Reithalle Musical Cabaret: Ein verrücktes Huhn

Markus Meyer als Conférencier und Nadine Zeintl als Sally Bowles in "Cabaret". Foto: Christian Zach

Gesamtkunstwerk Frau: Das Musical „Cabaret“ mit der phänomenalen Nadine Zeintl in der Reithalle

 

Irgendwann, etwa nach einer Stunde, kam doch einmal kurz der Gedanke auf, wie schicklich es ist, den Beginn des „Dritten Reichs“ mit Tanzmusik und pummeligen Girls in cremefarbener Unterwäsche zu verniedlichen. Werner Sobotkas Inszenierung verstärkte die Momente des Unbehagens. Denn anders als die glamouröse Urfassung am Broadway ist seine Version des Musicals „Cabaret“, vom Gärtnerplatz in der Reithalle präsentiert, keine glatt gebügelte Unterhaltungsshow. Das Ambiente schmuddelig, die Akteure überdreht, die Gesten derb und vulgär: Das alles sorgte dafür, dass sich Betroffenheit einstellte.

Am meisten aber dann, wenn Gisela Ehrensperger als Fräulein Schneider und Franz Wyzner als jüdischer Fruchtladenbesitzer Schultz um ihr spätes Glück kämpften: still, unaufgeregt, am Ende erfolglos, aber nicht gebrochen.

Um die beiden herum eine andere, bizarre Welt. Der bisexuelle Amerikaner Cliff Brad-shaw (Dominik Hees) jagt im Berlin der beginnenden 1930er Jahre seinen Träumen nach und trifft dabei auf die Nachtklubsängerin Sally Bowles. Nadine Zeintl, mit Bubikopf wie weiland Liza Minelli im Film, hüpfte wie ein verrückt gewordenes Huhn über die Bühne, ein Power-Girl, grotesk, bisweilen ziemlich nervig, ein Gesamtkunstwerk. Ähnlich hinreißend eroberte sie sich vor drei Jahren als Eliza in „My Fair Lady“ die riesige Seebühne in Mörbisch.

Da darf man schon einmal den Hut ziehen vor dem neuen Gärtnerplatzchef Josef E. Köpplinger, dem eine derart überzeugende Besetzung gelingt, die sogar noch getoppt werden konnte. Als Conférencier des Kit-Kat-Clubs ließ Burgschauspieler Markus Meyer virtuos die Puppen tanzen, krähte seinen Spott-Song „Willkommen, Bienvenue, Welcome“ mit beißender Ironie ins Publikum und war auch im weiteren Verlauf von diabolischer Präsenz.

Choreograf Ramesh Nair hatte die Tanzszenen dem reichlich kargen Raum (Bühne: Amra Bergman-Buchbinder) angepasst: statt Revue-Glitzer aggressive Erotik, wildes Stampfen und wütend durch die Gegend geschleuderte Stühle. Dass sich Sally in dieser armseligen Welt besser aufgehoben fühlt als in der Heimat ihres Lovers und deshalb das Happy End auch ausfällt, gehört zu den gelungensten Einfällen der Autoren.

Die Musiknummern von John Kander pendeln geschickt zwischen dem Charleston der späten 1920er Jahre und den frühen Songs von Kurt Weill. Für das Gärtnerplatztheater hatte man die reduzierte Orchesterfassung von Chris Walker aufpoliert. Die kleine Combo unter der Leitung von Andreas Kowalewitz am E-Piano duldete keinerlei Koordinationsprobleme, noch ein Beweis für die Sorgfalt, mit der diese sehens- und hörenswerte Produktion erarbeitet wurde.

Wieder am 23., 24., 26., 27., 28. 2. und im März in der Reithalle, Heßstraße 123, Telefon 2185 1960

 

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