Residenztheater "Phädras Nacht" von Martin Kusej und Albert Ostermaier

Bibiana Beglau in "Phädras Nacht" im Residenztheater. Foto: Matthias Horn/Residenztheater

"Phädras Nacht" von Martin Kusej und Albert Ostermaier mit der fulminanten Bibiana Beglau im Residenztheater.

 

Bei Mord, Totschlag, Unzucht und Inzest sind antike Dramen und Mythen nie zimperlich. Phädra liebt ihren Stiefsohn. Hippolyt weist sie ab. Sie nimmt den Strick und hinterlässt als Rache eine gemeine Verleumdung. Ein Ungeheuer macht die Pferde des unschuldig einer Vergewaltigung Verdächtigten scheu. Und er wird zu Tod geschleift.

Martin Kusej und Albert Ostermaier reichte das nicht. Die beiden halten sich für ganz harte Hunde. Sie mussten noch was drauflegen – jedenfalls zuviel! In ihrer Fassung ist Hippolyt (Nils Strunk) ein afghanischer Flüchtling. Das Seeungeheuer wird zum Nazi-Lynchmob. Zur Abrundung gibt es nackte Männerbäuche, Todgeburten, Alkohol, Heroin, Waffenhandel, schwules Begehren und den Weltbürgerkrieg. Die einsame Gattin des Theseus friert in der kalten Welt. Auf der einsamen Suche nach Wärme übergießt sie sich aus einem Kanister mit Benzin. Der vom Krieg traumatisierte, am Ende zurückgekehrte Theseus (Aurel Manthei) lässt sich vom Dealer und Arzt Asklepios (Thomas Gräßle) eine Heroin-Spritze ins Auge drücken.

Kraftmeierei ohne Kraft

Das Projekt „Phädras Nacht“ ist der großmäulige Versuch, Euripides, Seneca, Racine und Sarah Kane zu überbieten, die sich alle schon mit „Phädra“ befasst haben. Die Schauspieler straucheln über die mit knackenden Eissplittern bedeckte Bühne von Annette Murschetz. Im Großen Haus hat das längst nicht die Wucht, die es im kleinen Marstall hätte. Was bei einer Performance als bewusste Irritation funktionieren könnte, wirkt hier als angeberisches „Schaut! Was wir uns im Staatsschauspiel alles leisten können“.

Es verdoppelt auch nur den nach kaum einer Minute gesprochenen Satz: „Ich laufe auf Eis, es bricht unter meinen Schritten.“ Jedes Sprachbild wird buchstäblich banal auf die Bühne gewuchtet. Wenn Phädra zuletzt von der inneren schwarzen Nacht schwadroniert, erscheint sie schwarz angeschmiert im Dunkel.

Geht es platter? Der Neonazi (Gunther Eckes) trägt einen Hitlerscheitel. In ihrer Leidenschaftsverzweiflung zieht Phädra dem begehrten Hippolyt seine schwarze Unterhose herunter: Kein Regietheater ohne Oralsex!

Theaterextremismus

Bibiana Beglau spielt das mit lange nicht gesehener Kraft und einer ungeheueren Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. Sie orgelt Ostermaiers Poesie mit dunklem Alt und schreit ihre Tragödie hochdramatisch aus sich heraus, als sei der Geist von Gisela Stein in sie gefahren – mit allen Licht- und Schattenseiten eines Theaterextremismus, den Manier und dem Kunstgewerbe bedrohen.

„Phädras Nacht“ erstickt an der Überfülle der Motive und Themen. Ostermaier hat dem Psychodrama der unbefriedigten Frau noch die schwarzen Augenringe der Tablettensucht aufgeschminkt. Hugo von Hofmannsthals Klytämnestra und die Uralt-These des vorvorigen Jahrhunderts von der Hysterie aus Sexfrust grüßen.

Die Welt wird an diesem Abend so schwarz gemalt, dass Themen wie die Bundeswehr in Afghanistan, der deutschen Waffenhandel, sexuelle Übergriffe und allerlei schwüle Männerfantasien im Ungefähr verschwinden. Und natürlich ist der Westen an seinem Unglück auch selbst schuld.

Vollkaskotheater

Wenn Kusej sich wirklich für Flüchtlinge interessierte, hätte er Euripides’ „Herakliden“ inszeniert. Und Ostermaiers Neigung zur gebundenen Sprache wäre besser in einer deutschen Fassung von Racines „Phädra“ aufgehoben. So bleibt diese kraftlose Kraftmeierei im Irgendwo hipper Phrasendrescherei stecken, aufgeschrieben wie von einem Rainer Maria Rilke im Kampfanzug – aus dem sicheren Abstand einer Schwabinger Altbauwohnung. Dazu passen die Decken, die ans Publikum der ersten Reihe wegen des Eishauchs auf der Bühne ausgegeben wurden: antike Tragödie als Vollkaskotheater. 

Wieder am 11. und 28. Mai, 5., 12., 15. Juni. Karten unter www.residenztheater.de und Telefon 2185 1940

 

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