Rockgeschichte Als wäre es gestern

Ian Anderson (vorne) und die aktuelle Besetzung von Jethro Tull bei der Arbeit. Foto: EMI Music

Ian Anderson und Jethro Tull haben mit „TAAB2“ ein neues Album veröffentlicht

 

Gerald Bostock müsste auch schon 50 sein. Hätte es ihn je gegeben. 40 Jahre ist es her, dass Jethro Tull ihr Album „Thick As A Brick“ veröffentlichten. Eine Platte aus einem einzigen Stück. Und das war inspiriert von dem Gedicht eines Jungen, eben jenes Gerald Bostock, dessen Existenz von der Band frech behauptet wurde. Von der Besetzung, mit der das Album eingespielt wurde, ist außer Ian Anderson niemand mehr übrig, aber Anderson hat sich für eine Fortsetzung der Geschichte entschieden, „Thick As A Brick 2“ – kurz „TAAB2“ soll erzählen, wie es Gerald ergangen ist.

Auf dem Cover des ersten Albums – eine Zeitungsseite. Anderson hat eine Vorliebe für die Gegenwart und schon sein letztes Album „J-Tull Dot Com“ genannt. Für einen Musiker aus den visionären 60ern, in der die Popmusik sich nicht ständig an goldene Zeiten erinnern musste, ist das verständlich. Kaum ein aktueller Künstler würde aber auf die Idee kommen, ein Cover als Website gestalten zu lassen. Vor der Kulisse nostalgiegesteuerter, aktueller Popmusik, wird die Gegenwart billig.

Jethro Tull schaffen es auf mehreren Ebenen, sich quer zum Zeitgeist zu stellen. In Download-Zeiten, wo noch jeder Songzusammenhang fragmentiert wird, ist man hier mit einem Konzeptalbum konfrontiert, das am Stück gehört werden will.

Bei aller Liebe zur digitalen Moderne ist man bei Jethro Tull aber noch im Industriezeitalter des Rocksounds, dessen auffälligstes Merkmal der fauchende Orgelsound ist. Dazu kombiniert werden die gerne auch etwas streberhaften Gitarrenläufe von Florian Opahle und am Ende des Tages natürlich die überblasene Querflöte, die in grauer Vorzeit klassisch ausgebildete Musiklehrer erbleichen ließ.
Mittels 17 Songs wird man durch Geralds Leben geleitet. Der entdeckt als Schüler den Reiz des Geldes. Anlass zu „Banker Bets, Banker Wins“, das sich, eingeleitet von einer Akustikgitarre, mit der Verworfenheit des Finanzwesens auseinandersetzt. Gerald wird sich zwischen Männern und Frauen sexuell orientieren, beim Militär landen, bevor er sich mal spirituellen Gedanken widmet. All das ist nicht reizlos erzählt und von Anderson und Keyboarder John O’Hara orchestriert, es hat der Rockgeschichte nach Konzeptalben wie „Locomotive Breath“, „Quadrophenia“ oder „The Wall“ nur nichts Neues zu geben.

Jethro Tull: „Thick As A Brick 2“ (Chrysalis/EMI)

 

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