Salzburger Festspiele: "Salome" Castellucci und die Schönheit gewaltiger Rätsel

Richard Strauss' Oper "Salome" in der Inszenierung von Romeo Castellucci in der Felsenreitschule. Foto: Ruth Walz

Salzburger Festspiele: Asmik Grigorian, Romeo Castellucci und Franz Welser-Möst bringen eine fulminante „Salome“ in der Felsenreitschule heraus

Ein Raum ohne Entrinnen. Die Wand des Mönchsbergs ist fast glatt, die in den Fels geschlagenen Logen der Felsenreitschule nur noch zu ahnen. Ehe der Klarinettist der Wiener Philharmoniker mit dem Anfang der „Salome“ von Richard Strauss den Orient heraufbeschwört, hängt ein Kletterer weit droben. Und es zirpen Grillen. Eine Atmosphäre nahöstlicher Hitze und antiker, ausgeblichener Größe liegt über dem Raum.

Religiöse Aura und gewalttätige Erotik

Regisseur und Bühnenbildner Romeo Castellucci bringt die beiden großen Themen dieser Oper bezwingend anders als sonst zusammen: Die strenge Ritualisierung der Gesten unterstreicht die religiöse Aura des biblischen Stoffs. Und die gewalttätige Erotik wird unterkühlt und ohne jeden Voyeurismus, aber unmissverständlich herausgestellt.

Castellucci reichte den Beifall galant an die Sopranistin Asmik Grigorian weiter. Diese grandiose Sing-Schauspielerin ist eine knabenhaft-keusche Salome in Weiß, die in der Konfrontation mit Jochanaan verbrennt, der erst als schwarze Sonne aus der Zisterne erscheint und später wie ein Schamane mit der Trommel der Prinzessin die Sünde auszutreiben versucht.

Nachdem der Prophet sich ihrem Begehren verweigert hat, spreizt sie, auf dem Boden liegend, die Beine in die Luft. Währendessen kreist in einem dunklen Loch im Boden ein schwarzes Pferd.

Der Tote mit dem Pferdekopf

Am Ende versucht sie, den abgeschlagenen Kopf des Tieres mit einer kopflosen Männerleiche zusammenzubringen – ein befremdendes Bild zu einer befremdlichen Geschichte über die Verirrung unerfüllter Erotik und das Nicht-Verstehen zwischen den Geschlechtern. Asmik Grigorian, im Vorjahr eine gegen jedes Klischee sehr zarte Marie im „Wozzeck“, begann die Premiere in der Felsenreitschule verständlicherweise etwas vorsichtig. Zuletzt aber stürzt sie sich aber mit einer lange nicht gesehenen und gehörten Rückhaltlosigkeit in der letzten halbe Stunde der „Salome“.

Erst drischt sie wie ein frustriertes, wütendes Kind mit den Fäusten in eine runde Wasserfläche, wenn ihr Herodes den Kopf des Propheten verweigert, dass es nur so spritzt. Dann betrachtet sie sich darin wie Narziss in Caravaggios Gemälde, ehe sie die ganze wilde Mischung aus Brutalität, Größenwahn, Zynismus und Sentiment im Schlussgesang auslebt und zugleich jede in der Partitur niedergelegte Nuance mit eigenem Leben erfüllt.

Franz Welser-Möst schafft das Unmögliche

Nur die Wiener Philharmoniker können da wirklich mithalten. Franz Welser-Möst verbindet am Dirigentenpult, was normalerweise nie zusammengeht: rücksichtsvolles Begleiten und eine symphonische Strategie der Steigerung. Das Klarinettensolo am Beginn erklingt ungewöhnlich zart. Auch der Rest des ersten Viertels – bis weit in die Szene zwischen Salome und Jochanaan – bleibt betont lyrisch und im Tempo gelassen. Dann steigert Welser-Möst als sensibler Zeremonienmeister des Klangrauschs die Musik bis zur Ekstase.

Nach dem bis ins Toben gesteigerten Tanz bleiben immer noch Reserven an Lautstärke und Intensität, die der Dirigent von seinem Orchester erst ganz zuletzt abruft.

Welser-Möst wiederlegt an diesem Abend den ihm anhaftenden Ruf eines Langweilers mit gediegenen Handwerk entschieden. Bei Richard Strauss ist er in seinem Element, und das Orchester sowieso, das selbst bei geräuschhaften Stellen die Schönheit wahrt.

Die übrige Besetzung wirkt ein wenig ungleich. Julian Prégardien verbindet als Narraboth aufs Glücklichste Lyrismus mit heldischer Tenorkraft. Anna Maria Chiuri ist eine kühl-imposante Herodias. John Daszak flackert als Herodes zu sehr, Gábor Bretz fehlt es für den Jochanaan an Kraft.

Es gibt auch einen Reiz des Nichtverstehens

Das alles wiegt die Inszenierung auf, die das Gewalttätige in Plastiksäcke verpackt, weil Andeutungen immer stärker wirken wie plumpe Direktheit. Castellucci verbindet hier Strategien aus seiner Performance-Arbeiten mit der Societas Raffaello Sanzio mit Opern-Notwendigkeiten zusammen, ohne allzu viele Kompromisse eingehen zu müssen.

Nicht jeder Zuschauer wird jedes Bild verstehen oder die rätselhaften griechischen Buchstaben über der Zisterne auslegen können. Aber es gibt auch einen Reiz des Nichtverstehens, der in der Felsenreitschule blitzartig die Deutlichkeit verstärkt, wenn Geometer den Raum vermessen und für Sekundenbruchteile die verschlossenen steinernen Logen geöffnet erscheinen.    

Wieder am 1., 9., 12., 17. 21., 27. August, Felsenreitschule, ausverkauft. 3sat zeigt am 11. August, 20.15 Uhr eine Aufzeichnung
 

 

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