RTL undercover im Städtischen Klinikum Missstände in Harlaching - Klinikleitung wehrt sich

Klinik-Chef Axel Fischer sagt zu den Vorwürfen von "Team Wallraff": „Ein Eindruck, der nicht gerechtfertigt ist“ Foto: az-screenshot/RTL-Mediathek

Die RTL-Sendung "Team Wallraff – Reporter undercover" zeigt heimlich gedrehte Bilder aus dem Klinikum Harlaching – und erhebt Vorwürfe. Die Klinik wehrt sich, die Pfleger sind empört.

München - Eine alte Frau sitzt auf einem Toilettenstuhl, sie kann nicht Wasser lassen. „Ich habe Angst“, sagt sie – und Schmerzen. Die Dame, eine Patientin am Klinikum Harlaching, ist dement. Neben ihr steht eine überforderte Pflegepraktikantin, die nicht weiß, was sie tun soll. Die Pfleger haben keine Zeit, um zu helfen.

Diese Szene hat sich im Dezember 2014 auf der chirurgischen Station des städtischen Klinikums in Harlaching abgespielt – glaubt man „Team Wallraff“, einer RTL-Sendung des Reporterteams um den Investigativjournalisten Günter Wallraff. Die Reporterin Pia Osterhaus hat acht Tage verdeckt als Pflegepraktikantin in Harlaching gearbeitet und dabei gefilmt.

Die Vorwürfe, die die am Montag ausgestrahlte Reportage erhebt, sind drastisch: Überforderte Schwestern, ein rüder Umgangston mit Patienten und defekte Geräte werden gezeigt.

Ein 80-jähriger Mann mit Durchfall darf nicht auf die Toilette, sondern muss eine Windel tragen. Bei einem 18 Jahre alten Lungenpatienten funktioniert die Absaugepumpe nicht. Es wird mit mangelhaften medizinischem Gerät gearbeitet, folgert „Team Wallraff“. Bei einem schwerhörigen Patienten platzt einer Krankenschwester bei der Morgenpflege der Kragen, als dieser nicht auf sie reagiert. „Ich fick dich, du Tauber“, herrscht sie ihn an.

Mittendrin: eine Pflegepraktikantin (Osterhaus), die ab ihrem vierten Tag alleine Patienten helfen soll und, wie die anfangs geschilderte Situation zeigt, damit überfordert ist.

Für das Städtische Klinikum (StKM) kommt der Beitrag zu einem bitteren Zeitpunkt. Nach schwierigen Jahren mit Sanierungsfrust und Negativschlagzeilen sollte es bergauf gehen. Gerade erst hat die StKM eine Kampagne gestartet, um neue Pflegekräfte anzuwerben.

Klinik-Chef Axel Fischer weist die Vorwürfe zurück: „Es entsteht ein Eindruck, der nicht gerechtfertigt ist.“ Am Klinikum werde gute Medizin gemacht. Wenn Pfleger gegenüber Patienten ausfällig werden, seien das Einzelfälle, „die wir definitiv nicht tolerieren.“

Die Krankenschwester, die den tauben Patienten im Beitrag beschimpft, ist bereits vor sechs Monaten entlassen worden – aufgrund einer internen Beschwerde. Vom RTL-Beitrag erfuhr die Klinik erst zwei Stunden vor der Ausstrahlung. Das Produktionsteam hatte zwar eine Anfrage an die StKM geschickt, jedoch mit eher allgemeinen Fragen zu Personalschlüssel und Hygienefragen.

Was das Medizingerät betrifft: Dafür gebe es ein Wartungssystem, bei dem jeder Defekt gemeldet werde – zudem sei das im TV gezeigte Absaugegerät ein Einmalprodukt, kein Altgerät.

Trotzdem betont die Klinik: Man nimmt das Gezeigte ernst. „Wir werden uns das anschauen“, sagt Fischer. Er will wissen, welche Vorwürfe stimmen und wo RTL vielleicht geschnitten und verfälscht hat.

Selbst wenn sich die meisten Vorwürfe als ungerechtfertigt herausstellen sollten, für das Team in Harlaching hat Beitrag in jedem Fall schmerzhafte Nachwirkungen. „Die Mitarbeiter sind sehr betroffen“, sagt die Harlachinger Klinikleiterin Sonja Eckardt. Osterhaus’ Kollegen auf Zeit haben das Gefühl, dass ihr Vertrauen missbraucht worden ist. Ein Mitarbeiter hat sich Montagabend rein zufällig gepixelt im Fernsehen entdeckt. „Er fühlt sich beschmutzt“, habe er Eckardt gesagt.

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