Residenztheater Andreas Kriegenburg über „Der Spieler“

Alexej Iwanowitsch (Thomas Lettow) ist in der Bühnenfassung von Dostojewskis „Der Spieler“ dem Roulette verfallen. Foto: Matthias Horn

Andreas Kriegenburg adaptiert Dostojewskis Roman „Der Spieler“ im Residenztheater

 

Die Kunst kann ein atemloses Spiel sein. Schwer verschuldet versprach Fjodor Dostojewski 1865 dem Verleger Stellowski, bis zum 1. November ein neues Werk zu schreiben – und schaffte es in nur 26 Tagen, sein Soll kurz vor Ablauf der Frist zu erfüllen.

Im Roman ließ er, der selbst spielsüchtig war, eine feine Gesellschaft in der fiktiven, an Wiesbaden angelehnten Stadt Roulettenburg dem Glück hinterherjagen. Ein hoch verschuldeter General hofft, dass seine reiche Tante stirbt, so dass er sich die Beziehung zur jüngeren Madame Blanche leisten kann. Die Tante taucht jedoch quickfidel in Roulettenburg auf und verfällt der Spielsucht – ähnlich wie der Ich-Erzähler Alexej, der als Hauslehrer beim General arbeitet und sich in dessen Stieftochter Polina verliebt hat.

Der verspielte Stoff wurde schon mehrfach für die Bühne adaptiert, in München wagte sich Christopher Rüping exakt vor drei Jahren in den Kammerspielen daran. Nun lässt Andreas Kriegenburg die Roulettekugel schicksalhaft im Residenztheater rollen, mit Thomas Lettow als Alexej.

AZ: Herr Kriegenburg, Dostojewskis Roman liest sich noch heute als rasante Unterhaltungsliteratur. Die Cliffhanger am Ende der Kapitel, die Figurenauftritte – das ist bereits sehr theatralisch, oder?
ANDREAS KRIEGENBURG: Ja, wir haben auch bei den Proben gemerkt, wie elegant und fließend er die Dialogszenen geschrieben hat. Die Figuren reden vergnügt und verschwenderisch viel miteinander, machen mit der Sprache immer noch eine Drehung, noch eine Pirouette, noch ein Kunststückchen mehr. Gerade die Dialoge zwischen Polina und Alexej könnte man auf ein Drittel kürzen, aber Dostojewski gönnt allen das Füllhorn der Sprache, kettet sie damit auch aneinander, weil sie immer weiter reden. Bis Alexej selbst sagt: Ich rede mich um Kopf und Kragen. Bitte unterbrechen Sie mich!

Im Roman wird aber naturgemäß auch viel beschrieben. Findet das Erzählen auf der Bühne statt?
Ein wenig schon. Gerade in den Momenten, wo im Casino gespielt wird, streuen wir Erzählpassagen ein, wobei Alexej durch die Erzähler zusätzlich unter Druck gesetzt wird. Das plötzliche Tempo des Spiels, die Beschleunigung der Wahrnehmung, das Rauschhafte wird dadurch noch mehr erlebbar. Insgesamt ist für uns das Motiv der Drehung zentral: Alexej ist wie die Spielkugel, die beim Roulette von einem Fach ins nächste springt, die nie zur Ruhe kommt. Insofern ist es ein Geschenk, dass Thomas Lettow nicht nur sehr begabt, sondern auch sehr fleißig ist. Das ist ein Parforceritt für ihn.

Haben Sie selbst schon mal gezockt?
Nein. Aber ein Teil des Ensembles war während der Proben in der Spielbank. Bei uns auf der Bühne wird nun fast die ganze Zeit auch Roulette gespielt. Und wir haben eine professionelle Croupière dabei. Sie hat uns sehr vergnügliche Anekdoten erzählt: Es gibt in der Welt der Casinos offenbar eine Kontinuität bestimmter Typen, die an jedem Spieltisch auftauchen, von Dostojewskis Zeit bis heute.

Was zieht eigentlich alle hin zum Spiel?
Natürlich die Chance, zu gewinnen. Alexej beschreibt das auch: Falls er gewinnt, ist er keine „Zéro“ mehr. Diese Sehnsucht halte ich für sehr aktuell: In der Inszenierung schlagen wir auch eine Brücke vom „Spieler“ hin zum „Wolf Of Wall Street“. Bei Dostojewski wird mit verschiedenen Währungen jongliert, bis man den Überblick verliert und die Gegenständlichkeit des Geldes sich fast auflöst. Viele der Figuren hantieren dabei mit Kapital, das ihnen eigentlich gar nicht gehört. Der Roman entlarvt so eine ganz heutige Gewinnattitüde und Glückshoffnung. Wobei letztlich immer die Bank gewinnt.

Diese Haltung zieht sich durch eine scheinbar feine Gesellschaft, in der sich viele Nationen finden.
Ja, ich finde, dass sich im Roman ganz treffend eine bestimmte europäische Mentalität widerspiegelt: Dostojewski erzählt von einer in sich abgeschlossenen Gesellschaft, in der jeder vor allem ständig mit seiner Selbstvermarktung beschäftigt ist. Alle Figuren sind über geheimnisvolle Wege finanziell aneinandergefesselt, jeder ist bei jedem irgendwie verschuldet. Es gibt eigentlich keine moralischen Kategorien mehr, sondern es geht nur noch darum, mit wenig Aufwand rasch Gewinn einzufahren.

Dostojewski bedient dabei nationale Stereotypen: Es gibt die chaotischen Russen, den eleganten, aber hinterfotzigen Franzosen und einen Engländer, der sich in einer Art innerem Brexit befindet.
Ja, Mister Astley ist eine geheimnisvolle Figur, bei der man nicht genau weiß, was er eigentlich will. Während die anderen sich ständig gegenseitig beschimpfen, ist er eine isolierte, verlorene Gestalt.

Die Frauen sind alle von den Männern finanziell abhängig. Nur gehen sie damit unterschiedlich um.
Ja. Polinas Problem ist, dass sie in dieser Welt gefangen ist, die sich allein um den Selbstverkauf dreht. Als Alexej ihr Geld anbietet, weil er meint, dass er sie damit aus ihrer Abhängigkeit befreien kann, merkt sie, dass sie sich letztlich nur an den Nächsten verkauft, weshalb sie vehement abweisend reagiert. Im Gegensatz zu ihr benutzt Madame Blanche das System und kann bei Bedarf unglaublich schnell umschalten. Als sie sieht, dass Alexej zu Geld gekommen ist, verführt sie ihn wie im Vorbeigehen. Sie ist eine lebensgierige Person, die im Gegensatz zu den anderen aber nicht leidet.

Die alte Erbtante entpuppt sich doch auch als ganz heitere Person.
Ja, aber ihre Lebendigkeit wird bald auch durch das Spielen abgesaugt und sie erlebt bei sich dieselbe Fratze der Gier, die sie bei den anderen sieht. Als sie zum ersten Mal zum Roulette geht, durchschaut sie die Spieler: dass ein kleiner Gewinn schon süchtig macht, dass man sofort gehen sollte, bevor man alles wieder verspielt und noch mehr verliert. Einen Tag später fällt sie aber in dieselbe Falle.

Beim Spielen kann man sich nun mal gut selbst vergessen.
Ja, natürlich. Das ist ja tatsächlich ein Rauscherlebnis, wie man es mit Drogen erleben kann. Man sagt sich, ich probiere das nur einmal. Und merkt später, dass es nicht unter Kontrolle zu halten ist.

Wenn es schon nicht das Spielen ist: Gibt es bei Ihnen keine anderen Süchte?
Doch, schon. Ich bin, auch wenn das hoffentlich leichter unter Kontrolle zu halten ist, ein leidenschaftlicher, leicht süchtiger Tangotänzer. Und ich sammle Parfüms.

Aha. Was fasziniert Sie denn an Parfüms?
Das ist ein wenig wie Bildersammeln: Man wird mit Dingen konfrontiert, die von Menschen geschaffen sind, mit Farb- oder eben Duftkompositionen, die so schön sind, dass es schwer ist, ihnen zu widerstehen. Ich bin generell immer gefährdet, wenn es um Verführung geht. Wohl deswegen bin ich mit den Kollegen auch nicht zum Spielen gegangen. Ich habe mich da vor mir selbst geschützt.

Beim Tango spielt Duft eine große Rolle. Man muss den Partner gut riechen können.
Ja, da geht auch nicht jedes Parfüm, weil man sich beim Tanzen sehr nah ist. Es gibt Parfüms, die sehr herausfordernd sind; die lege ich nur auf, wenn ich für mich bin, zum Spazieren- oder Schlafengehen. Es geht auch immer um die Frage, wie man in einer bestimmten Situation gestimmt ist: Wer bin ich, wer möchte ich gerade sein? Wenn man viele Parfüms hat, kann man da differenzierter auswählen.

Wie viele Parfüms haben Sie denn zu Hause?
Schätzungsweise 140.

Männliche oder weibliche Düfte?
Wenige weibliche. Ein paar für beide. Viele männliche.

Schade für Sie, dass das Theater ausgerechnet den Geruchssinn wenig bis gar nicht anspricht.
Ja, wobei eines meiner Lieblingsparfüms, Diaghilev, nach dem Gründer und Impresario der Ballets Russes benannt wurde. Aus gutem Grund: Sergei Diaghilev hat vor Beginn jeder Vorstellung den Vorhang mit einem Guerlain-Parfüm, Marke Mitsouko, einsprühen lassen, damit der Zuschauer, sobald er den Raum betritt, mit einer gehobenen Atmosphäre begrüßt wird. Auch beim Spielen kann Parfüm übrigens eine Rolle spielen: Meine Freundin, die als Schauspielerin arbeitet, entscheidet sich bei jeder Figur auch für einen Duft, so dass sie den Kollegen bei den Aufführungen nicht nur auf der visuellen und akustischen Ebene wiederbegegnet. Geruch prägt sich ja viel mehr als alles andere ein.

Und was werden Sie zur Premiere von „Der Spieler“ tragen?
Wahrscheinlich Diaghilev, in Reminiszenz an eben diesen Impresario.

Haben Sie einen Tipp, was man tun kann, wenn im Theater der Sitznachbar unangenehm riecht?
Nein. Da kann man leider nichts machen.

Residenztheater, Premiere heute, 19.30 Uhr; sowie So, 18 Uhr, Fr. 21.12., 19 Uhr, Karten unter Telefon 2185 1940

 

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