Ruzowitzky verfilmt Hesses Mittelalterroman "Narziss und Goldmund" in der Kinokritik: Masochistischer Teenie-Erotikfilm?

Sabin Tambrea (l.) als Narziss und Jannis Niewöhner als Goldmund am Set. Foto: Sony

"Narziss und Goldmund": Stefan Ruzowitzky verfilmt den Mittelalterroman von Hermann Hesse. Die AZ-Kritik.

 

Es geht um den klassischen Konflikt: Lebenserfüllung im Sinnesrausch oder in reflektierender, meditativer Einkehr. Hermann Hesse hat diesen Konflikt zwischen Dionysischem und Apollinischem 1930 in eine Mittelalterstory gepackt: "Narziss und Goldmund" – zwei junge Freunde aus einem Kloster, von denen der eine, Goldmund, in die Welt zieht, ein Künstlerleben führt, dabei sexuell alles mitnimmt, während der andere, Narziss, sich Gott und Sinn suchend im Kloster einschließt, wenn er es dabei auch bis zum Abt bringt.

Regisseur Ruzowitzky fällt dramaturgisch zu wenig ein

Die Verfilmung des österreichischen Regisseurs Stefan Ruzowitzky, der schon einen Oscar für seinen KZ-Film "Die Fälscher" gewonnen hat, wirkt, als ob er an der filmischen Umsetzung verzweifelt wäre. Das erst einmal nicht verwundert: Denn die Parallelgeschichte der zwei Lebenswege ist eher eine moralische Parabel als eine Geschichte aus Fleisch und Blut und auch noch episodisch erzählt. Aber Rudowitzky fällt dramaturgisch dazu zu wenig ein, außer eine bessere Verzahnung durch Rückblenden.

Inhaltlich wiederum wertet der Film im Verhältnis zum Roman die Frauen leicht auf. Sie sind hier nicht nur Perlen einer Eroberungskette des schönen Goldmund, sondern bekommen Charakter und Selbstbewusstsein, was aber in der hektischen Reihung auch keine größere psychologische Tiefe bekommt.

Darstellung des Mittelalters bleibt im kitschigen Mittelmaß stecken

Ästhetisch geht der Film dann endgültig in die Falle des Unentschiedenen bei der Frage, wie setze ich das Mittelalter ins Bild? Das muss man entweder versuchen, historisch möglichst korrekt zu rekonstruieren, was hier aber nicht passt, weil das Mittelalter von Hesse ja von vornherein als künstlicher Raum gewählt ist, um seine Geschichte abstrakter und zeitloser zugleich erzählen zu können. Oder man macht sich künstlerisch frei von Historizität und erfindet eigene Bilder. Das hat wiederum Ruzowitzky nur ansatzweise gewagt – und bleibt so im kitschigen Mittelmaß stecken. Eine echte Ritterburg wird zum unglaubwürdigen Kloster, die Werkstatt des Kunsthandwerksmeister (Uwe Ochsenknecht) wirkt peinlich kulissenhaft, oder ein von Goldmund expressiv geschaffener gotischer Altar ist zeitfremd expressionistisch.

Nichts ist hier ästhetisch stimmig. Und worüber man noch vor 35-Jahren wie "Im Namen der Rose" staunen konnte, wirkt heute peinlich – bis zur Karnevalshaftigkeit von Bärten und Kostümen. Da grinsen Hollywoodzähne aus Zauselgewändern, zeigt der großartige junge Jannis Niewöhner schauspielerisch ratlos nur seinen perfekt durchtrainierten Körper, der mehrmals – nach erotischen Schurkenstücken – blutig bestraft wird.

Verfilmung wirkt teilweise wie ein masochistischer Teenie-Erotikfilm

Ruzowitzky betont stärker als Hesse das – einseitige – homoerotische Verlangen des Narziss', den Sabin Tambrea introvertiert, subtil leidend und zweifelnd zeigt. Aber sein "sündiges" Verlangen versucht er sich in der Mönchszelle aus dem Leib zu peitschen. Bei so viel geschundenen schönen Körpern wirkt das Ganze über manchen Strecken wie ein gelackter, masochistischer Teenie-Erotikfilm. Dass bei alledem die eigentliche Lebensphilosophie und -psychologie, inklusive ungelöster Mutter-Sohn-Fragen, völlig seicht bleiben, gibt dem Film den Rest.


Kino: Arri, Cinemaxx, Sendlinger Tor, Gloria, Solln, Leopold, Mathäser, Monopol, Rex, Rio, Royal R: Stefan Ruzowitzky (D, 118 Min.)

 

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