Salzburger Festspiele Gorkis "Sommergäste" auf der Pernerinsel

Wenn das Leben schon wenig Sinn macht, kann man es wenigstens als Orgie feiern: Auch Warwara (Genija Rykowa, liegend links im roten Kleid) lässt sich hin und wieder gehen, Ingenieurs-Gattin Julija (Dagna Litzenberger Vinet) ist gut gelaunt und die Statisterie darf a bissel Haut zeigen. Foto: Monika Rittershaus/Salzburger Festspiele

Salzburger Festspiele: Evgeny Titov dreht bei seiner Inszenierung von Gorkis „Sommergäste“ ganz schön auf

 

Ursprünglich sollte die slowenische Regisseurin Mateja Koleznik diesen Abend auf der Perner-Insel in Hallein bei Salzburg inszenieren. Aufgrund gesundheitlicher Gründe musste sie jedoch kurz vor Probenbeginn absagen und der in Kasachstan geborene Regisseur Evgeny Titov sprang kurzfristig ein. Er nun brachte Maxim Gorkis „Sommergäste“ auf die Bühne der einstigen Sudhalle des Salinengebäudes, die für die Salzburger Festspiele schon lange als Spielstätte genutzt wird.

Solch nüchternes Hintergrundwissen ist insofern wichtig, als sich die Theatermaschine vor dem Ausstieg von Koleznik doch schon ein paar Runden drehte. Insbesondere, was das Bühnenbild angeht: Raimund Orfeo Voigt nämlich, der für Koleznik unter anderem die Szenarien für „König Ödipus“ oder „Ein Volksfeind“ am Residenztheater geschaffen hatte, hat bereits erneut einen dieser Durchgangsräume erdacht, in dem die Menschen sich nicht richtig verorten können, weil es in dieser Welt kaum mehr Plätze zum Halt-Finden und Sich-Heimisch-Fühlen gibt.

Im Gefängnis der Unentschlossenheit

In dem dreigeteilten Raum finden sich nun an den Seiten Aufenthaltsräume mit Sitzbänken, in der Mitte ein Podest mit Auf-und-Abtreppchen und einer Öffnung als Aufgang zu oberen Etagen. Die holzvertäfelten Wände ragen weit nach oben, was dem Gedanken der sozialen Enge, von der Gorki erzählt, eigentlich zuwiderläuft. Aber die Figuren haben viel zu viel Luft, wirken verloren in diesem Landhaus, das eher einer monströsen Wartehalle als einer gemütlichen Datscha gleicht. Der Kreis um den Rechtsanwalt Bassow und dessen Frau nutzt die Möglichkeiten für Seitensprünge und neue Begehrenskonstellationen, sitzt aber im Gefängnis der Unentschlossenheit.

Gorki schrieb das Stück 1904, im Aufdämmern der Revolution. Die obere Schicht im zaristischen Russland steckte schon in einem Transitraum hin zu einer anderen Ära, hatte davon aber nur eine vage Ahnung. Einige Zukunftsvisionen spuken in den Köpfen der Gäste dennoch herum, vor allem bei der alleinerziehenden Ärztin Marja Lwowna, die aber angesichts des Liebesgeständnisses des jungen Wlas vor allem mit ihrem Alter hadert.

So sitzen sie gemeinsam fest in dieser hochragenden Einsamkeitskathedrale, wobei die Regie keinen Leerlauf zulässt, der in manchen alltäglichen Dialogen Gorkis doch steckt. Stattdessen wurde die Spielfassung von manchen Schlacken des Geredes befreit und die Darsteller machen zu Beginn mächtig Tempo, zu Synthie-Dräuen und dringlichem Herzpochen auf der Tonspur (Musik und Sound: Moritz Wallmüller).

Comichafte Überzeichnung

Paul Behren ist als Wlas ein merkwürdig tänzelnder Spaßvogel, während Dagna Litzenberger Vinet als Ingenieursgattin Julija oft erregt ihren Rock aufbauscht. Mit solchen Manierismen werden die Figuren allzu comichaft markiert, aber die Überreiztheit soll wohl auch die Verzweiflung übertünchen, die dennoch spürbar in der Luft liegt. Immer wieder kontrastiert Regisseur Titov die Menge der Gäste mit Bassows solitärer Gattin Warwara, die Genija Rykova mit aufrechter Haltung und stiller Würde einnehmend verkörpert.

Während die Party-Meute zu Techno-Musik sich orgiastisch vergnügt und eine, auch in anderen Momenten eingesetzte, seitlich hereinfahrende schwarze Wand schleichend den Blick auf die Tanzfläche verengt, zuckt Warwara im dunklen Nebenraum allein vor sich hin. An anderer Stelle singt sie sehr schön ein russisches Lied, die anderen Frauen stimmen ein, aber natürlich werden sie abrupt unterbrochen.

Überall Rhythmusstörungen und Missklänge, besonders zwischen den Geschlechtern. Während die sauffreudigen Männer am Ende offen ihre Verachtung gegenüber den Frauen kundtun, fühlen die sich für immer in ein unfreies Leben gezwängt. Männliche Liebesversprechen wirken schnell dahingesagt, Arztgattin Olga (Mira Partecke) leidet unter ihrer Mutterrolle und Warwara muss enttäuscht feststellen, dass der entspannte Schriftsteller Schalimow (Thomas Dannemann) als vermeintlich großer Künstler genauso simpel wie alle anderen tickt.

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Letztlich will der Mensch nur essen und trinken und ficken, stellt Ingenieur Suslow, sehr frei nach Gorki, fest. Sascha Nathan gibt ihn als heiteren Bonvivant und ist dabei Teil eines Ensembles, bei dem fast jeder seinen monologischen Moment hat und das auch einige schauspielerische Glanzlichter setzt, ohne dass einem aber diese Figuren wirklich nahe kommen. Am ehesten noch Warwara, die eben auch eine Stellvertreterin des Publikums ist: eine Zuschauerin. Seitlich tritt sie auf, beobachtet, kommentiert mit Blicken, widersetzt sich dann mit Worten, um sich zuletzt von allen zu distanzieren.

Der in Warwara unglücklich verliebte Rjumin, von Marko Mandic als zarter Exzentriker gespielt, nimmt sich zuletzt das Leben, während er sich bei Gorki nur vergeblich anschießt. Im Gegensatz zu den konzentriert minimalistischen Inszenierungen von Mateja Koleznik trägt Evgeny Titov dicker auf, verschärft das Drama und verspielt damit einiges. Aber auch am Ende findet er ein spannendes Bild: Da steht Warwara von den anderen abgewandt da, bereit zum Gehen, doch zögernd, und um sie herum werden gleich mehrere Video-Abbilder ihrer Selbst an die Wand und in die Luft projiziert: eine Frau im roten Kleid, zugleich körperlich präsent und doch schon ein Geist.

Man hat das unheimliche Gefühl, ihre Aura für einen Moment zu sehen. Ob sie den Absprung schafft, bleibt in der Schwebe. 

Perner-Insel, Hallein, 2. und 3., sowie 5. bis 8. August, 19.30 Uhr, Karten: www. salzburgfestival.at
 

 

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