Romandebüt "Der zerrissene Brief" Hanns Zischler: Vom Aufbrechen und Ausscheren

Der gebürtige Nürnberger Hanns Zischler (Jahrgang 1947) ist Schauspieler, Autor und Fotograf. Seine Schauspielkarriere begann bei Wim Wenders, Peter Handke und Rudolf Thome. Er spielte in "Babylon Berlin" und Steven Spielbergs "München". Seine Forschungsarbeit "Kafka geht ins Kino" wurde in viele Sprachen übersetzt. Foto: Ulrich Weichert

Der Schauspieler und Autor Hanns Zischler hat nun seinen ersten Roman vorgelegt: "Der zerrissene Brief". Er ist absolut lesenswert.

 

Was tun bei Liebeskummer? Studentin Elsa sucht im Sommer 1966 Trost bei der 84-jährigen Pauline. Zwischen beiden entspinnen sich wunderbar leichte und zugleich tiefgründige Gespräche über die Liebe und das Erinnern, die Faszination des Reisens – und über Paulines Beziehung zu dem 30 Jahre älteren Max. Diese Liebesgeschichte beginnt auf einem Kirchweihfest in Treuchtlingen.

Ein Schausteller will sie für ein Experiment "aufs Treppchen" holen. Da fasst sie Max am Ellenbogen und sagt: "Das werden Sie bitte nicht tun." Nach nur drei Treffen schickt er die 17-Jährige im Jahr 1899 mit 2.000 Goldmark allein nach New York. Ein Mädchen, das in die Ferne und das neue Jahrhundert aufbricht und nach zwei Jahren als selbständige, selbstbewusste Frau zurückkehrt.

Zischlers "Der zerrrissene Brief": Von überbordender sprachlicher Eleganz"

Bis zum Tod von Max 1938 wird sie als seine Reise- und Lebensgefährtin die Welt erkunden. Hanns Zischler, Schauspieler, Fotograf und Autor, entwirft in seinem ersten Roman "Der zerrissene Brief" ein emotional fesselndes Panoptikum der Vergangenheit. Wie seine Erzählung "Das Mädchen mit den Orangenpapieren" ist diese Spurensuche von überbordender sprachlicher Eleganz.

In Paulines Worten verweben sich Assoziationen und Gedankenfragmente. Briefe, Notizen, Fotos und gesammelte Objekte machen Vergessenes wieder sichtbar. Und immer wieder blitzt die Hingabe des Schauspielers Hanns Zischler zur Kinematografie auf.

AZ: Herr Zischler, wie ist diese Geschichte zu Ihnen gekommen?
HANNS ZISCHLER: Mir wurde vor vielen Jahren erzählt, dass ein Mädchen aus einem fränkischen Dorf 1899 mit viel Geld, allein, wegen einer Liebesaffäre nach Amerika ging. Mehr wusste ich nicht. Wenn man eine Geschichte nicht zu Ende erzählt bekommt, kann man die Sache vergessen oder man will sie selbst zu Ende führen.

Empfinden Sie die Form eines Dialogromans als besondere Herausforderung?
Ich hatte keine andere Wahl. Wenn ich zwei Frauen zusammenbringe und gleichberechtigt in ein Gespräch verwickele, kann ich mich nicht als Autor quasi darüber stülpen. Ich habe versucht, beide laufen zu lassen und mich möglichst als männlicher Schriftsteller zurückzuhalten. Natürlich musste ich mich auf die Mentalität oder Gefühle der jeweils anderen Person einlassen.

Hanns Zischler: "Erinnerung ist ein unsicheres Fundament"

"Der zerrissene Brief" ist ein Streifzug durch Erinnerungen mit Zeitsprüngen. Pauline sagt mal "Erinnerung geht nie der Reihe nach". Welche Funktion haben Erinnerungen für uns?
Erinnerung ist ein unsicheres Fundament. Man geht über "shifting ground", über Eisschollen und man weiß nicht: Trägt das oder trägt das nicht? Dann muss man unter Umständen schnell wechseln. Das heißt, man baut sich seine Vergangenheit immer neu zusammen. Aber man kann nicht sagen: Ich kann mich an nichts erinnern. Dann wären wir gegenwartslose Wesen.

Sie erzählen von einer außergewöhnlichen Liebesbeziehung. Nach der dritten Begegnung schickt Max die 17-jährige Pauline mit 2000 Goldmark nach New York. Trennung aus Liebe und gleichzeitig auch ein Erziehungs- oder Bildungsprogramm…
Diesen heiklen Punkt wollte ich unbedingt einbeziehen. Es ist ein Erziehungsprogramm, das er mit ihr vorhat und auch nicht abstreitet. Sie hat sich darauf eingelassen, weil sie nicht im Dorf bleiben will. Was hätte sie da erwartet außer Ehe und Kinder? Diese Option tauscht sie gegen eine andere ein, wo ihr dieser Liebhaber eine andere Welt zeigt. Sie wird sein unverzichtbarer Gesprächspartner. Er weckt ihren wachsenden Erkenntnishunger.

Hanns Zischler: Das bedeutet Heimat für mich

Aber geht es nicht auch um die männliche Neigung, eine Frau nach dem eigenen Bild zu formen?
Historisch trifft das sicherlich zu, dieses Verhalten entspricht der traditionellen Rollenverteilung. Pauline bezeichnet sich einmal als "ausgehaltene Frau". Aber sie wird eine selbstbewusste Frau, die aus vorgezeichneten Wegen ausschert.

Das Gefühl von Heimatliebe und Heimatlosigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman, der in Mittelfranken spielt, wo Sie geboren sind. Was bedeutet Heimat für Sie?
Eigentlich ein Reservoir an Erinnerungen, das Panorama einer vergangenen, verräumlichten Zeit. Ich kann die Landschaft, die Lichtstimmungen, selbst die Wolken und das Wetter beschreiben, weil ich sie sehr genau kenne. Sie sind einfach da. Ich muss deshalb nicht an den Ort selbst zurückkehren.

Hanns Zischler über Schauspieler, Masken und Dämonen

Immer wieder tauchen Masken auf als Mythos oder auch als Machtfaktor. So sammelt Max Masken und Bilder von Masken, aber auch Gesichter von Schauspielern.
Das Sammeln von Masken war eine traditionelle Form von Reisenden der damaligen Zeit. Beim Sammeln von Schauspielgesichtern ist es so, dass er einer alten Vorstellung nachgehen will, der Frage, welches Tier verbirgt sich hinter der Maske. Ich erinnere mich an einen italienischen Maskenbildner der – bevor er mich zum ersten Mal schminkte – mich intensiv betrachtete und dann sagte, er versuche gerade das Tier in meinem Gesicht zu entdecken. Das fand ich unglaublich. Leider hat er mir "mein" Tier nicht verraten.

Ist es für Sie als Schauspieler besonders interessant, eine Figur auf der Leinwand zu verkörpern, die vielleicht ganz verborgen in Ihnen ruht, von der niemand etwas wissen darf? Die Dämonen rauslassen?
Das gibt es bei besonders bösen Charakteren, Rollen wie Paul Schäfer in einem chilenischen Film über die "Colonia Dignidad". Er soll im Herbst herauskommen. Oder wie Klaus Barbie in dem französischen Film "Hetzjagd". Goethe soll von sich selbst gesagt haben: "Ich kann mir kein Verbrechen vorstellen, das ich nicht auch hätte begehen können." Ein Satz, den man als Schauspieler ernst nehmen sollte. Ich muss so glaubwürdig auftreten, dass der Zuschauer entsetzt ist.

Hanns Zischler: "Ich wollte immer schreiben"

Es wimmelt nur so von Hinweisen auf die Frühgeschichte des Kinos. Da sind die Lumière-Brüder in Lyon, die Erwähnung von Asta Nielsen, Max als "opérateur", also Kameramann oder die Erklärung des Daumenkinos. Was fasziniert Sie da so?
Es gab den Kameramann Gabriel Veyre bei den Brüdern Lumière, Max ist sein Double. Wenn er Pauline das Kino erklärt, führt er sie in eine andere Welt ein, nicht nur in die Welt nach Asien, sondern ganz spielerisch in eine virtuelle Welt. Schon dass wir die Illusion einer Bewegung herstellen und reproduzieren können, ist ein Traum. Bereits Baudelaire hat ihn geträumt. Meine Liebe zum Film korrespondiert mit meinen Filmforschungen zum Stummfilm in "Kafka geht ins Kino", da habe ich einiges einschleusen können.

Neben der Liebe zum Film leitet Sie auch die Liebe zur Literatur.
Die war von Anfang an da. Literatur ist mein Lebenselixier, ohne Literatur geht nichts. Insbesondere Gedichte, für mich die höchste Form eines Sprachkunstwerks, die ich auch bei wiederholtem Lesen immer wieder neu entdecke.

Wie verbinden Sie Film und Schreiben? Gibt es da eine Priorität?
Nein. Die Priorität ist vorstrukturiert. Ich nutze die Zeit, die mir als Schauspieler zur freien Verfügung steht und gehe so gut ich kann ökonomisch mit ihr um.

Reicht Ihnen die Schauspielerei nicht?
Die hat mir nie gereicht, ich wollte immer schreiben und auch immer schon fotografieren.

Welche Funktion hat das eigene Schreiben für Sie?
Schreiben erfordert die meiste Zeit und die höchste Konzentration. Man kann den kreativen Prozess nicht unterbrechen und ihn irgendwann wieder aufgreifen. Ein sehr heikler Prozess, der nach einer geistigen Disziplin verlangt. Ich kann nichts erzwingen, darf aber bestimmte Gedanken nicht fallen lassen, sonst sind sie verloren.

Was macht Sie neugierig?
Mich treibt die Lust an der Erkenntnis, am Vorstoß in unbekanntes Terrain. Für gefährlich halte ich die Tendenz zu einem Überlegenheitsgefühl, das keine Überraschung mehr zulässt. Ich lasse mich gerne überraschen. Wir müssen erschütterbar bleiben.

Hanns Zischler: "Der zerrissene Brief" (Verlag Galiani, 269 Seiten, 20 Euro)

 

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