Sandro Botticellis "Beweinung Christi" Alte Pinakothek: Im Farbrausch am Grab

Ein kurzer Blick darauf, dann wieder im Depot: Sandro Botticellis "Beweinung Christi". Foto: © Bayer. Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek

Alte Pinakothek: Durch eine bahnbrechende Restaurierung leuchtet Sandro Botticellis "Beweinung Christi" wieder wie vor 500 Jahren. An einem einzigen Tag, dem 15. Oktober, kann man das Wunderwerk besichtigen.

München - Muskelmasse für einen Toten? Man fragt sich tatsächlich, was Luigi Scotti dazu gebracht hat, ausgerechnet dem Leichnam Christi ein athletisches Tuning zu verpassen. Das Wunder der kommenden Auferstehung? Wollte der durchaus versierte Restaurator vor 200 Jahren einfach zeigen, was er drauf hat? Oder fiel Sandro Botticellis (1445 – 1510) grandiose "Beweinung Christi" dem klassizistischen Zeitgeschmack zum Opfer?

Man wird es nicht mehr bis ins Detail herausfinden, zumal die Florentiner Tafel arg mitgenommen war und 1812, nach der von Napoleon angeordneten Auflösung der Klöster, für den Verkauf ordentlich aufpoliert werden musste. Dank modernster Technologie und intensiver Forschung wurde allerdings etwas viel Entscheidenderes möglich: Das Gemälde ist nun wieder sehr nahe an dem, was Botticelli um 1490/95 beabsichtigt und nach einigem Hin und Her gemalt hatte.

Satte Farben

Wem das Altarbild aus dem Kanonikerstift von San Paolino immer düster und in den Konturen etwas herb vorkam, wird sich die Augen reiben. Die Farben leuchten, vom feuerroten Umhang des Johannes, der die ohnmächtige Gottesmutter sanft umfängt, bis zum warmen Safrangelb, in das sich der Heilige Petrus mit seinem Himmelsschlüssel gehüllt hat. Wibke Neugebauer vom Doerner Institut – das betreut, restauriert und konserviert die Bestände der Pinakotheken – hat nicht nur die vergilbten Firnisschichten, sondern genauso Scottis Retuschen und modellierende Lasuren entfernt. Millimeter für Millimeter.

Man will sich diese Tortur gar nicht im Einzelnen vorstellen, doch der immense Einsatz (finanziert von der Oetker-Stiftung) hat sich gelohnt. Für die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die durch die gezielten Einkaufstouren der Kunstagenten des späteren Ludwig I. einen einzigartigen Überblick über die Florentiner Renaissancemalerei bieten, wie für die Botticelli-Forschung und nicht zuletzt die Besucher, denen der neue Farbrausch kaum entgehen kann.

Wenn im Pinakothekskatalog aus den 80er Jahren noch behauptet wird, die "Beweinung" bezeuge unmittelbar den tiefen Eindruck, den Botticelli durch die Bußpredigten Savonarolas empfing, dann demonstriert die Freilegung nun das schiere Gegenteil. Für Andreas Schumacher, den Sammlungsleiter Italienische Malerei und die treibende Kraft hinter dem Mammutprojekt, steht die Altartafel exemplarisch am Beginn von Botticellis Spätwerk. Das Karge, Expressive, auch das Schroffe in der Darstellungsweise sei nicht das Resultat eines ideologisch motivierten Stilwechsels, sondern zeige einen Künstler, der sich nicht immer um die Regeln der neuzeitlichen Malerei schert. Zudem erzählen die Unterzeichnungen von einigen Korrekturen, die auf die Wünsche des Auftraggebers zurückgehen. Und auch die versteht Botticelli fast nonchalant in seine hoch sensible Bildsprache einzufügen.

Am 15. Oktober wird die "Beweinung" im geschmackvollen neuen Galerierahmen nach altem Muster vorgestellt. Dann verschwindet das bedeutende Gemälde wieder im Depot – bis die Italienersäle eröffnet werden. Spätestens in einem Jahr bildet es dann ab 18. Oktober einen Höhepunkt in der Ausstellung "Florenz und seine Maler: Von Giotto bis Leonardo da Vinci".

Einen intensiven Vorgeschmack gibt der üppige neue Bestandskatalog zur "Florentiner Malerei". Die etwa 80 Werke der Sammlung sind kunstwissenschaftlich und technologisch eingehend untersucht, auf 750 Seiten findet man außerdem Beiträge zur Zuschreibung, Provenienz, Deutung oder Funktionsgeschichte. 4 Kilo wiegt dieses papierne Dorado für Kunstdetektive, mit Scottis hingepinselter Muskelmasse kommt man da nicht weit.


Schautag: „Beweinung Christi“, So, 15. Oktober, von 10 – 18 Uhr, Alte Pinakothek, Saal XIII, Dialogführungen von 11 – 13 und 15 – 17 Uhr und musikalische Beiträge.

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