Salzburger Festspiele Stephan Kimmigs "Clavigo" von und nach Goethe

Susanne Wolff (Clavigo) und Marcel Kohler (Marie Beaumarchais) als Video-Projektion in Stephan Kimmigs Salzburger Inszenierung. Foto: Arno Declair

Weltfrieden und Würstel: Stephan Kimmigs Inszenierung von Goethes "Clavigo" im Landestheater

 

Mancher hat sich wohl einen gepflegten Abend im Salzburger Landestheater erwartet. Die Anzüge der Herren sitzen, die Sommerkleider der Damen sind fein, wie es sich für die Festspielzeit gebührt. Immerhin wird ja auch Goethes „Clavigo“ gegeben.

Aber lugt man ins Programheft, steht da zum Beispiel etwas von „Pop-und-Kunstwelt“ oder „Spoken-Word-Performances“. Der Zweitvorhang aus Heißluftballon-Stoff wölbt sich gefährlich. Und es treten erstmal Clowns auf die Bühne, in quietschbunten Kostümen, was nicht kontrastreicher zum edlen Zwirn im Parkett aussehen könnte.

Über Clowns freut man sich ja, aber diese heiteren Gesellen ziehen doch lasche Nummern ab, basteln sich ein Konzert aus Lauten zusammen, popeln in der roten Nase. Hohes Entertainment sieht anders aus, und es ist stark zu vermuten, dass Regisseur Stephan Kimmig auf diesen Erwartungsbruch zielt: Das Publikum will was, der Künstler soll liefern und ist damit eine Art dummer August im Korsett des Mainstream-Geschmacks, den er aber auch ab und zu unterlaufen muss, um aufregend zu bleiben.

Im schnelllebigen Heute

Dieser Clavigo ist dann auch einiges, bei Kimmig vor allem: eine Frau, die eigentlich wunderbare Susanne Wolff. Sie ist wie alle anderen Darsteller vom koproduzierenden Deutschen Theater in Berlin nach Salzburg gekommen, um Goethes in nur acht Tagen geschriebenes Frühwerk in ein schnelllebiges Heute zu transportieren. Ein Heute, in dem sich Frauen genauso selbstverständlich wie Männer als Showdiven gerieren und das Private der Karriere unterordnen (müssen).

Die nette Marie, der Clavigo die Ehe versprochen hat, um dann doch einen Rückzieher zu machen, spielt Marcel Kohler als Rockstar-Typ mit frei fliegenden Raub-Vogel-Tattoos auf dem Oberarm. Er ebenfalls ein Künstler, der einst mit Clavigo - ein Video zeigt es - ein schönes Image von Liebe und Begierde abgab.

Luft als Sinnbild

Doch Marie musste feststellen, dass bei Clavigo jedes Versprechen heiße Luft ist. Das Sinnbild dazu gibt das Bühnenbild von Eva-Maria Bauer: Wie nach einer Havarie liegt da ein Heißluftballon im Hintergrund, was ziemlich viel Pop-Melancholie verströmt. Träume sind zum Abstürzen da, und mag der Heißluftballon am Ende doch wieder aufrecht stehen, so wird er doch nicht abheben.

Stattdessen raubt sich Marie mit einer Plastiktüte der Galerie Saatchi selbst die Luft. So ist der Tod bei Kimmig ein Ersticken in Style, und was bis dahin geschieht, eine Abfolge von, ja, Spoken-Word-Performances.

Denn was die Brecht-Erben sofort ins Koma versetzen würde, darf Kimmig bei Goethe locker durchziehen: Lauter andere Texte reinsampeln, die den schnurgeraden Handlungsverlauf unterbrechen und das Thema des Künstlers/Stars im Gefängnis seiner Popularität (bei Kimmig wird ständig gefilmt) und emotionalen Ödnis unterfüttern: Spielt Kathleen Morgeneyer eigentlich die Schwester Maries, den bei Goethe männlichen, gleichsam rachedurstigen Beaumarchais, so prangert sie mit den Worten des Globalisierungskritikers Jean Ziegler den Welthunger an, weil soziales Engagement im Umfeld der Stars ja auch Mode ist. Oder sie trägt im Würstelrock „Hanswursts Hochzeit“ vor, eine fette Farce, die Goethe ein Jahr nach „Clavigo“ schrieb. Das Derbe und der hohe Ton lagen also schon bei dem Weimarer Dichterfürsten nahe beieinander: auch er vielgestaltig und nicht zu fassen. Seinen eigenen Treuebruch gegenüber Friederike Brion spiegelte Goethe in seinem Trauerspiel. Sein Stellvertreter Clavigo lässt sich wegen der Androhungen Beaumarchais’ zu einem zweiten Eheversprechen verleiten, bricht es aber erneut, nachdem sein Kumpel Carlos ihm klar macht, dass der Künstler nach ganz eigenen Maßstäben lebt. Ja, leben muss!

Das Zielpublikum sitzt eher in Berlin als in Salzburg

Als gelassen da stehender Manager-Typ in Turnschuhen zeigt Moritz Grove, dass die Überzeugungskraft von Carlos im klar gesetzten Wort steht. Kimmigs Inszenierung mag jedoch nicht überzeugen, weil sie viel zu sehr in ihre Bestandteile zerfällt, kein Rhythmus entsteht, sondern alles eklektisch sein darf, auch die Soundcollage von Pollyester.

Die Figuren ringen um ein wenig Echtheit und landen doch immer wieder beim Zitat. Das versteht man, ist aber nicht berührt. Und es stellt sich die allgemeine Frage, ob es Sinn macht, eine Inszenierung mit Pop-Referenzen und Diskurs (zu lesen im Programmheft) zu füllen, wenn das Zielpublikum eher in Berlin sitzt. In Salzburg waren die Buhs wie die entgegnenden Jubelrufe leidenschaftlich - was ja in gefühlskalten Zeiten auch was Tolles ist.

Landestheater, Schwarzstraße 22, 2., 4., 6., 7. und 9. August, 19.30 Uhr

 

0 Kommentare