Salzburger Festspiele Ein großer Offenbach-Klamauk mit Max Hopp

Offenbachs "Orphée aux enfers" bei den Salzburger Festspielen. Foto: Monika Rittershaus

Ein großer Offenbach-Klamauk mit Max Hopp

 

Wer sich die allererste aller Operetten antut, könnte für vergnügungssüchtig gehalten werden. Denn die Mythenparodie von Jacques Offenbachs „Orphée aux enfers“ ist so verblasst wie der Skandalwert einer einvernehmlichen Trennung nach dem Erkalten sexueller Gefühle vor der Einführung der Ehescheidung. Und das Hochwerfen der Röcke beim Cancan kann man nicht mal mehr als Parodie ertragen.

Das weiß Barrie Kosky, der führende Fachmann für alles Leichte, natürlich auch. Er hat die Opéra-buffon zu Offenbachs 200. Geburtstag im Haus für Mozart der Salzburger Festspiele inszeniert und verzichtete darauf, den „Mozart der Champs-Élysées“ festspielwürdig mit Tiefsinn oder gar Bedeutung aufzumöbeln. Seine Inszenierung ist nicht mehr – aber auch nicht weniger – als eine bunte, unterhaltsame Show.

Offenbach findet in diesem überzeugten Unernst ganz zu sich

Kosky enthält sich aktualisierender Anspielungen ebenso wie oberlehrerhafter Sozialkritik. Er nimmt „Orphée aux enfers“ als das, was es trotz einiger altlinker Deutungen wohl doch nur ist: ein großer Spaß, der in Salzburg zur Groteske überdreht wird. Möglich Leerstellen in dieser Parodie des antiken Orpheus-Mythos werden mit Fummel und Ballett überklebt, die gealterte Frivolität durch Übertreibung überschminkt. In diesem Unernst aus Überzeugung findet Offenbach durchaus zu sich.

Der Clou sind die live synchronisierten Dialoge. Alle Sänger bewegen nur ihre Lippen, während der Schauspieler Max Hopp für sie spricht. Und nicht nur das: Er sorgt auch für Geräusche einer Dose mit Haarspray, wenn sich Eurydice endlos verschönert. Er schmatzt, rülpst und schnarcht. Den todtraurigen Verlierer Hans Styx spielt er auch noch. Und weil Hopp dabei so unschuldig tut wie eine früh ergraute Mischung aus Karl Valentin und Oliver Hardy, wirkt sein virtuoses Sprechen umso komischer. Falls wirklich technisch nachgeholfen wird, passiert das so genial, dass es keiner merkt.

Der Ausstatter Rufus Didwiszkus hat die Bühne des Hauses für Mozart mit leicht angeschlagenem Gold-Stuck im Belle-Époque-Shabby-Style gerahmt – ähnlich dem Proszenium der Berliner Komischen Oper, die diese Inszenierung ihres Intendanten übernimmt. Eurydikes Schlafzimmer ist eine gemalte Kulisse im Stil des 18. Jahrhunderts. Aber die Theater-Metapher des Anfangs zwischen dem Geigen-Professor Orpheus (Joel Prieto) und der Öffentlichen Meinung (Anne Sofie von Otter) verläuft im Sand, was wenig konsequent ist, aber auch nicht stört.

Bald erscheinen lustige Bienchen mit dem als Imker vermummten Unterweltgott Pluto. Sie zeigen viel Bein wie in Opas Operette einst die Damen, sind aber zur Hälfte mit Herren besetzt. Max Hopp spricht die Frauenrollen mit sehr tiefem Alt, und auch beim Cancan wird auf eine strenge Parität der Geschlechter geachtet, ohne dass sich die Aufführung so ähnlich demonstrativ queer geben würde wie der neue Bayreuther „Tannhäuser“.

Stark ist Kosky immer dann, wenn er – wie bei Max Hopp – die Körperlichkeit des Darstellers mitspielen lässt. Nadine Weißmann hat in der Hosenrolle des Cupido keinerlei androgyne Ausstrahlung. Dass sie trotzdem figurbetonte glänzende Hosen trägt, hat etwas Albernes. In ähnlicher Weise zeigt auch Kathryn Leweck als Eurydike mehr Fleisch, als es sonst Damen in Korsage zu tun pflegen.

Am Ende darf in der Orpheus-Operette ein Schauspieler absahnen

Der Rest ist Gezappel und bunte Kosky-Routine. Davon gibt es leider viel. Auf dem Olymp verlässt den Regisseur das Gefühl für ein komisches Timing. Die Szene mit dem als Fliege verkleideten Jupiter (Martin Winkler) lässt er nach der Pause ganz altmodisch vom Blatt spielen, was allerdings erheblich komischer wirkt als jeder Versuch, diese Szene aufzupeppen.

Der Luxus, dass die Wiener Philharmoniker vor der Bühne sitzen, zahlt sich erst ganz spät aus. Der Dirigent Enrique Mazzola müht sich zwar um trockene Leichtigkeit. Aber das Orchester verfällt immer wieder in eine schuberthafte Wärme, die bei Offenbach keiner braucht. Zuletzt aber sorgt ein Genie am Becken für einen rauschhaft-orgiastischen Klang, der ein Bacchanal zitiert und zugleich nach einer Dreigroschenversion der Antike klingt.

Letztlich wedelt der Schwanz mit dem Hund, wenn am Ende ein virtuoser Schauspieler absahnt. Aber egal: Dieser Max Hopp ist sowohl als Hans Styx wie als Universalwaffe ein Ereignis und für Nicht-Berliner auch eine Entdeckung.

Wieder am 17., 21., 23., 26. und 30. August im Haus für Mozart. Infos zu Restkarten unter www.salzburgfestival.at

 

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