Residenztheater Sommernachtsschocker

Sybille Canonica und Götz Schultz als Titania und Oberon im "Sommernachtstraum" des Residenztheaters. Foto: Christian Zach

Regisseur Michael Thalheimer ist bekannt dafür, dass er zum tragischen Kern der Stücke vordringt: Im Residenztheater inszeniert er Shakespeares meist gespieltes Stück als dunkles Lustspiel

 

Schon damals in Athen war das keine leichte Sache mit der Liebe, wenn man dem guten alten Shakespeare glauben möchte. Die Elfenkönigin hat sich mit ihrem Gatten verkracht. Dieser will mit seinem Gehilfen Puck der eigenen Liebe und der zweier Paare magisch auf die Sprünge helfen. Gleichzeitig bereiten Handwerker im Wald ein Theaterstück für eine Hochzeit vor. Viel Stoff bietet der 1600 uraufgeführte „Sommernachtstraum”. Michael Thalheimer, der große Regisseur aus Berlin, inszeniert das Stück im Resi. Premiere ist heute, Samstag, um 19 Uhr.

AZ: Herr Thalheimer, wie komisch ist eigentlich der „Sommernachtstraum”?

Es gilt als Lustspiel. Und ich bin ja nicht so bekannt dafür, Lustspiele oder Komödien zu inszenieren. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich empfinde das Stück nicht als komisch. Es ist eher brutal.
Und desillusionierend: Puck träufelt den schlafenden Menschen Blumennektar in die Augen, und wenn diese aufwachen, verlieben sie sich in das Erstbeste, was sie sehen. Pure Biochemie also: Es sind die Säfte, die die Liebe auslösen.

Sind Sie ein Romantiker?

Ich glaube schon, dass ich eine romantische Ader habe. Ich bin auch ein ausgesprochen sentimentaler und melancholischer Mensch. Was meine Arbeit betrifft, jedoch weniger. Ich glaube auch nicht, dass Shakespeare ein Romantiker war. Und wenn man die Geschichten vom Globe Theatre und dessen Zuschauern hört, wie die stehend, Bier trinkend sich die Stücke angeschaut haben, dann erinnert das eher an ein Fußballstadion als einen romantischen Theaterort.

Der „Sommernachtstraum” wird aber oft für ein witziges, romantisches Stück gehalten.

Ja, leider ist die Zuschauererwartung durch die Aufführungstradition sehr in diese Richtung gegangen. Dabei hat die Bösartigkeit bei Shakespeare schon nichts mehr mit Ironie zu tun. Mit welcher Härte er uns desillusioniert, das interessiert mich viel mehr als das Romantische. Das wäre mir auch zu putzig. Der Sommernachtstraum ist ein Schocker.

Dass Oliver Nägele den Puck spielt, ist wohl auch eine Setzung, um Putziges zu vermeiden.

Ja, das ist schon eine Setzung, eine sehr reizvolle. Ich finde sowieso, dass die Besetzung immer 75 Prozent der Konzeption ausmacht. Und Oliver Nägele bringt als Mensch und Spieler wahnsinnig viel mit für diese Figur. Es ist sowieso reizvoll, mit den Kollegen hier in München zu arbeiten. Das ist eine gute Truppe, ein schönes Ensemble.

Sie haben den Text, wie man es von Ihnen kennt, rigoros gekürzt.

Ich war früher schon mal radikaler mit meinen Stücken. Mich interessiert es nicht mehr, nur noch ein absolutes Redukt auf der Bühne zu zeigen. Ich würde die Strichfassung zügig nennen. Sie entstand, weil ich Nettigkeiten vermeiden möchte.

Das schließt am Ende auch Pucks Bitte um Applaus ein.

Schließt es ein. Wir werden den Schluss anders gestalten. Shakespeare jongliert so sehr mit den Realitätsebenen, dass ich den Zuschauer auch so entlassen möchte, dass er selbst nicht mehr weiß, in welcher Realitätsebene er sich mit den Schauspielern befindet. Die Frage ist: War die Realität zu Beginn auch nur Theater? Es ist doch erstaunlich, dass am Anfang bereits nur kaputte Figuren auf der Bühne stehen. Lysander und Hermia sind als einzige scheinbar harmonisch zusammen – aber dann lässt Shakespeare sie allein auf der Bühne, und man sieht, die verstehen sich gar nicht. Das ist gar keine Liebe, sondern Begierde und Besitzwunsch. Dabei ist das Objekt der Begierde nicht frei gewählt, sondern man möchte immer das, was ein anderer schon hat.

Und hat man einen neuen Partner, schlägt die Liebe zum vorherigen in Hass um.

Das wissen wir ja alle, wie eng Liebe und Hass beieinander liegen. Der Traum ist für mich auch kein Traum. Oberon und Puck kehren mit dem Saft das Innere einfach nach außen. Das, was eh in uns steckt, das Tierhafte kommt zu Tage. Dabei verschieben sich die Realitätsebenen derart, dass wir nicht mehr sagen können, wann steuert uns die Vernunft und wann der Trieb. Dass man das nicht auseinander bekommt, sondern eins in das andere fließt – daran laborieren wir alle.

Die Premiere ist ausverkauft. Karten für Sonntag, 19 Uhr, unter Tel. 2185 1940

 

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