Rudi Assauer "Ich erkenne alte Freunde nicht mehr"

Rudi Assauer mit AZ-Autor Patrick Strasser (r.). Die Autobiografie, die Assauer hier signiert, erscheint am Donnerstag. Foto: Ralf R. Hundt

Hier lesen Sie, wie Rudi Assauer mit der Alzheimer-Krankheit lebt. Auszüge aus der Autobiografie mit AZ-Reporter Patrick Strasser.

 

Mit der Bandscheibe hat sich Rudi Assauer in den vergangenen Jahren herumgeplagt, er konnte nicht mehr seinem liebsten Hobby nachgehen. Mit Freunden ein bisschen kicken auf dem Bolzplatz, so wie früher auf einem Hartplatz bei der Trabrennbahn Gelsenkirchen.

Geht nicht mehr. Eine lästige Geschichte. Eine Kleinigkeit, verglichen mit dem Schicksal, dass der 67-Jährige seit Jahren an Alzheimer leidet. Seit Januar 2010 ist der Ex-Schalke-Manager bei der Essener „Memory Clinic” in Behandlung.

Auch privat ist er auf Hilfe angewiesen, er lebt mittlerweile bei seiner Tochter Bettina. Fußball war und ist sein Leben. Bald wird das alles in seinem Kopf gelöscht sein. Vergessen. Die AZ druckt Auszüge aus der am 2. Februar erscheinenden Autobiografie Assauers „Wie ausgewechselt – verblassende Erinnerungen an mein Leben” (Riva Verlag, 256 Seiten, 19,99 Euro).

In dem Buch erinnert er sich an die Momente, in denen ihm, Lebemann, Macher und Macho bewusst wurde, wie sehr ihn die Krankheit im Griff hat.

„Ich habe eines Tages gemerkt, dass der Kopf in manchen Situationen nicht so wollte, wie ich wollte. Als wäre da oben eine Tür zu, zack – einfach geschlossen. Ich war nicht mehr so aufnahmefähig, es ging nichts mehr rein. Dann tut man das ab. Ach, Assi! Tagesform. Ein schlechter Tag eben. Wenig geschlafen, viel gearbeitet. Was soll’s? Immer häufiger spürst du aber: du bist blockiert.

„Bestimmte Dinge, ob Namen, ob Termine – sie sind ums Verrecken nicht mehr da. Wie gelöscht. Man fühlt sich ohnmächtig. Das ist am Anfang blöd, richtig blöd. Du denkst: Das gibt’s nicht, das kann doch nicht wahr sein.”

Noch bei Schalke traten erste Vergesslichkeiten und Peinlichkeiten auf. Noch vor seinem Abschied im Mai 2006 vergaß er Absprachen, Termine. „Einmal im Jahr habe ich mich immer vom Arzt komplett durchchecken lassen. Aber nun war etwas anders. Ich habe gespürt, dass irgendwas nicht stimmte. Meine Sekretärin Frau Söldner hat mich eines Tages gefragt, ob wir mal einen Test machen sollten.

Was? Nicht nur wie sonst den Körper? Auch die Birne überprüfen? Ich hatte mit niemandem darüber geredet. Da ist dieses Schamgefühl. Als könnte man was dafür! Man will es nicht zugeben. Mit wem soll man auch sprechen? Mit jemandem aus der Familie? Nein. Mit der Partnerin? Schon gleich gar nicht. Gibt es etwas Peinlicheres?

„Wenn man sich den Arm bricht oder sonst einen Knochen gibt’s einen Gips und fertig, wird schon wieder. Aber Alzheimer! Als Knirps hat man sich darüber lustig gemacht. Hehe, haste wohl vergessen, du Alzi. Na, biste blöd, das weißte nicht mehr, du Patient! Alzheimer war als Kind für einen so weit weg wie die Vorstellung, eines Tages nicht mehr so schnell rennen zu können, wie man möchte.”

Mit der Veröffentlichung des Buches soll ein Monate langes Versteckspiel vorbei sein. „Man sollte das Kind beim Namen nennen. Zack, bumm. Das soll hiermit geschehen, dann wissen es alle und müssen nicht mehr hinter meinem Rücken tuscheln. Also offenes Visier: Hier bin ich, das ist mein Problem. Ich muss ja damit leben, das Beste draus machen. Nicht schön. Aber anderen geht es noch schlechter, mir wird geholfen. Wenigstens wissen die Leute nun auch ein für alle Mal, dass ich keinen Alkohol mehr trinke. Nur meine Zigarren, auf die verzichte ich nicht."

Assauer war durch seine Familie und Freunde liebevoll umsorgt und abgeschirmt worden – öffentliche Auftritte, ob Heimspiele des FC Schalke oder Galas, bekamen immer häufiger eine Absage. Früher stand Assauer gerne im Mittelpunkt, heute lebt er zurückgezogen. „Es fällt mir seit Monaten schwerer und schwerer, andere Menschen zu treffen, solche Einladungen, die immer noch zahlreich kommen, anzunehmen. Dieses Gefühl, nicht privat, sondern in der Öffentlichkeit zu sein. Früher habe ich das ja genossen. Der rote Teppich, die Kameras – das war auch meine Welt. Wenn meine Tochter oder meine Sekretärin heute bei solchen Anlässen mit dabei sind, helfen sie mir, schirmen mich ab, mischen sich rechtzeitig ein.

„Und dennoch entstehen unangenehme, peinliche Momente. Ich erkenne gewisse Leute, zum Teil alte Freunde und gute Bekannte, auf den ersten Blick nicht mehr – das ist einfach nur schlimm für mich, eine Qual. Ich kann sie dann nicht direkt mit Namen ansprechen, bin unsicher. Im Grunde möchte ich in diesen Momenten nur weg.”

Begegnungen, Gespräche – die Kommunikation, das pralle Leben, das alles ist zu einem Problem geworden: „Oder wenn ich merke, dass ich Aussetzer habe, nicht sofort verstehe, um was es geht. Wenn ich das eine oder andere Wort nicht finde, die Sätze nicht richtig beenden kann. Natürlich schäme ich mich dann. Und sage lieber gar nichts.

„Es kann aber auch das Gegenteil passieren, wenn ich in ein Gespräch verwickelt werde und keine gute Tagesform habe. Bin ich ungeduldig mit mir und meinen Mitmenschen, sage ich etwas, was mir später leidtut, schimpfe. Dann muss ich hinterher extra betonen, dass ich das gar nicht so gemeint habe. Ich mache Sachen oder sage Dinge, von denen ich gar nichts mehr weiß später. Das macht mich kirre, das ist schrecklich.”

In der Essener Klinik, spezialisiert auf Alzheimer-Patienten, finden Gespräche mit Angehörigen und Weggefährten statt, um das Erlebte wieder hervorzuholen, das Gedächtnis zu trainieren. Sein Kumpel Werner Hansch kam vorbei zur Plauderei, Andreas Müller, Assauers Nachfolger als Manager, auch Schalkes Coach Stevens, die Ex-Spieler Youri Mulder, Gerald Asamoah, Ebbe Sand und Jens Lehmann. Für alle war es ein Schock, Assauer in diesem Stadium der Krankheit zu erleben.

Assauer stellt sich die Frage nach seiner Zukunft: „Für meine Familie ist das nicht schön, wenn ich dann wie so ein Bekloppter durch die Gegend laufe oder im Rollstuhl umhergeschoben werden muss. Oder wenn ich dann in ein Pflegeheim muss – das ist so schrecklich dort. Diese armen Menschen! Wenn ich mir das vorstelle, die liegen da und gucken nur noch stumpf an die Decke. Was für ein Leben! Manche können nicht mal mehr ,Guten Tag!’ sagen. Die wissen ja gar nicht, warum und wieso und weshalb. Schrecklich.”

 

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