Residenztheater Kusej inszeniert "Der nackte Wahnsinn" - die AZ-Kritik

Thomas Loibl und Genija Rykova in "Der nackte Wahnsinn". Foto: Mathias Horn

Martin Kusej feiert mit der turbulenten Backstage-Komödie „Der nackte Wahnsinn“ seinen Abschied vom Residenztheater

 

Es ist die große Abschiedsparty des Chefs. Martin Kusej lässt es in seiner letzten Inszenierung als Intendant des Residenztheaters krachen. Die Premiere feierte das Publikum in gehobener Stimmung und klatschte rhythmisch zum Discopop-Klassiker „YMCA“ der Village People aus den Siebzigern. Bühnenbildnerin Annette Murschetz und Kostümbildnerin Heide Kastler hatten das Stück in diesem in Stilfragen umstrittenen Jahrzehnt verortet, inklusive grünem Tastentelefon von der Deutschen Bundespost und den neuesten Folgen von „Dallas“ im Fernsehen.

Das Stück selbst ist aus dem Jahr 1982, passt aber ins gegenwärtige Theater, das sich am liebsten mit sich selbst beschäftigt. „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn erzählt vom Theatermachen und ist vor allem ein Stück Boulevardtheater – ein buchstäblich wahnsinnig gut geschriebenes dazu und vielleicht die beste aller Backstagekomödien.

Kusej widersteht jeder Versuchung des Postdramatischen oder der Dekonstruktion. Die Demontage steht schon im Text, den Kusej weitgehend naturbelassen spielen lässt. Nur der Ort der Handlung ist verlegt aus der britischen Provinz in die deutsche Tourneetheaterlandschaft.

Da und dort gönnt er sich eine kleine Stichelei, wie etwa gegen den Mitbewerber von den Kammerspielen. Der Regisseur des Stücks im Stück, der nicht zufällig auch Martin heißt (Norman Hacker), faucht eine textunsichere Schauspielerin an: „Ich weiß, du kommst vom Theater auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo die Schauspieler ihre Texte selbst schreiben müssen.“ Nicht nur der Regisseur, sondern auch die Leute aus seiner Chaotentruppe tragen die Vornamen aus dem richtigen Leben. Nur die von Nora Buzalka gespielte Regieassistentin heißt nicht Nora, sondern wie die echte Resi-Assistentin Mechthild.

Kusej lässt nichts anbrennen

Im ersten Akt werden die Zuschauer Zeugen der Generalprobe zur Klamotte „Nackte Tatsachen“. Natürlich klappt nichts. Sophie (als Frau Klacker ein Traum von einem schlampigen Haushälterinnendrachen: Sophie von Kessel) zum Beispiel, hat Probleme, die sich wunderbar vermehrenden Teller mit Sardinen zu organisieren. Die silbrigen Fischlein sind hier das, was Alfred Hitchcock einst als „MacGuffin“ bezeichnet hat: Ein völlig sinnloses Element, das dennoch für Spannung sorgt und die Handlung vorantreibt.

Genija (Genija Rykova) ist ohne die Kontaktlinsen, die sie ständig verliert, fast blind, Till (Till Firit) ringt um seinen Starstatus im Ensemble, Thomas (Thomas Loibl) versteht die Handlung nicht und neigt zu spontanem Nasenbluten, Paul (Paul Wolff-Plottegg) verpennt grundsätzlich seinen Auftritt als Einbrecher. Der Inspizient Herr Klemt (Arthur Klemt) hat alle Hände voll damit zu tun, die existenziell wichtigen Türen funktionstüchig zu halten und Kata (Katharina Pichler) lebt in einem stutenbissigen Krieg mit Genija.

Zweiter Akt, viele Wochen und Tourneestationen später: In dem Maße, in dem die Inszenierung zerfällt, sind die Konflikte hinter der Bühne gereift. Der letzte Akt zeigt die Derniere und die Bühne wieder von vorne. Die Anarchie der Gruppendynamik verwüstet auf das Komischste die vom uhrwerkhaft präzisen Timing abhängigen Verabredungen der Tür-auf-Tür-zu-Dramaturgie. Kusej lässt nichts anbrennen. Da er schon früh ein sehr hohes Tempo einlegt, um rutschige Sardinen, Treppenstürze und fallende Hosen einzuführen, treibt sich die Inszenierung selbst in den Wahnsinn. Den, freilich, haben die Schauspieler, die erstklassig darin sind, drittklassige Darsteller in einem fünftklassigen Stück zu spielen, virtuos im Griff.   

Residenztheater, morgen, 29. Oktober, 6., 18., 19. November, 19.30 Uhr, sonntags 19 Uhr, Karten unter Telefon 21851940

 

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