Münchner Rennfahrerin im AZ-Interview Sophia Flörsch: "Ich will Weltmeisterin in der Formel 1 werden"

, aktualisiert am 24.12.2019 - 10:20 Uhr
"Ich glaube, dass es sich kein Sport erlauben kann, 50 Prozent der Weltbevölkerung auszuschließen. Wenn eine Frau in der Formel 1 wäre, würde sich das Frauenbild generell ändern", sagt Sophia Flörsch. Foto: imago images / HochZwei/Suer

Rennfahrerin Sophia Flörsch spricht im Interview mit der AZ über ihren Horror-Unfall in Macau, ihre großen Träume und ihr Leben für den Motorsport. "Es ist toll, das Hobby zum Beruf zu haben", meint Flörsch. 

 

AZ: Frau Flörsch, Weihnachten ist immer eine Zeit, um zurückzublicken: Wie oft danken Sie Ihrem Schutzengel dafür, dass Ihr schwerer Unfall in Macau im November 2018, bei dem Sie sich eine Wirbelfraktur zugezogen haben, letztlich so glimpflich ausgegangen ist?
SOPHIA FLÖRSCH: Dieses Jahr habe ich gar nicht mehr oft an den Unfall gedacht. Ich war ja bereits wieder auf der Rennstrecke in Macau beim Saisonfinale der Formel 3, und es war toll, wieder dort zu sein. Das Thema Unfall ist für mich abgeschlossen.

War es für Ihre Familie nicht hart, Sie wieder auf der Unglücksstrecke zu sehen?
Meine Mama hat immer gesagt, sie fände es nicht so super, wenn ich dorthin zurückkehre. Aber ich sei ja nunmal volljährig und könne selber entscheiden. Ich glaube, meinen Eltern und meiner Schwester war es immer klar, dass ich wieder in Macau fahren würde. Meine Mutter und meine Schwester waren diesmal an der Strecke dabei und nicht vor dem Fernseher, so war es für sie auch einfacher. Dass es dieses Jahr schon passiert, war sehr spontan, aber für mich einfach notwendig: Die Weltmeisterschaft ist eben ein Highlight für jeden Formel-3-Fahrer.

"Motorsport ist mein Leben"

Was fasziniert Sie denn so am Rennsport?
Alles, außer das Geld. (lacht) Motorsport ist mein Leben, mich fasziniert die Geschwindigkeit. Wie schnell man durch Kurven fahren kann, ist unglaublich. Das kann man keinem erklären, der es nicht selbst gemacht hat. Du als Fahrerin bist diejenige, die entscheidet, wie nahe du ans Limit gehst. Du hast ein Kribbeln im Bauch, es ist ein megageiles Gefühl. Am schönsten sind die Rennen, die Zweikämpfe, wenn man versucht, den Konkurrenten auszutricksen – und schneller zu sein als er.

Sie saßen schon mit vier Jahren im Kart. Wer hat Sie zum Motorsport gebracht?
Mein Vater, der früher selbst Rennfahrer war. Als ich mit vier angefangen habe, gab es da ein anderes Mädchen auf der Kartbahn, das auch seine Runden gedreht hat. Die war bald meine Freundin, die Wochenenden haben wir auf der Kartbahn verbracht. Mit sieben bin ich dann erste Rennen gefahren. Wenn du dort siehst, dass sich all dein Training auszahlt und du vielleicht einen Pokal bekommst, ist das als kleines Kind etwas ganz Besonderes. So habe ich weiter gemacht.

Wie reagieren die Buben, wenn da plötzlich ein Mädl kommt, das auch ganz gut fährt? Mussten Sie sich öfter Macho-Sprüche anhören?
Ich muss echt sagen, die Jungs sind immer gut mit mir umgegangen. Das Problem waren eher die Väter, die haben das nicht so gerne gesehen, wenn ein kleines, blondes Mädl schneller war als ihr Bub. Auch von den Männern, gegen die ich heute fahre, fühle ich mich respektiert. Eins ist natürlich klar: Man muss schnell und ehrgeizig sein. Aber auch vor einem Mann, der nur hinterherfährt, haben die anderen keinen Respekt – ich übrigens auch nicht.

Sie sind Botschafterin der Initiative "dare to be different", die sich zum Ziel gesetzt hat, Frauen im Motorsport zu fördern.
Mir ist es wichtig, zu zeigen, dass es normal ist, dass man immer noch ein Mädchen sein kann, wenn man in der Motorsportwelt unterwegs ist. Ich habe lackierte Fingernägel, ich schminke mich, aber ich fahre auch Rennwagen. Es ist das Ziel von "dare to be different": Traue dich, anders zu sein.

Sophia Flörsch: "Ich will Weltmeisterin in der Formel 1 werden"

Können Sie sich vorstellen, dass es eine Frau demnächst in die Formel 1 schaffen kann?
Ja, ich! Ich will Weltmeisterin in der Formel 1 werden! Das ist mein Ziel. Aber erstmal brauche ich noch drei bis vier Ausbildungsjahre in der Formel 3 und Formel 2.

Warum braucht die Formel 1 eine Frau?
Ich glaube, dass es sich kein Sport erlauben kann, 50 Prozent der Weltbevölkerung auszuschließen. Wenn eine Frau dort wäre, würde sich das Frauenbild generell ändern – nicht nur auf den Sport bezogen.

Warum hat es bis jetzt noch keine Frau als Stammpilotin geschafft?
Die Formel 1 ist ein Sport, in dem eine Frau keinerlei körperlichen Nachteile hat, wir können genauso lenken und bremsen wie die Männer. Das Problem ist eher, als Frau Chancengleichheit im Nachwuchsbereich zu bekommen. Sprich: Genauso gefördert zu werden, genauso viel testen zu können, die gleiche Ausbildung zu durchlaufen wie ein männlicher Fahrer. So lange es noch keine erfolgreiche Frau gab, wird es einer Frau einfach nicht zugetraut. Menschen, Sponsoren müssen überzeugt werden, dass es geht.

Hobby zum Beruf gemacht 

Apropos Sponsoren. Wie wichtig sind dafür die sozialen Medien? Sie haben allein bei Instagram fast 290.000 Abonnenten.
Ich habe mit Social Media angefangen, weil es mir einfach Spaß gemacht hat, den Fans zu zeigen, wie mein Leben hinter den Kulissen aussieht, meine Freizeit. Durch den Unfall ist es ein bisschen explodiert, das war natürlich ungeplant und nicht gewollt. Heutzutage schauen viele Sponsoren und Firmen auf Social-Media-Kennzahlen wegen der Aufmerksamkeit und Werbemöglichkeiten. Deshalb ist es wichtig für mich, eine gute Reichweite zu haben und meine Seiten zu pflegen. Es macht mir aber auch wirklich Spaß. Ich bin froh, wenn jemand auf mich zukommt oder ich mit jemandem schreibe.

Normalerweise gehen 19-jährige Mädchen mit ihrer Clique aus, genießen Ihr Leben. Vermissen Sie diese "normale" Jugend manchmal?
Eigentlich nicht. Ich bin sowieso nicht die, die in Clubs feiern geht. Das mache ich vielleicht ein, zwei Mal in der Winterpause. Das Leben, das ich im Moment leben darf, ist genau das, das ich immer leben wollte. Ich lerne viele interessante Leute kennen, fahre tolle Autos, reise unheimlich viel. Ich hatte 83 Flüge dieses Jahr. Als 19-Jährige ist es toll, das Hobby zum Beruf zu haben.

Bleibt bei Ihrem vollen Terminplan überhaupt Zeit für die Liebe?
Ich habe einen Freund. Irgendwann will ich natürlich auch eine eigene Familie haben, aber das ist noch weit weg. Bei mir steht der Sport an erster Stelle. Wenn das jemand versteht und mich genauso unterstützt wie meine Familie, ist alles in Ordnung. Ich bin sehr oft unterwegs. Ein Partner muss das akzeptieren – oder eben nicht.

Sie sind auch schon gegen Mick und David Schumacher gefahren, die Söhne von Michael und Ralf. Trauen Sie ihnen eine große Karriere zu?
Mick fährt ja schon Formel 2, der wird in die Formel 1 kommen. Das war auch schon immer so vorgesehen. Bei David weiß ich es nicht. Ich bin nur dieses Jahr gegen ihn gefahren. Beide sind gute Rennfahrer. Für mich sind sie letztlich wie jeder andere Konkurrent auch: Ich will sie schlagen!

Lob von Schumacher 

Mit Michael Schumacher hatten Sie auch mal eine Begegnung, oder?
Mick ist ja nur wenige Jahre älter als ich, im Kartsport sind wir oft gegeneinander gefahren. Ich war damals beim Team KSM von Michael Schumacher. Es gab mal ein Rennen in Süditalien, als ich etwa zehn Jahre alt war. Es lief ziemlich gut für mich, ich bin auf Platz fünf gekommen. Als ich nach dem Rennen aus dem Fahrerlager hinausgegangen bin, hat dort Michael Schumacher mit dem Fahrrad auf Mick gewartet. Er hat mich umarmt, mir gesagt: "Gutes Rennen, Sophia!" Das war schon toll für mich. Ich muss sagen, dass Michael immer sehr nett und bodenständig war. Er hat nie schlecht über andere Fahrer geredet.

Wer sind Ihre Vorbilder?
Lewis Hamilton, weil er der Fahrer ist, von dem ich mir am meisten abschauen kann. Er ist viel in der Öffentlichkeit unterwegs, Influencer in den sozialen Medien, und zeigt trotzdem immer seine Leistung. Und Lindsey Vonn. Ich liebe Skifahren. Wie viele Rückschläge sie erlitten hat, und trotzdem immer wieder gewonnen hat, das hat mir imponiert.

Sophia Flörsch: Ich habe einen Punkt in Flensburg 

Fahren Sie eigentlich auch privat rasant?
Wenn einer mit 120 auf der linken Spur fährt, finde ich das nicht so toll, aber grundsätzlich fahre ich vorsichtig und halte mich an Tempolimits.

Haben Sie Punkte in Flensburg?
Einen habe ich, das kann ich ja zugeben. Aber nicht, weil ich zu schnell war, sondern, weil ich das Handy am Ohr hatte.

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