Residenztheater Franz Pätzold über „Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini“

Max Gindorff (links), Philip Dechamps, Gunther Eckes, Franz Pätzold und Tim Werths in „Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini“. Foto: Matthias Horn

Franz Pätzold spielt in „Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini“  am Residenztheater

 

Sie sind sich nie begegnet, denn es liegen sechs Jahrhunderte zwischen ihnen. Auf dem Theater geht es aber, dass sich der Dichter Dante Alighieri (1265 – 1321) und der Filmregisseur Pier Paolo Pasolini (1922 – 1975) zur gleichen Zeit im gleichen Raum aufhalten können. Auf Basis eines Texts von Federico Bellini inszeniert Antonio Latella, zur Zeit Intendant des Theaterprogramms bei der Biennale in Venedig, „Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini“ im Residenztheater. Zu den Mitwirkenden gehört Franz Pätzold, der eine der großen Schauspieler-Entdeckungen des scheidenden Intendanten Martin Ku(s)ej ist. Die AZ sprach vor der heutigen Premiere mit dem 30-jährigen Dresdner.

AZ: Herr Pätzold, werden Sie ihrem derzeitigen Chef an das Wiener Burgtheater folgen?
FRANZ PÄTZOLD: Ich werde mitgehen nach Wien. Es waren sehr schöne Gespräche mit seinem Nachfolger Andreas Beck, und man soll nie nie sagen. Aber ich war acht Jahre hier und das ist ein guter Zeitpunkt für eine Veränderung.

Das Residenztheater ist ihr erstes Festengagement nach Ihrer Ausbildung. Wie haben Sie sich in dieser Zeit entwickelt?
Rückblickend und von außen betrachtet kann man sagen: Gar nicht so schlecht. Aber diese Perspektive von außen habe ich nicht. Ich habe natürlich gelernt, selbst zu beurteilen, was ich erzählen will und was nicht, also ein ästhetisches Gefühl zu entwickeln. Trotzdem hangele ich mich von Vorstellung zu Vorstellung und von Premiere zu Premiere. Das ist ein Vorgang, der mit der Außenwirkung und irgendwelchen Preisen überhaupt nichts zu tun hat. Du hast nur das nächste Problem an der Backe. Das ist genau das Spannende an diesem Beruf. Eigentlich ist jede Produktion eine göttliche Komödie: Du bist in der Hölle, kommst ins Fegefeuer, und dann kommt der Tag danach, wenn du morgens aufwachst und weißt: Ich habe heute frei! Und das ist der Moment des Paradieses.

Trifft das auch auf Ihre Arbeiten mit Frank Castorf zu, die schon vom Parkett aus gesehen recht anstrengend ist?
Dieser Moment ist, wenn man sagt: Ihr könnt froh sein, dass ich überhaupt noch da bin. Ich habe keine Stimme mehr, ich bin übersät von blauen Flecken. Aber es funktioniert nur über die Verausgabung und die Verschwendung. Ich bin ausschließlich verantwortlich für das, was ich tue und muss alles dürfen dürfen. Mit der Verausgabung kommt man natürlich auch zu Punkten des absoluten Glücks in einer Szene. Für den Zuschauer kann das schon mal sehr anstrengend sein, das glaube ich gerne.

Sie sind mit dieser Arbeitsauffassung eine Fachkraft für starke physische Präsenz und hohen Einsatz geworden. Bei Oliver Frljic ließen Sie sich öffentlich foltern. Was treibt Sie dazu?
Es liegt eigentlich nicht in meinem Gemüt, mich anzustrengen. Es gibt grundsätzlich keinen Grund, mich foltern zu lassen. Aber der Körper ist auf der Bühne das einzige, was wirklich real ist. Was ich sage, ist immer Kunst, und ich kann sagen, was ich will. Der Körper steht dem im Wege, denn wenn er nicht mehr kann, dann kann er nicht mehr. Das Schöne bei dem Waterboarding in „Balkan macht frei“ war ganz einfach, mit dieser Grenze zu spielen.

Ihr aktuelles Stück ist eine „Stückentwicklung“ ohne feste Rollenzuschreibungen. Wen oder was spielen Sie?
Den Raben aus dem Film „Große Vögel, kleine Vögel“. Ich führe als Begleiter und Kumpel Dantes beziehungsweise Pasolinis in die Hölle ein. Aber wir alle sind auch Pasolini. Die „Göttliche Komödie“ ist eine Reise von ganz unten in der Hölle über das Fegefeuer bis hoch ins Paradies.

Wie müssen wir uns das im Residenztheater vorstellen?
Es ist keine geografische, sondern eine innere Reise. Dante beschrieb mit seiner „Komödie“ ja nicht nur eine religiöse Geschichte, sie ist auch als eine Reise in die eigene Seele zu begreifen. Das Reinigen von Sünde heißt hier, mit der eigenen Fehlbarkeit klar zu kommen. Wir wissen aber nicht, wie das aussieht. Es gibt den Vorschlag Dantes für einen „Läuterungsberg“. Das Fegefeuer ist hier gar nicht ganz unten.

Was verbindet Dante und Pasolini?
Von beiden geht eine große intellektuelle Strahlkraft aus. Bei Dante ist nicht Gott das Zentrum der Existenz, sondern das Individuum. Gott ist nur eine Beziehung, die der Mensch pflegt, und die natürlich erdrückend sein kann. Pasolini suchte die Nähe des Proletariats, um zu zeigen, wie sehr die Konsumgesellschaft die Ehrlichkeit des Menschen untergräbt. Er hat auch an Konventionen gerüttelt und die Frage aufgeworfen: Kann ich katholisch sein und gleichzeitig schwul? Beide konnten Konzepte und Modelle entwerfen, um sich daran abzuarbeiten. Bei uns nutzt Federico Bellini jetzt die Struktur von Dantes Reise aus der Hölle durch das Purgatorium ins Paradies und Pasolini ist unser Reisender.

Wird in dem Stück endlich der Mord an Pasolini aufgeklärt?
Nein. Der Drops ist gelutscht, denn es wird immer eine offene Frage bleiben. Damit gewinnt er natürlich an Größe. In die Falle, zu erklären, wer es war, wollen wir aber nicht tappen.    Mathias Hejny

Residenztheater, 27., 29. März, 1., 8., 26., 30. April, 19.30 Uhr, Telefon 21851940

 

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