Rituale Kleiner Sport, großes Glück

Immer zehn Kilometer an Heiligabend joggen: Wer das tut, darf danach auch guten Gewissens eine Gans genießen. Foto: dpa

Viele Freizeitsportler haben Rituale, auf die sie unter keinen Umständen verzichten wollen. Auf dieser Seite stellt der AZ-Autor einige vor – und erklärt, was die Sportler so zufrieden macht.

 

Es ist ein Ritual. Jeden 24. Dezember um etwa 13 Uhr schnürt Josef S. (voller Name der Redaktion bekannt) seine Joggingschuhe und startet eine Zehn-Kilometer- Runde. „Seine“ Runde. Eine, die nur ihm gehört. Er nennt sie „Meinen Weihnachtslauf“ und er bestreitet ihn seit zahllosen Jahren. „Ohne Walkman!“, betonte er früher. „Ohne Mp3-Player!“, betont er heute.

Stets rennt Josef S. mit einem Hörbuch oder Musik im Ohr. Doch nicht bei seinem Weihnachts-Traditions-Run. „An diesem Tag“, sagt er, „will ich in aller Ruhe denken.“ Wie der Heilige Abend vor einem Jahr war. Was sich seitdem alles verändert oder nicht verändert hat. Wie der Heilige Abend wohl dieses Mal werden wird. Und dass er dank dieser zehn Kilometer in den Beinen doch durchaus guten Gewissens die gebratene Gans genießen dürfe. Weihnachten ohne diesen Lauf wäre für ihn kein Weihnachten.

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Es ist ein Ritual. Jeden Montagmittag schaltet Freiberufler Christian O. (voller Name der Redaktion bekannt) den Anrufbeantworter seines Festnetz- Telefons und die Mailbox seines Mobilgerätes ein – dass er erst wieder um Mitternacht erreichbar sei. Denn jeden Montag um 18 Uhr spielt Christian O. Fußball – und dieser Termin ist ihm dermaßen heilig, dass doch bitte ja kein unverhoffter auf den Schlag zu erledigender Auftrag dazwischen kommen möge. Lieber lässt der Freizeit-Kicker einen Job samt Honorar sausen als dieMöglichkeit, auf dem Bolzplatz ein Tor zu schießen. Ein Montag ohne Fußball wäre für ihn wie für andere Menschen ein Weihnachten ohne Weihnachtslauf.

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Es ist ein Ritual. Jeden Dienstag achtet Rita Z. (voller Name der Redaktion bekannt) darauf, dass sie beim Aufstehen tatsächlich den linken Fuß zuerst den Boden berühren lässt und dann erst den rechten. Denn linker Fuß bedeutet: Brigitte hat Zeit und es wird ihr nichts dazwischen kommen. Und das allmittwöchliche Tennis- Match auf dem von ihnen so genannten „Center Court“ (es gibt noch einen zweiten Platz in der Halle) kann steigen. Wenn alles gut läuft, wird es eng werden und einen dritten Satz setzen und wenn es schlimm kommt, werden sie sich um diesen oder jenen Aus-oder-nicht-aus-Ball zanken. Doch spätestens in der Sauna und allerspätestens beim Cappuccino an der Bar wird alles wieder so perfekt sein, wie es zwischen Freundinnen zu sein hat. Ein Dienstag ohne Tennis wäre für Rita wie für andere Menschen ein Montag ohne Fußball.

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Es ist ein Ritual. Jeden Mittwoch gibt Stefan S. (voller Name der Redaktion bekannt) im Büro den gleichen Kalauer von sich. „Früher war ich Leistungssportler“, sagt er, „und als die Karriere zu Ende war“ (sie führte immerhin in die 2. Hockey-Bundesliga), „wurde ich Breitensportler – mit soooooo einem Umfang!“ Und deutet einen überdimensionalen Bauch an, der während dieser Lebensperiode seinem Körper vorangestellt war. „Aber dann habe ich Golf entdeckt“, erklärt er allen, die es schon längst wissen, „und da ist wieder der alte Leistungssportler in mir ausgebrochen und ich wollte immer besser und besser werden – und habe dafür sogar Konditionsarbeit in Kauf genommen!“ Jene ist Stefan S. ziemlich gut bekommen, er sieht jetzt nicht mehr wie ein Breiten- sondern wie ein Freizeitsportler aus. Ein Mittwoch ohne Erinnerung an seinen schauderhaften Wams wäre für Stefan S. wie für andere Menschen ein Dienstag ohne Tennis.

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Es ist ein Ritual. Jeden Donnerstag zwischen September und Mai springt Luise M. (voller Name der Redaktion bekannt) vom Startsockel mit der Aufschrift „4“ in das 25 Grad warme Wasser des 50-Meter-Hallenbades und legt 16 Bahnen zurück. Genau 800 Meter. Luise ist über 70 und hat ihre frühere Distanz - 30 Bahnen/1500 Meter – Jahr um Jahr etwas reduziert. Doch 800 Meter in weniger als 20 Minuten, das geht immer noch. „Der Mensch stammt aus dem Wasser“, sagt sie und es existiere deshalb kein gesünderer Sport als Schwimmen. Schwimmen sei ihr Elixier. Hinterher – zu Hause, mit einigen Käsebroten vor dem Fernseher – fühle sie sich so wohl wie... es fehlen ihr die Worte. Vielleicht meint sie wie ein Fisch im Wasser, möchte aber keine Phrasen dreschen. Ein Donnerstag ohne Schwimmen wäre für Luise wie für andere Menschen ein Mittwoch ohne Kalauer.

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Es ist ein Ritual. Jeden Freitag kommt Großstadt-Jobber Martin P. (voller Name der Redaktion bekannt) in sein kleines Dorf zurück und ist vor allem eines: total erledigt. Fix und fertig. „Fix und foxi“, wie er es nennt. Sein einziger Wunsch: Sich auf die Couch zu werfen, in den TV-Bildschirm zu starren und Chips mit Käsegeschmack zu essen. Zu „fressen“, wie er es nennt. Dochnach spätestens zehn Minuten erhebt er sich, schlurft in den Keller, steigt auf den Hometrainer und beginnt zu treten. Ganz sachte zuerst – denn sein Temperamentslevel liegt nach dieser knallharten Arbeitswoche immer noch nahe Null. Doch später wird es besser. Und immer besser. Und kommen die Tritte immer schneller. Und schneller! Und schneller! Und noch schneller! Bis es fast die Oberschenkel sprengt! „Zerreißt“ nennt Martin das. Und er voller Körperbewusstseins- und Wohlfühl- Glück in der Dusche singt, als würde Adrenalin oder so etwas ähnliches auf ihn herab prasseln. Ein Freitag, an dem Martin sich nach dem Brausen nicht denkt, dass es doch immer wieder wie ein Wunder sei, was so ein bisschen Sport in und an einem bewirke, sobald man sich nur dazu überwinde, seinen Körper von der Couch zu stemmen, wäre für ihn wie für andere Menschen ein Donnerstag ohne Schwimmen.

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Was Josef, Christian, Rita, Stefan, Luise und Martin gemeinsam denn haben? Ein kleines Glück – das ein ganz großes ist. Als Freizeitsportler besitzen Sie dieses Glück gleichfalls. Und als Nichtsportler? Sollten Sie es sich schenken. Es ist doch ganz einfach: Machen Sie heute – am besten jetzt gleich – einen kleinen Weihnachtslauf! Er kann Ihr Leben verändern. Spätestens 2012 werden Sie es bemerken – wenn Sie an Weihnachten 2011 denken. Als Sie begannen, ein Ritual zu entwickeln. Ohne das es für Sie wäre – wie eine Welt ohne Lust.

 

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