Salzburger Festspiele Cherubinis "Médée" als Beziehungsthriller

Luigi Cherubinis Oper "Médée" im Großen Festspielhaus. Foto: Thomas Aurin

Simon Stone inszeniert Luigi Cherubinis „Médée“ im Großen Festspielhaus als hyperrealistischen Beziehungsthriller

 

"Minister verhindert illegale Einreise“, meldet der Nachrichtensender live vom Salzburger Flughafen. Aber ein wenig Humanität macht sich im Fernsehen noch besser, und so lässt Kreon die georgische Exfrau seines neuen Schwiegersohns Jason nach Österreich hinein. Die schlimmen Folgen bekommt er nicht mehr mit: Er ist längst verblutet, wenn sich Medea an einer Tankstelle im Flachgau mit Benzin übergießt und ein gestohlenes Auto samt den mit Tabletten vergifteten Kindern in Brand steckt.

Das wirkt dann – wie jede Bühnenzündelei – ein wenig läppisch. Bis auf die letzten zehn Sekunden gelingt Simon Stone dafür aber das Kunststück, Luigi Cherubinis Oper „Médée“ von 1797 als Thriller auf die Bühne des Großen Festspielhauses zu holen. Weitgereiste mögen monieren, dass es sich lediglich um das Musiktheater-Remake einer zwischen Amsterdam und Wien weit gereisten Euripides-Inszenierung handelt. Und natürlich ist auch der Eins-zu-eins-Trick nicht neu, das antike Kolchis mit dem heutigen Georgien gleichzusetzen und den mythologischen Feuerwagen des Helios mit einem brennenden Auto.

Film und Bühne zusammengebracht

Spannend ist es trotzdem. Stone, der im Herbst am Nationaltheater seine Inszenierung von Korngolds „Die tote Stadt“ wiederholt und durch Übernahmen aus Basel meistbeschäftigter Regisseur des neuen Intendanten Andreas Beck am Residenztheater sein wird, versteht es wie kein Zweiter, Film und Bühne zusammenzubringen. Schwarzweiße Sequenzen zeigen das verlorene Glück zwischen Jason und Medea im Salzkammergut. Die Gegenwart ereignet sich auf einer hyperrealistischen Bühne: Bob Cousins bringt ein durch viel Statisterie belebtes Hotelfoyer, einen Festsaal mit Toilette, Luxussuiten, eine triste Bushaltestelle einschließlich Flaschencontainer und im Finale eine Tankstelle samt Polizeigroßeinsatz und Feuerwehr auf die Bühne.

Das alles ist virtuos gemacht – und zugleich ideal für die überbreite Bühne des Großen Festspielhauses. Und es bleibt auch kein Selbstzweck: Stone kann in Bildern psychologisch plausibel machen, wie ein beiläufiger Fehltritt zu einer Beziehungskatastrophe mit mehren Toten eskalieren kann.

Das Problem, dass Cherubinis Musik bis zu Medeas Auftritt eine halbe Stunde lang akademisch dahinplätschert, überspielt die Inszenierung in ihrer Erzählfreude ganz mühelos. Und dass der österreichische Innenminister Kreon die Drohungen der Georgierin ausgerechnet per Mobiltelefon aus einer Tabledance-Bar zurückweist, ist nach der Ibiza-Affäre zusätzlich erheiternd.

Anrufe auf der Mailbox

Jason ist bei Stone zwar ein Hallodri, aber auch ein Getriebener. Er liebt Dircé nicht wirklich und schläft am Vorabend der zweiten Hochzeit im Hotel schnell noch mit einer Prostituierten. Die Zimmermädchen schaffen es gerade noch, das Bettlaken zu erneuern, ehe die Kinder aus erster Ehe eine Kissenschlacht veranstalten. Weil er einem klärenden Gespräch mit Medea aus dem Weg geht, macht er alles nur noch schlimmer, weil sich seine Ex-Frau nun in einen Rachewahn hineinsteigert.

Die gesprochenen Dialoge von Cherubinis Oper hat Stone durch Medeas Anrufe ersetzt, die auf Jasons Mailbox ins Leere laufen. Im Duett am Ende des ersten Akts brüllt sich das geschiedene Paar per Ferngespräch an – sie aus einem schäbigen Internetcafé in Tiflis, er in einer Luxussuite in Salzburg. Da ist Stone ganz nah bei Cherubini, der Medea nicht nur als dämonisch Eifersüchtige auf die Bühne gebracht hat, sondern als große Liebende, die bis zuletzt vor dem Mord an den Kindern zurückschreckt.

Zu diesem Beziehungskrimi gibt es aus dem Graben mehr als Filmmusik. Thomas Hengelbrock hat die wie immer gepflegt spielenden Wiener Philharmoniker nicht zum Originalklangorchester umgekrempelt. Aber er heizt Cherubinis Klassizismus so auf, bis er klingt wie Joseph Haydn auf Kokain. Trotzdem würde die Musik in einem kleineren Raum dramatischer, härter und extremer wirken als im Großen Festspielhaus, das selbst Wagner verzwergt.

Die Stimmen von Vitalij Kowaljow (Kreon) und Pavel Cernoch (Jason) sind für den Raum nicht groß genug. Elena Stikhina singt und spielt Medea als junge zornige Frau – mit einer klaren, wenngleich wenig individuellen Stimme. Aber sie zeigt – wie die ganze Aufführung – dass es durchaus möglich ist, bei Cherubinis „Médée“ aus dem übermächtigen Schatten von Maria Callas herauszutreten und dass diese berühmte, aber selten gespielte Oper auch ohne die nachkomponierten Rezitative von Franz Lachner sehr wohl wirkt.

Wieder am 4., 7., 10., 16. und 19. August im Großen Festspielhaus. Restkarten unter www.salzburgfestival.at

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading