Salzburger Festspiele Eine Stadt spielt "Covid fan tutte"

Katzenjammer und Erlösung: Tobias Moretti (Jedermann) und Peter Lohmeyer (Tod) im „Jedermann“ 2019 auf dem Domplatz. Foto: SF/Matthias Horn

In prekären Zeiten feiern die Salzburger Festspiele mit einem verkürzten und modifizierten Programm ihr 100-jähriges Bestehen. Strenge Hygieneregeln sollen dafür sorgen, dass Corona nicht die Hauptrolle spielt

 

Viele Wochen hatte das Management der Salzburger Festspiele gezögert. Eine Absage ausgerechnet der diesjährigen Jubiläumssaison wäre eine Katastrophe gewesen. Dann kam Ende Mai die erlösende Nachricht: Das bedeutendste Musik- und Theaterfestival der Welt, das dieses Jahr sein hundertjähriges Bestehen feiert, wird trotz Corona-Pandemie über die Bühne gehen, wenn auch verkürzt und modifiziert. Und damit aus den Festspielen nicht das „Ischgl der Kultur“ wird, haben die Festspiele zusammen mit Fachleuten ein ausgefeiltes Hygienekonzept erarbeitet mit personalisierten Eintrittskarten, Besucherlenkung und „Gesundheitstagebuch“ für Künstler.

Im Zentrum des auf August beschränkten Spielplans steht einmal mehr der „Jedermann“. Schließlich wurden mit Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ im Jahre 1920 die ersten Salzburger Festspiele bestritten. Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges sollte das Festival, so formulierten es die Gründerväter Hofmannsthal, Max Reinhardt und Richard Strauss, eine Friedensbotschaft aussenden und dem vom mächtigen Vielvölkerimperium zum alpinen Kleinstaat geschrumpften Österreich zu einer neuen Identität als Kulturnation verhelfen. Ein wenig wollte man auch Gegenpol sein zu den „preußischen“ Richard Wagner-Festspielen in Bayreuth: vielfältiger, offener, nicht nur einem einzigen Genius huldigend. Und eine ganze Stadt als Bühne!

Ein Global Player

Im Verlaufe eines Jahrhunderts ist aus dem einst recht intimen musikalisch-theatralischen Veranstaltungsreigen ein Global Player der Kulturindustrie geworden, auch wenn man dieses Wort im auf Exklusivität und höchsten künstlerischen Anspruch bedachten Salzburg nicht gerne hören möchte.

In den vergangenen Jahren eilten die Festspiele ökonomisch von Rekord zu Rekord. 2019 wurden mehr als 270 000 Karten verkauft, bei einer Platzauslastung von sagenhaften 97 Prozent. Dass die Festspiele auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sind, bekam die Stadt in der Corona-Krise zu spüren, der die Oster- und Pfingstfestspiele zum Opfer fielen.

Wie jeweils die künstlerische Bilanz ausfällt, ist ein Stück weit Einschätzungssache. Auf jeden Fall ist es sehr schwer geworden, unter Hunderten von Musikfestivals in Europa und weltweit den Alleinstellungsanspruch „Von allem das Beste“ für sich zu reklamieren oder mit einer „Salzburger Dramaturgie“ Maßstäbe zu setzen, zumal die großen, charismatischen Persönlichkeiten, die einst den Festspielen ihr unverkennbares Gesicht gaben, rar geworden sind.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Herbert von Karajan (1908-1989) der unangefochtene Übervater der Festspiele. Er machte Salzburg zum Mekka der Tonträgerindustrie und sorgte für unvergessliche Aufführungen von Opern Wolfgang Amadeus Mozarts, von Richard Strauss und Giuseppe Verdi.

Solch illustre Mozart-Ensembles wie in den 70er Jahren mit Künstlern wie Christa Ludwig, Brigitte Fassbaender, Peter Schreier, Hermann Prey und Dietrich Fischer-Dieskau sind heute nur noch schwer aufzutreiben. Doch macht Salzburg immer noch mit Entdeckungen auf sich aufmerksam: Anna Netrebko und zuletzt die litauische Sopranistin Asmik Grigorian als Salome in der gleichnamigen Strauss-Oper, inszeniert von Romeo Castellucci, begründeten an der Salzach ihren Weltruhm.

Das Blingbling der Reichen und Schönen

Nach Karajan sorgte der belgische Theatermanager Gerard Mortier (1943-2014) im Jahre 1991 für einen zunächst umstrittenen Neuanfang. Er verjüngte das Publikum und stellte den allbekannten Repertoire-Hits auch weniger bekannte Werke und Modernes gegenüber. Das unter Karajan in Salzburg ausgiebig zelebrierte Blingbling der Schönen und Reichen trat ein wenig in den Hintergrund, um unter Mortiers Nachfolgern Peter Ruzicka und Jürgen Flimm, vor allem aber unter dem auf Prestige bedachten Intendanten Alexander Pereira wieder zurückzukehren.

Seit 2016 hat Markus Hinterhäuser, der einst für Mortier eine Schiene für zeitgenössische Musik schuf, die Zügel in der Hand. Er versucht, einen Mittelweg zu gehen zwischen gesellschaftlichem Event, ökonomischem Erfolg und künstlerischer Exzeptionalität.

In diesem besonderen Jahr, das ein wenig an die prekären Umstände der Anfangszeit nach dem großen Krieg erinnert, ist dies eine ganz besondere Herausforderung. Nur zwei Opern stehen auf dem Programm, „Elektra“ von Strauss und „Così fan tutte“ von Mozart. Die Theatersparte präsentiert neben dem „Jedermann“ eine mit Spannung erwartete Uraufführung von Literaturnobelpreisträger Peter Handke, und der Pianist Igor Levit wird einen Zyklus aller Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven spielen, der Salzburger Beitrag zum arg gerupften Beethovenjahr. Von „Covid fan tutte“ will Hinterhäuser nichts wissen. Doch dies ist zunächst eine Hoffnung.


Theater erfüllt sich erst im Austausch mit dem Publikum

Am 1. August eröffnen die Salzburger Festspiele zum 100-jährigen Jubiläum in modifizierter Form mit einem umfassenden Programm. Erstmals wird der Eröffnungsabend mit der Neuinszenierung von Richard Strauss’ „Elektra“ aus der Felsenreitschule und mit der Wiederaufnahme des „Jedermann“ auf dem Domplatz live in zahlreichen Kinos in Österreich, Deutschland und der Schweiz übertragen. In München werden die Aufführungen im Mathäser, Neuen Rex, den Gröben-Lichtspielen, in der Filmstation Gilching und im Foolskino Holzkirchen zu sehen sein.

Wer lieber live dabei ist: Die Konzerte der Wiener Philharmoniker sind zwar bereits ausverkauft, für Igor Levits Beethoven-Zyklus, einige Vorstellungen von „Elektra“, „Jedermann“ und Peter Handkes Stück „Zdeněk Adamec“ gibt es durchaus noch Karten in den oberen Preiskategorien.

Das Salzburg-Museum in der Neuen Residenz (Mozartstraße 1) zeigt vom 26. Juli bis 31. Oktober 2021die Ausstellung „Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele). „Max Reinhardt war überzeugt, dass sich jedes Theaterstück erst im Austausch mit dem Publikum erfüllen kann. Es wurde versucht, diesen Gedanken auch auf die Ausstellung zu übertragen. Fühlen Sie sich in diesem Sinne eingeladen, in die Welt der Salzburger Festspiele einzutauchen und diese aktiv zu erkunden“, heißt es zum Konzept dieser Ausstellung.

Die Deutsche Grammophon hat zum Jubiläum eine 58 CDs starke Box mit Aufnahmen der Festspiele herausgebracht, darunter Opern von Richard Strauss und Wolfgang Amadeus Mozart unter Karl Böhm, Giuseppe Verdis „Don Carlos“ und „Il trovatore“ unter Herbert von Karajan sowie zahlreiche Mitschnitte von Konzerten aus dem Archiv des Labels.

Infos zu Karten unter www.salzburgefestival.at

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