hier, ein geldgieriger Mann, der immer darüber nachdachte, wie er noch reicher werden konnte.

Eine Räuberbande, die gern in die Stadt gelangt wäre, fand heraus, dass es diesen moralisch labilen Menschen im Magistrat der Stadt gab. Für eine horrende Menge Goldtaler kauften sie ihn: Er sollte den Schlüssel zum Sendlinger Tor stehlen und ihn den Räubern übergeben, so dass sie in die Stadt gelangten und die Bürger ausrauben konnten.

Doch der reiche Mann wurde bei dem Treffen mit den Banditen gesehen und belauscht – er wurde dem Magistrat gemeldet, festgenommen und verurteilt. Da er die schlimmste denkbare Tat begangen und seine eigene Stadt verraten hatte, wurde er nicht etwa nur gevierteilt, sondern bei lebendigem Leib eingemauert in ein Türmchen, das zum Sendlinger Tor gehörte: das sogenannte Fausttürmchen.

Das hatte auf der Spitze einen Stein, der aussah wie eine Faust. Dieser Stein glühte zwischen Mitternacht und 1 Uhr auf, wenn der Scharfrichter einen Unschuldigen hingerichtet hatte. Noch heute kann man nachts das Jammern und Wehklagen des Patriziers am Südturm des Sendlinger Tors hören.“

Die schwarze Wittelsbacherin

„Es ist ein Fluch, der bis in die heutige Zeit dem Adelsgeschlecht der Wittelsbacher im Nacken sitzt. Seit dem 18. Jahrhundert wird auf den Festen in der Residenz oder auch auf Schloss Nymphenburg eine unbekannte Frauengestalt gesehen: Hochgewachsen ist sie und in Schwarz gekleidet. Sie wandelt am Rande der Gesellschaft. Die Türen öffnen sich wie von Geisterhand vor ihr.

Es soll der Geist der verstorbenen Kurfürstin Maria Anna sein. Mitte des 19. Jahrhunderts starben etliche Wittelsbacher, kurz nachdem die schwarze Gestalt auf einem der Feste aufgetaucht war – wie Max II. nach seiner nur drei Tage dauernden Krankheit. Und 1969 träumte Prinz Adalbert von Bayern von einer schwarzen Frau, wenig später starb sein Sohn Konstantin bei einem Flugzeugabsturz.“

Ludwig und seine Gespenster-Armee

„Der Schöne Turm wurde 1803 abgerissen. In der Nacht, nachdem der letzte Stein entfernt worden war, hörten die Anwohner der Kaufingerstraße ein ohrenbetäubendes Rauschen und Brausen, sie wachten auf von einem Brüllen und dem Klappern von tausenden Hufen. Sie erschraken und schauten aus ihren Fenstern auf die Straße: Es war nichts zu sehen.

Was sie dort hörten, war der Auszug von Kaiser Ludwig mit seiner Armee. Nachdem mit dem Turm das letzte Stück der von ihm gegründeten Stadtgrenzen verschwunden war, verließen er und seine Gespenster-Armee die Stadt.“

Das Stöhnen aus dem Jungfernturm

„Ein unheimliches Gefängnis wurde im 15. Jahrhundert in der Jungfernturmstraße gebaut: der Jungfernturm, dessen Mauern nie ein Mensch lebend verlassen haben soll.

Heute sieht es am letzten Rest der Stadtmauer nicht mehr so unheimlich aus, es wird gerade gebaut, direkt daneben ist eine Partybar. Doch im 18. Jahrhundert gab es ein geheimes Gericht, das den Turm nutzte: ein Geheimbund in München unter Geheimrat Lippert.

Viele politische Querdenker, Aufrührer, Rebellische verschwanden plötzlich spurlos – denn das Gericht, außerhalb des Rechtes und des Gesetzes, holte sie nächtens aus ihren Häusern und brachte sie ohne Prozess mit einer schwarzen Kutsche in den Jungfernturm. Dort wurden sie eingekerkert und gequält.

In der Zelle ließ ein Falltür-Mechanismus den Gefangenen direkt in die Eiserne Jungfrau stürzen, die dem Gefängnis seinen Namen verlieh: ein mit Messern gespickter Sarkophag. Noch heute hört man Schreie der unschuldig Hingerichteten.“

 

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