Residenztheater Nikolaus Habjan spielt "Böhm"

Nikolaus Habjan spielt "Böhm" Foto: Lupi Spuma

Nikolaus Habjan mit "Böhm" von Paulus Hochgatterer über das Leben des berühmten österreichischen Dirigenten als Gastspiel im Residenztheater

Für Leute, die sich selbst gern aufregen, gibt es nichts Lustigeres – und Reinigenderes –, als eine Person aus sicherer Entfernung dabei zu beobachten, wie sie sich über irgendwas mächtig echauffiert, was einen selber weniger betrifft. In "Böhm" steigert sich eine Puppe in ein wildes Wut-Stakkato über die rumänische Dirigier-Schmalzlocke Sergiu Celibidache hinein, der nach 1945 die Berliner Philharmoniker dirgieren durfte, obwohl ihm – nach Ansicht der Puppe – wegen seiner verfehlten symmetrischen Schlagtechnik jeder Sinn für Beethovens "Egmont"-Ouvertüre abgeht.

Das ist ein Moment, überdreht, absurd und böse wie eine überhitzt leerlaufende Tirade von Thomas Bernhard. Und auch Zuschauern, die für Dirigenten und ihre Marotten weniger übrig haben, hat dieses Stück einiges zu sagen, das Paulus Hochgatterer für den österreichischen Puppenspieler Nikolaus Habjan geschrieben hat und das an zwei Abenden im ausverkauften Residenztheater gastierte.

Es handelt von Karl Böhm (1894–1981), dem legendären Mozart- und Strauss-Interpreten. Aber nicht nur. Der hinfällige alte Mann im Rollstuhl wird wegen einer Ähnlichkeit womöglich nur für den 1981 verstorbenen Dirigenten gehalten. Nebenbei erzählen Habjan und Hochgatterer über schwierige alte Leute und die Wortlosigkeit zwischen den Generationen.

Ein Grantler

Habjan spielt nebenbei den Journalisten Karl Löbl und den Geiger Wolfgang Schneiderhan. Meistens ist er allerdings ein osteuropäischer 24-Stunden-Pfleger, der sich um einen bösen alten Mann kümmert, der völlig aus der Gegenwart gefallen ist und nur noch in der Vergangenheit lebt. Wie sich die Puppen-Greisenhand an der Lehne des Rollstuhls festhält, ist großartig und genau beobachtet.

Das Publikum – auch in München – liebte Böhm, der noch im hohen Alter Beethovens "Fidelio" und Mozarts "Entführung aus dem Serail" im Nationaltheater dirigierte. Unter Musikern war er allerdings wegen seines scharfen Tons bei Proben gefürchtet.

Hochgatterer und Habjan haben sich da offenbar gut umgehört. Ihre Puppe ist bei einer Probe zu Schuberts großer Symphonie in C-Dur ständig schlecht gelaunt. "Können’s nicht lesen?" und "Sind Sie taub?" gehört noch zu den netteren Formulierungen. Musiker ("Meine Herren") haben keine Namen, sie sind "das Horn" oder die "erste Oboe", die wie Musikautomaten funktionieren sollen. Zweite Geigen hält der Dirgent ohnehin für unfähig und ganz selten nur entschlüpft ihm etwas, das einem Lob ähnelt. Und zwischendurch herrscht Böhm auch noch das Publikum als unsichtbares Orchester an: "Hier wird nicht gehustet!".

Auf der Gottbegnadeten-Liste

Manchmal redet die grantige Puppe mit der kleinen Schwester des Pflegers – soweit man wechselseitiges Nicht-Verstehen überhaupt als Gespräch bezeichnen kann. Da kommen sie ganz zwanglos auf das Mitlaufen bei einem Marathon und sind beim Thema: Böhms Karriere im Nationalsozialismus, die durch das erzwungene Exil jüdischer oder aus anderen Gründen unerwünschter Dirigenten begünstigt wurde.

Mit kleineren Puppen spielt Habjan nach, wie Fritz Busch aus der Dresdner Oper vertrieben und durch Böhm ersetzt wurde. 1943 wechselte er als Direktor an die die Wiener Staatsoper. Die Aufnahme in die sogenannte "Gottbegnadeten-Liste" bewahrte ihn nach der Schließung der Theater vor einem Kriegseinsatz.

Nach dem Krieg wurde Böhm wie seine Kollegen Herbert von Karajan und Wilhelm Furtwängler mit einem Auftrittsverbot belegt. Der junge und politisch unbelastete Celi nutzte die Chance, wurde bald wieder abserviert und rächte sich später mit harschen Sprüchen über Böhm und Karajan, die Habjan und Hochgatterer ebenfalls nicht verschweigen. Später fällt der berühmte Satz "Lieber Karl Löbl, ich denke nicht daran, meine internationale Karriere der Wiener Staatsoper zu opfern", der Böhm 1956 seine kurze zweite Direktion an der Wiener Staatsoper kostete.

Ein Mann für viele Rollen

Böhm ist bei Hochgatterer und Habjan kein Nazi, aber ein Unsympath und Karrierist, der seine Gefühlskälte hinter dem berühmt-berüchtigten österreichischen Charme verbirgt. Erst gegen Ende bringt er ein Herzenswort über die Stelle "Contessa perdono" aus Mozarts "Figaro" über die Lippen. Aber die zweite Ebene des alten Mannes mit den Pflegern sorgt dafür, dass die Figur nicht völlig zum Unmenschen wird, obwohl auch der leicht demente steiermärkische Lehrer einem mit seinen Ansichten über Schubert als "haltlosem Syphilitiker" nicht gerade ans Herz wächst.

Am Ende, beim ovationsartigen Applaus, überrascht einen wieder mal, dass sich nur ein Künstler verbeugt, obwohl das Stück drei Hauptrollen hat. Habjan macht alles allein. Er spricht virtuos – wie vor ihm nur Helmut Qualtinger – mit mehreren Stimmen, Tonfällen und Dialekten.

Elf Rollen hat das Stück. Jeder gibt Habjan einen eigenen Tonfall, eine eigene Gestik und einen eigenen Charakter – selbst der nur kurz auftretenden Christa Ludwig oder dem von Böhm böse schikanierten Walter Berry als Wozzeck. Diese Kunst, verbunden mit bösem Schmäh und einem Gespür für wichtige Geschichten, macht diesen Puppenspieler so einmalig.
 

 

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