Report der Barmer GEK Immer mehr Deutsche leiden an chronischen Schmerzen

Frauen leiden häufiger als Männer unter chronischen Schmerzen. Foto: dpa

Die Zahl der Geplagten steigt rasant. Pflegeheimbewohner sind besonders betroffen – viele werden aber gar nicht erst behandelt.

 

München - Stechen im Rücken, Hämmern im Kopf – millionenfach leiden Bundesbürger unter chronischen Schmerzen. Und es werden immer mehr. Das geht aus dem aktuellen Arztreport 2016 der Krankenkasse Barmer GEK hervor. Die Zahlen, die Betroffenen, die Ursachen und die Forderungen im Überblick:

Was sind chronische Schmerzen und welche Leiden kommen am häufigsten vor? Wer für mindestens drei bis sechs Monate an einem bestimmten Schmerz leidet, hat ein chronisches Leiden. Erkrankungen am Muskel-Skelett-System – vor allem der Wirbelsäule – kommen besonders oft vor, ebenso wie bestimmte Krebserkrankungen.

Psychisch bedingte Schmerzen nehmen drastisch zu

Mögliche Gründe reichen von einer Zunahme von Einflüssen wie schmerzauslösenden Körperhaltungen oder von Stress bis hin zu mehr Diagnosen wegen steigender Aufmerksamkeit der Ärzte.

Wie hat sich die Zahl der Schmerzdiagnosen entwickelt? Schmerzen ohne direkten Bezug zu einer anderen organischen Krankheit wurden laut dem neuen Arztreport 2014 bei 3,25 Millionen Menschen diagnostiziert. Die Zahl der Fälle ist stark gestiegen. Mehr als vier Prozent der Bundesbürger sind betroffen – 2005 waren es 1,6 Prozent. Die Dunkelziffer gilt als hoch. Die Zahl der ambulant behandelten chronischen Schmerzpatienten ist laut Report deutlich gestiegen – auf 655 000 im Jahr 2014.

Wie verteilen sich die Diagnosen? Die Diagnose „Schmerz“, bei der die Ärzte eine körperliche Ursache annehmen, macht mit rund vier Fünftel den größten Anteil aus. Hier gab es seit 2005 einen Anstieg um 72 Prozent. Bei der Diagnose „Anhaltende Schmerzstörung“, die eher auf die Psyche zurückgeführten Schmerz umfasst, war der Anstieg bei kleineren Fallzahlen noch höher.

Welche Personen sind besonders betroffen? Insgesamt sind chronische Schmerzen laut Statistik bei Frauen häufiger. Bei den 60- bis 64-Jährigen erhielten 4,5 Prozent der Männer und 6,6 Prozent der Frauen die Diagnose „Schmerz“. Bei den über 90-Jährigen sind es fast 10 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen. Bei Jüngeren ist die Diagnose weit seltener.

Wie sieht es bei Pflegebedürftigen aus? Sie sind am stärksten betroffen – und leiden somit in doppelter Hinsicht. Laut Deutscher Stiftung Patientenschutz leben in deutschen Pflegeheimen Zehntausende Menschen mit chronischen Schmerzen ohne angemessene Versorgung. „Ein gutes Drittel der Pflegeheimbewohner leidet unter chronischen Schmerzen“, klagt Vorstand Eugen Brysch.

Tausende Betroffene in Pflegeheimen bleiben „völlig unversorgt“

Bundesweit seien mehr als 260 000 Heimbewohner von chronischen Schmerzen betroffen, so Brysch. „Deren Versorgung liegt häufig im Argen“, kritisiert er. Bei jedem fünften betroffenen Pflegeheimbewohner würden Schmerzen noch nicht einmal erfasst. „Somit bleiben 56 000 Menschen völlig unversorgt“. Aber auch viele Betroffene mit erkannten Schmerzen bekämen nicht die notwendigen Medikamente. Besonders betroffen seien Pflegeheimbewohner mit Demenz. „Vielen Pflege-Hilfskräften fehlt das notwendige Know-how“, erklärt Jan Kostrzewski von der Münchner Hauspflege-Gesellschaft „pflegeo“ der AZ. Es brauche im Bereich der Schmerzerkennung und –therapie praxisnahe Weiterbildungsmaßnahmen.

Wie lange leiden Betroffene unter chronischen Schmerzen? Im Durchschnitt dauert die Leidensgeschichte eines Schmerzpatienten sieben Jahre. Nach Angaben der Bundesärztekammer kämpft jeder Fünfte sogar 20 Jahre und länger gegen die Beschwerden.

Wie kommen Patienten typischerweise an passende Therapien? Laut Deutscher Schmerzliga und weiterer Fachorganisationen oft über Umwege – es fehle an einer Vernetzung innerhalb der medizinischen Fachgebieten. Erste Anlaufstelle sei oft die Apotheke. Patienten wüsten oft nicht einmal, dass es Ärzte mit einer speziellen schmerzmedizinischen Ausbildung gebe.  Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin meint, für eine flächendeckende Versorgung seien mindestens 10 000 Schmerzmediziner nötig. Derzeit gebe es nur 400 Ärzte, die in Vollzeit Schmerzpatienten versorgen.

Was fordern Ärzte und Krankenkassen? Die Mediziner setzten sich auf einem Ärztetag bereits vor zwei Jahren für mehr und bessere Schmerztherapie ein – unter anderem durch Teams verschiedener Fachrichtungen. Die Akutschmerztherapie in den Kliniken müsse gestärkt werden. Barmer-GEK-Chef Christoph Straub mahnt durchgreifende Verbesserungen an: „Angesichts von Millionen Betroffenen muss die Bekämpfung des chronischen Schmerzes zu einem nationalen Gesundheitsziel werden.“

 

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