Reisetipp Masuren: Mit Hausboot und Rad über Höhen und Seen

Natur pur im Masuren-Gebiet. Die Region im Nordosten Polens in Bildern. Foto: Hans-Herbert Holzamer

Die Masuren in Polen bieten Natur pur - Abwechslung und Vielfalt so weit das Auge reicht. Eine Vorstellung der Region im Nordosten des Landes.

Die erste Überraschung ist die Größe. Die Masuren sind nur 10 000 Quadratkilometer groß. Bayern, um eine bekannte Region in Relation zu setzen, ist sieben Mal so groß. Doch wenn man im Hausboot über einen der großen Seen schippert, unter blauem Himmel und die waldbestandenen Ufer geben nicht zu erkennen, wo sich der nächste See anschließt, dann erscheint dieses Land im Nordosten Polens riesengroß. Dabei, wie so oft, ist es eine Frage der Definition, welchen Teil im ehemaligen Ostpreußen man als Masuren bezeichnen mag. Da einen dort die Geschichte aber ohnehin auf Schritt und Tritt verfolgt, soll künftig die Rede sein von der Masurischen Seenplatte (Pojezierze Mazurskie), einer Landschaft in der Woiwodschaft Ermland-Masuren.

Wir verfolgten mit dieser Reise mehrere Ziele. Wir wollten, wie weiland Klaus Kinski als Abenteurer und Opernliebhaber Brian Sweeney Fitzgerald im Film Fitzcarraldo, mit einem Schiff über den Berg. Wir wollten erkunden, wie weit die touristischen Angebote für Liebhaber von Hausbooten und von Radwanderen sind, welche Möglichkeiten es für Familien gibt, und - da sich von der Geschichte keiner frei machen kann und soll - wollten wir natürlich erfahren, wie mit den Zeugnissen deutscher Kultur und Tradition, denen wir auf unserer Tour begegnen würden, umgegangen wird. Und zweite Überraschung: im Vergleich zu Vorbesuchen hat sich eine Menge getan, auch was die Einstellung zu den Heimat- und Sehnsucht-Touristen unter uns angeht.

Wobei, wenn man den Zustand von Städten und Schlössern kritisch betrachtet, man nicht vergessen sollte, was die Polen (und andere Migranten) hier vorfanden, als sie in dieses fast leere und zerstörte Land kamen. Und dritte Überraschung allen Europa-Kritikern ins Notizbuch: Die Polen zeigen, was man mit den Geldern der EU, die für Projekte des regionalen Entwicklungsfonds ausgegeben werden, sinnvoll machen kann.

Da sich der deutsche Tourist in den Masuren in einer Gegend bewegt, die ihm umso vertrauter wird, je länger er sich dort aufhält, deren geografischen Bezeichnungen er aber nicht versteht, kommt er sich manchmal vor, als hätte er eine, seine Wirklichkeit verhüllende Kapuze über den Augen. Wer weiß - beispielsweise - , dass er mit dem Boot durch Lötzen fährt, wenn überall nur Gizycko steht? Dass er in Angerburg anlegt, wenn er in Wegorzewo den Palstek um den Schiffspoller legt. Das könnte ja vielleicht egal sein. Aber wer die Festung Boyen sucht oder die Pflegerburg des Deutschen Ordens, die heute in modernes und attraktives Hotel beherbergt, der kann eben nichts mit Gizycko anfangen. Deswegen werden in diesem Text die Namen in beiden Schreibweisen hintereinander erwähnt.

Das sehen heute auch die Polen deutlich lockerer als früher. Wie die Polen auch etwa mit den militärischen Resten der Hitlerzeit in einer Unbefangenheit umgehen, die sich für uns verbietet. An unserer Radstrecke lag Mamerki / Mauerwald mit den Resten des Hauptquartiers des Oberkommandos des Heeres, und junge polnische Besucher verhielten sich in einer Ambivalenz zwischen militaristischer Disney-World und eigener nationaler Gloria, wohlgemerkt für die "Wunderwaffen" des dritten Reiches, die bei uns Kopfschütteln verursachte. Aber das erlebten wir nicht nur hier. Kleinkinder in Uniform und mit Gewehr herumlaufen zu lassen, als wäre es ein Cowboy-Kostüm, ist nichts Überraschendes.

Aber nun zur Seenplatte. Sie besteht aus wohl 3000 Seen in einer eiszeitlichen Moränenlandschaft, die etwa eine Größe von etwa 1700 km² ausmachen, die größten sind der Jezioro Śniardwy / Spirdingsee und der Jezioro Mamry / Mauersee. Mit unseren Hausbooten waren auf dem Jezioro Niegocin / Löwentin See, dem Jezioro Kisajno / Kissain See, dem Jezioro Dargin / Dargainen See und dem Mauersee unterwegs. Marinas gibt es überall. Gebucht hatten wir die Boote bei Hendrick Fichtner, dem Eigentümer von "Polen Hausboote", der zwar noch eine Adresse in Münster, aber sein Herz längst an die Masuren verloren hat. Seine Frau stammt aus Olsztyn / Allenstein. Seit 2002 betreibt er eine Internet-Reiseagentur für Polen. Er öffnete uns mit dem Boot Mazuri Cruiser 900 nicht nur den Zugang zu den unendlich vielen erreichbaren Seen, es gibt noch ebenso viele, die der Natur, den Kormoranen oder dem Wanderer vorbehalten sind, sondern auch die Erlaubnis, führerscheinfrei durch das zum Glück wellenfreie Wasser zu schippern.

Die Regeln, dass etwa Segler immer Vorfahrt haben, wie bescheuert sie sich auch anstellen, zum Glück gab es nur wenige, und dass man zwischen den grünen und roten Tonnen hindurch muss, hatten wir schnell raus. Aber wer kein Draufgänger ist und Risiken vermeiden will, sollte es zunächst mit einem Boot probieren, die sich wirklich fast wie ein Kleinwagen steuern lassen, wenn man die längeren Bremswege berücksichtig. Hendrick Fichtner hat über seine Häfen eine ansehnliche Flotte verteilt, die man für Wochenhonorare zwischen 200 und 1200 Euro je nach Größe mieten und wie sein eigener Kapitän steuern kann. Nur für die Überquerung der Rollberge am Elbląg-Ostróda-Kanal / Oberlandkanal schickt Hendrick Lotsen an Bord.

Jedenfalls hätte Fritz Skowronnek, der Schriftsteller und Seenvermesser, seine Freude an uns gehabt, wie begeistert wir seine Heimat durchquerten, um gegen seine Feststellung aus dem Jahre 1918 anzugehen, dass „Masuren leider vielen noch so unbekannt ist, dass selbst ein hervorragender Schriftsteller neuerdings erklärte, in den Augen der West- und Süddeutschen bestände zwischen Sibirien und Ostpreußen kein besonderer Unterschied.“

 

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