'S letzte oide Haisl Ein Haus mit einer ganz besonderen Geschichte

Kleiner und heruntergekommener: Im Viertel ist das besprühte Haisl ein Fremdkörper. Aber einer mit viel Geschichte und Geschichten. Foto: Thomas Stankiewitz

Mitten im Lehel steht ein kleines Haus mit ganz besonderer Geschichte. Der Reporter wohnt seit Jahrzehnten in der Nachbarschaft – und hat den Geschichten lange nachgespürt.

 

München - Fast täglich gehe ich vorbei, seit Jahrzehnten kenne ich, als berufsneugieriger Nachbar, das zweistöckige Haus an der Robert-Koch-Straße. Geradezu eingezwängt und niedergedrückt wirkt der original klassizistische Bau zwischen all den tadellos renovierten Mietspalästen der Gründerjahre und des Jugendstils. Es ist eines der letzten Überbleibsel aus jenen Zeiten, als Münchens 13. Stadtbezirk noch nicht die teuerste Wohngegend Deutschlands war, sondern nur ein Viertel der Kleinen Leute.

Wohlgenährte Nonnen geben Speisen im Hinterhof aus

Während des Krieges hatte Glasermeister Reitz eine Werkstatt im Parterre. Nach "Terrorangriffen", wie es die Nazi-Propaganda nannte, mussten mein Bruder und ich und viele andere leere Fensterrahmen hinschleppen, weil der Luftdruck von Sprengbomben immer wieder die Scheiben zerborsten hatte.

Gern schauten wir zu, wie Herr Reitz das Glas auf einem Riesentisch zurechtschnitt. Manche Geschädigte gaben es schließlich auf und nagelten nur noch Sperrholz oder Pappe auf die Rahmen. Denn der Bombenregen nahm kein Ende. Auch pickten Spatzen, die es damals noch häufiger in München gab, immer wieder frischen Kitt aus den Rahmen.

Beim großen Wiederaufbau bekam Meister Reitz noch mehr zu tun. Indes sorgten wohlgenährte Nonnen im Hinterhofgebäude für die Hungrigen und Armen des Viertels; weniger als eine Reichsmark kostete das tägliche "Stammgericht" (Kartoffeln mit Gemüs). Und daneben, im Theatersaal des Katholischen Gesellenvereins, bot die "Schaubude" Münchens erstes und Deutschlands bestes Nachkriegskabarett.

Ich träumte von einem Museum im Haisl. So wie in Haidhausen

Kein Programm habe ich versäumt. Unvergessen, wie Ursula Herking das "Marschlied 1945" des Hausdichters Erich Kästner in den stets übervollen Saal schmetterte: "Ja, das wär jetzt der bekannte, doch wir haben ja den Kopf Untergang des Abendlands ... noch fest auf dem Hals." Ebenso unvergessen der kleene Berliner Bum Krüger mit seinem Klagelied gegen Ansätze eines binnendeutschen Rassismus, den eine neue bayerische Partei nicht ohne Erfolg pflegte: "Ick bin een Preuße, mir will keener haben..." 

Nach der Währungsreform von 1948 wollten die Münchner ihr neues Geld lieber in die endlich wieder vollen Läden tragen als zu einer Kulturstätte mit Berliner Geschmack. Und so wie der Kabarett-Boom endete auch der Fenster-Boom: Glasermeister Reitz machte zu und entschwand, wobei er die Madonna in der Hausmauernische mitnahm. Mit ihm entschwand meine Aufmerksamkeit für das unscheinbare Handwerkeranwesen.

Allenfalls fiel es mir ein, als ich Bruce Low mit dem 1955er-Hit "Das alte Haus von Rocky Docky" aus dem Radio knurren hörte: "Dieses Haus ist alt und hässlich denn seit mehr als 50 Jahren dieses Haus ist kahl und leer. da bewohnt es keiner mehr."

Tatsächlich blieb das uralte Häusl mehr als ein halbes Jahrhundert unbewohnt – so schien es jedenfalls. Die Mauern bröckelten, die Fenster brachen, die Wände wurden immer wieder beschmiert, Gras wucherte heraus. Jedenfalls blieb es verschont von den Abrissbirnen, die längst die letzten Herbergen rundum plattgemacht hatten.

Zuletzt, 1976, musste noch die malerische Siedlung der Wäscher ("Pantscher") im Gries teuren Neubauten weichen, was der Architekt Erwin Schleich ebenfalls unter dem Stichwort "Zweite Zerstörung Münchens" dokumentierte. Mein Sohn Thomas konnte mit seiner ersten Kamera nur noch den Staub der Trümmer fotografieren (ähnlich, nur illegal, erging es ja sehr viel später dem Uhrmacherhäusl in Giesing).


Beim täglichen Anblick des langsam verkommenden Glaserhäusls kamen mir krasse Ideen: Könnte es nicht, nach fälliger Sanierung, ein Museum für diesen geschichtsträchtigen Stadtteil werden, ähnlich dem famosen Haidhausen-Museum?
Oder wäre es wegen der Nähe zur ersten Floßlände nicht ein ideales Flößermuseum, wie es Helga Lauterbach, die Cousine des Lechlbewohners Sigi Sommer, längst plant?

Vielleicht mit einem Schauraum für einige der historischen Boote, die mein Kanu-Kamerad Holger Machatschek für eben diesen Zweck in der Olympia-Werft Oberschleißheim hortet? Meine Denkanstöße blieben irgendwie im Netzwerk des Stadtmuseums hängen.


Vor Kurzem nun schien das Geisterhaus aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen. Ich bemerkte eine Frau, die am verrosteten Briefkasten hantierte und sich bemühte, das aus den Ritzen wuchernde Gebüsch zu stutzen.

Ich sprach sie an – und begann, die Geschichte, den Zustand und die mögliche Zukunft dieses exemplarischen Stücks Alt-München genauer zu erforschen. Allerdings: Die jetzige Hausbesitzerin bat inständig, weder ihren Namen noch ihre Adresse noch ihre etwaigen Absichten zu veröffentlichen, da sie sonst einen kaum zu bewältigenden Ansturm von Interessenten befürchtet. Wir wollen den Wunsch selbstverständlich respektieren, nicht aber auf ein paar eigene Erkenntnisse und Beobachtungen verzichten.

Im Haus wird eine Frau erstochen. Von ihrem jungen Liebhaber

Seit Oktober 1979 steht das Haus unter Denkmalschutz. "Seit vier Jahren Leerstand", meldete das Landesamt für Denkmalpflege im Februar 2019. Das so genannte "Glaser- und Kramladenhaus" genießt bei den Denkmalschützern hohen Stellenwert. Denn schon um 1800 muss es erbaut worden sein, als schlichtes Zweifamilienhaus mit Satteldach.

Da es wohl das überhaupt erste Wohngebäude in diesem Teil des Lehel war, wird ihm sogar "musealer Wert" zugemessen. Wahrscheinlicher Mit-Erbauer war Xaver Reitz, Spross einer angesehenen Glaser-Dynastie. Zeitweise soll die Frau des Viertelglasers Reitz im Erdgeschoss einen Kramerladen betrieben haben.

Damals wohnten bis zu 15 Personen zur Miete in diesem Vorstadthäuschen, dahinter befand sich zeitweise die Maschinenwerkstätte Negele. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs tauchte ein neuer Besitzer auf: Dr. Max Schülein (1890 - 1939), Neffe des Direktors der Löwenbrauerei. Als letzter jüdischer Chirurg in München war Schülein außerordentlich beliebt, bevor ihm die Approbation entzogen wurde.

Er verkaufte das Glaserhaus an den Kolpingverein, dem schon das katholische Gesellenhaus St. Anna im Hinterhof gehörte. Mehrmals erschienen Polizei oder Feuerwehr vor Ort. Einmal platzte, infolge fehlerhafter Installation, das Hauptwasserrohr, so dass der Keller meterhoch überflutet wurde. Dann wurden die Fensterläden geklaut. Und schließlich wurde sogar ein Mord gemeldet.

Im ersten Stock hatte zeitweise eine alte Dame gelebt, die selten das Haus verließ, so dass es durchaus unbewohnt wirkte. Als man die Frau doch eine Weile vermisste, wurde sie in einer Blutlache gefunden, niedergestochen von ihrem sehr viel jüngeren Liebhaber.

Viele Lechler finden, das Haus sei ein Schandfleck

Wie hieß es doch in dem alten Schlager: "Das Haus von Rocky Docky hat vieles schon erlebt. Kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt." Immer mehr Lechler Bürger empfanden das heruntergekommene, nur scheinbar unbewohnte Haus, als Schandfleck fürs Viertel und beschwerten sich beim Bezirksausschuss (BA) Altstadt-Lehel. Der vermutete Zweckentfremdung und bat die Stadtverwaltung um "Besitzüberprüfung". Bescheid: eine Zweckentfremdung sei nicht festzustellen.

"Das konnte heißen, dass das Haus entweder bewohnt sei oder dass ein Bauantrag vorliege", erläutert uns der BA-Vorsitzende Wolfgang Neumer. Mit der amtlichen Auskunft will er es jedoch nicht bewenden lassen. Er befürchtet ganz allgemein, "dass Hunderte von Wohnungen im Stadtbezirk allmählich von jungen Erbengemeinschaften übernommen und dann luxussaniert werden könnten."

Die Lokalpolitik ist in Sorge – um die letzten Mittelstandsfamilien

Neumer sieht das alte Glaserhäusl am Scheideweg in eine Zukunft, die tendenziell so aussehen könnte: "Schließlich gäbe es hier keine Alten mit kleiner Rente und keine Mittelstandsfamilien mehr, sondern vor allem Karriere-Singles und leerstehende Zweitwohnungen, wo Auslands-Millionäre mal Urlaub machen."

In solcher Besorgnis hat der Bezirksausschuss (gegen zwei FDP-Stimmen) erneut ans Rathaus geschrieben. Demnach solle das gesamte Lehel mit seinen aktuell etwas mehr als 12 000 Bewohnern zum "Erhaltungssatzungsgebiet" erklärt werden.

Dies würde strenge Auflagen für Investoren bedeuten und Spekulations-Sanierungen erschweren. Der Antrag wurde abgelehnt.

Lesen Sie hier: Vier Tonnen Faschings-Müll an einem Tag!

 

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