San Marino Im Reich der Dilettanten-Kicker

San Marino - Null Punkte, Platz 53 - letzter in der Europarangliste. Und null Punkte auf Platz 206 - Schlusslicht der Fifa-Weltrangliste: Kein Zweifel, San Marino ist das schlechteste Fußball-Nationalteam auf dem Globus. Eine Schießbudentruppe mit Klatschen-Abo: Alle Qualifikationsspiele zu Europameisterschaften hat sie bisher verloren, viele davon zweistellig: 0:13-Heimniederlage gegen Deutschland in der EM-Quali 2007, die Niederlande bejubelten kürzlich ein 11:0, und selbst Fußball-Mittelmaßmannschaften wie Norwegen und Belgien schenkten den Kickern aus dem Zwergstaat mitten in Italien je zehn Tore ein.

 

Frust? Fremdschämen wegen ihrer Rumpelfußballer? Oder gar Minderwertigkeitskomplexe? Nichts davon ist spürbar, wenn man sich San Marino nähert. Gut 20 Kilometer westlich von Rimini thront der Bonsai-Staat auf einem drei Kilometer langen, schroffen Felsmassiv namens Monte Titano und ist nicht mal so groß wie die Insel Föhr. Dafür aber stolz: „Benvenuti Nell Antica Terra Liberta“ verkündet das Schild am San Marinesischen Grenzdorf Chiesanuova: „Herzlich willkommen im alten Land der Freiheit!“

Im Jahre 301 flüchtete der christliche Steinmetz Marinus vor seinen römischen Verfolgern

Jeder hier kennt die Geschichte dahinter, auch der schwarz gelockte Charmeur Antonio. Er präsentiert die Kurzfassung, nachdem er freundlich einen Parkplatz fürs Auto der Gäste organisiert hat: „Im Jahre 301 flüchtete der christliche Steinmetz Marinus vor seinen römischen Verfolgern auf diesen Berg, gründete eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Seit 1263 ist das nach diesem Mann benannte San Marino eine Republik - die älteste der Welt. Schulpflicht schon seit 1691, Todesstrafe 1865 abgeschafft - wir sind zweifellos einer der fortschrittlichsten Staaten überhaupt“, sagt Antonio selbstbewusst. „Noch Fragen?“

Ja, die hätten wir - zur Nationalmannschaft des Landes. . . Doch Antonio kontert blitzschnell wie sonst nur der FC Barcelona: „Unsere Kicker halten einen Weltrekord, der vermutlich niemals gebrochen wird: Das schnellste Länderspieltor der Geschichte - Davide Gualtieri im Jahre 1993 zum 1:0 nach 8,3 Sekunden - und das gegen England!“

Weiter oben, bei den drei Festungen San Marinos, dominieren andere Tore - aus Stein. Ihre Torhüter tragen vorzugsweise Gelb und dirigieren durchfahrende Autos so theatralisch wie einst Oli Kahn seine Abwehr. Und mindestens so schweißtreibend - angesichts von drei Millionen Touristen im Jahr, die die Serpentinenstrecke bis zu den Parkplätzen unterhalb der Hauptstadt hochkurven. Die restlichen Kilometer sind im Gefolge einer internationalen Turnschuhkarawane hochzukraxeln, doch für den einen oder anderen Ellbogencheck in der Besuchermenge wird man belohnt: mit 360-Grad-Panorama-Ausblicken. Bei gutem Wetter bis nach Rimini an die Adria. Und bei schlechtem? Dann gibt’s über dem nahen Marecchia-Tal oft genug ein Schauspiel aus dunkel dräuendem Himmel mit Wolkenbruch und Regenbogen.

San Marino hat bereits 1970 den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben

Nach dem Rundblick packt die meisten San-Marino-Besucher der Eroberungseifer: Zuerst soll Festung Nummer eins eingenommen werden - „La Rocca“, der älteste Turm auf 756 Meter Höhe, aus gelbem Stein, scheinbar dem Felsen entwachsend, mit Quadersteinen und Zinnen, wurde bis 1970 als Gefängnis genutzt. Wie in der Kulisse eines Ritterfilms ist „La Rocca“ per Brücke mit „La Cesta“, der zweiten Festung verbunden, von der wiederum ein schmaler Weg zur dritten, „La Montale“ führt. Wer hier, sozusagen auf dem Gipfelmassiv des Monte Titano, wandelt, der tut es oberhalb der Wasserlinie von Kitsch und Kommerz. Die liegt eine Etage tiefer, in den Gassen der Altstadt von San Marino.

Neonbeleuchtete Souterrains, vollgestopft mit nachgemachten Handtaschen von Gucci bis Louis Vuitton. Daneben in die Gasse gerollte Garderobenständer mit Fußballtrikots, gefolgt von Modeschmuck- und Uhrenläden. Pizzageruch mischt sich mit billigen Parfümschwaden und osteuropäischen Sprachfetzen. Einheimische wie Antonio sind stolz darauf, dass in der Hauptstadt Waffenverbot herrscht. Jedenfalls für Besucher. Nicht jedoch für Schaufenster. Denn viele davon sind randvoll mit Pistolen, Revolvern, Armbrüsten und Säbeln. Angesichts von so viel Aufrüstung ist es beruhigend, dass San Marino schon 1970 den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben hat. Doch schon wenige Häuser weiter kommen Zweifel auf, ob die 30 000 Einwohner wirklich friedliebend sind. Warum nur gibt es hier das „Museo de la Tortura“ - ein Foltermuseum, in dem Kniespalter und die „eiserne Jungfrau“ zu besichtigen sind, ein mittelalterlicher Hohlkörper, der gerade Platz für einen Menschen bot. Einmal darin eingezwängt, schlossen Folterknechte die Tür mit der Folge, dass sich Eisenstäbe durch den Körper des Opfers bohrten.

Dass San Marino sich ganz anders sieht, nämlich idyllisch und historisch, das zeigen viele Bilder mit zackigen Rahmen - die berühmten Briefmarken der Felsenrepublik -, lange Zeit eine Lizenz zum Gelddrucken. Hilfe aus dem Marshall-Plan nach dem Zweiten Weltkrieg? Haben die San-Marinesen abgelehnt und lieber eine Reihe von Gedenkbriefmarken zu diesem Wiederaufbauprogramm herausgegeben. Insbesondere amerikanische Sammler kauften sie gern und halfen, die Staatskasse des Kleinstaats zu sanieren. Mit Fußballmotiven funktionierte das auch lange gut. Nur die eigenen Kicker tauchen eher selten auf San-Marino-Marken auf. Kein Wunder, spielen sie doch bloß im landeseigenen „Campionato Dilletanto“ - der Dilettanten-Liga. Nur eine Mannschaft, San Marino Calcio aus dem Dorf Serravalle, mischt im italienischen Profifußball mit, in der vierten Liga. Im „Olympiastadion“ des Dorfes, Schauplatz der 0:13-Klatsche gegen Deutschland, finden die Heimspiele des Vereins statt, allerdings meist ohne Einheimische. Denn nur ein San-Marinese ist gut genug für den Viertligisten, alle anderen sind italienische Legionäre.

 

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