Reinhard Bauer im AZ-Interview Neuer Münchner Seniorenbeirat fordert Geldboten für Rentner

Im Bezirksausschuss Feldmoching-Hasenbergl sitzt Ex-Stadtrat Reinhard Bauer (68, SPD) schon seit 46 Jahren. Jetzt setzt er sich als Seniorenbeirat für Münchens Rentner ein. Foto: Sigi Müller

Reinhard Bauer ist Münchens Anwalt der Alten: In der AZ erzählt der Seniorenbeirat, was er 2019 anpacken will. Von Rentner-Tanztees gegen Fremdenangst bis zu neuen Senioren-WGs.

München - Wie geht es eigentlich Münchens Senioren zum Start ins Jahr 2019? Und was gilt es, für sie anzupacken? Mit 265.000 über 65-Jährigen leben mehr Ältere und Hochbetagte in der Stadt als junge Menschen unter 20 Jahren. Gut jeder Sechste ist im Rentenalter, die Hälfte davon ist älter als 75 Jahre. Die AZ hat darüber mit Reinhard Bauer gesprochen, der seit letztem Frühling Chef des Seniorenbeirats ist und die Interessen der Älteren vertritt.

Der Historiker, Volkskundler und frühere Münchner SPD-Stadtrat (68) ist seit März 2018 Chef des Seniorenbeirats. Er hat zahlreiche Bücher über München geschrieben, leitet ein Dutzend Vereine und Arbeitskreise und wohnt in der Lerchenau.

AZ: Herr Bauer, vieles hat sich vergangenes Jahr um den Pflegenotstand, Altersarmut und Wohnungsnot auch für Senioren gedreht. Kümmert sich München zu wenig um seine Rentner?
REINHARD BAUER: Mein Eindruck ist, den allermeisten Rentnern in München geht es recht gut. Zumal verglichen mit dem Leben der Älteren in anderen deutschen Städten, wo es keine Alten- und Servicezentren gibt, wo Senioren sich treffen und austauschen können, keine aufsuchenden Hausbesucher, die helfen können, und keine erhöhte Grundsicherung. Und verglichen auch mit dem Leben der Alten in den 1960er Jahren, als ich ein Kind war.

Wie war es denn damals?
Ich erinnere mich gut an betagte Frauen, die die Winter alleingelassen, hungrig und ohne Heizung überstehen mussten. Und wie einfach es war, alte Mütterchen ruckzuck aus einer Wohnung zu werfen, wenn sie die Miete nicht pünktlich zahlen konnten. Solche Zustände in so hoher Zahl gibt es in München nicht mehr.

Mehr Senioren in München armutsgefährdet

Altersarmut gibt es in München aber schon.
Natürlich. Wir haben rund 15.000 Senioren, die von Grundsicherung leben ...

... und laut dem Armutsbericht eine geschätzte Dunkelziffer von rund 10.000 Senioren, die Grundsicherung nicht in Anspruch nehmen, aus Scham oder Unwissenheit.
Richtig. Es wird die Zahl der armen und armutsgefährdeten Senioren in München auch ansteigen, das ist klar. Man muss aber auch sehen: Geschätzt 100.000 Rentner wohnen in München in Eigenheimen. Sie zahlen gar keine Miete und sind in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Wie kommen Sie auf diese hohe Zahl? Das kann man über die Siedler- und Eigenheimervereine hochrechnen. Diese Rentner leben in den Eigenheim-Siedlungen aus der Vor- und der Nachkriegszeit, wie es sie am Harthof, in Trudering, Sendling, Ramersdorf und einigen anderen Vierteln noch gibt. Mindestens ebenso viele wohnen mit jahrzehntealten Mietverträgen in städtischen- oder Genossenschaftsbauten und zahlen sehr, sehr wenig. Davon können junge Familien, die jetzt Neuverträge abschließen müssen, nur träumen.

Bleiben aber rund 50.000 Senioren, die auf dem freien Mietmarkt problematische Verträge haben.
Das ist die Gruppe, für die München so schnell wie möglich Senioren-Wohnformen planen muss. Denn auch diese Zahl wird steigen.

Wohnraum für Senioren

Was stellen Sie sich da vor?
Mietgünstige Senioren-WGs, barrierefrei, in denen Rentner genau wie Studenten zusammenleben können. Oder Apartments, zu denen gemeinsame Küchen oder Wohnzimmer gehören, mit Pflegediensten in unmittelbarer Nähe.

Wie viele solcher neuer Wohnungen braucht es?
Ich denke, 3.000 Senioren-Neubauwohnungen pro Jahr wäre eine gute Zielzahl. Das muss die Stadt neben Studenten-, Sozial- oder Personalwohnungen dringend mitplanen.

Ein Problem, das Sie auch oft ansprechen, ist die Schließung vieler Bank-Filialen.
Viele Hochbetagte und Gehbehinderte haben in ihrer Wohnumgebung keine Filiale mehr, auf der sie ihre Rente bei einem Bankmitarbeiter, mit dem man sprechen kann, abheben können. Teilweise gibt es nicht mal mehr Bankomaten fußläufig. Stellen Sie sich mal eine alte Rentnerin vor, die sich beim Bäcker Semmeln holen will, aber vorher muss sie zig mal mit der Tram, dem Bus oder der U-Bahn umsteigen, um auf ihrer Bank an Bargeld zu kommen.

Haben Sie ein Beispiel?
Wer etwa in der Lerchenau wohnt, hat inzwischen bis zu vier Kilometer zur nächsten Sparkassenfiliale. Da kann man mit Bus und U-Bahn eine Stunde unterwegs sein, wenn man halbwegs fit und mobil ist. Das ist für manche nicht machbar.

Geldkuriere für Rentner - eine Alternative?

Was ist Ihr Vorschlag?
Ich möchte in diesem Jahr gerne anregen, dass neben Telefon-Banking auch Bargeld-Boten installiert werden, die notfalls den nicht mobilen Kunden das Geld nach Hause bringen.

Geldkuriere für Rentner?
Genau. Vielleicht kann auch die Stadt notfalls so einen Service unterstützen. Die Alternative wäre ja, dass die alten Leute viel Bargeld zuhause horten müssen, damit es ihnen nicht so schnell ausgeht.

Teilhabe mittels Digitalisierung

Sie werben auch dafür, dass Senioren sich in Sachen Digitalisierung fit machen. Sollen sich wirklich Hochbetagte noch ein Smartphone anschaffen?
Natürlich! Damit sollte jeder über 80 noch anfangen, der noch am Leben teilnehmen will. Wenn man das in regelmäßigen Kursen gut erklärt bekommt, ist das nicht so schwer.

Gibt es denn genug Computer- oder Smartphone-Kurse für Senioren?
Noch nicht, da brauchen wir ein viel größeres Angebot, um möglichst alle, auch Hochbetagte, damit zu erreichen.

Wie könnte so eine Kurs-Offensive aussehen?
Hier könnten ehrenamtliche Helfer die schon bestehenden guten Angebote von Volkshochschule, Stadtbibliotheken und Alten-Service-Zentren unterstützen. Der Seniorenbeirat hat hier schon einige Vorschläge entwickelt.

Vernetzung auf Seniorenportalen

Welchen Vorteil sehen Sie für Senioren, wenn sie Smartphones nutzen?
Dutzende! Sie können im Internet die Abfahrtszeiten des MVV lesen, Veranstaltungen suchen, Öffnungszeiten nachschauen, Bücher bestellen, Reisen buchen. Es ist auch wichtig, mit Kindern und Enkeln per Skype und SMS zu kommunizieren oder Fotos geschickt zu bekommen.

Und sich auf Seniorenportalen vernetzen.
Natürlich. Dort kann man heute ja sehr leicht Gleichgesinnte suchen, auch in höherem Alter. Sich verabreden, zu Spazier-und Ausflugsgruppen, zu Ehrenämtern, Kartenspiel-Abenden oder Tanztees. Das ist alles gut gegen die drohende Vereinsamung im Alter. Die ist ja nicht nur für die Betroffenen schlimm, sondern auch für das soziale Klima in München überhaupt.

Einsamkeit führt oft zu Fremdenfeindlichkeit

Wie meinen Sie das?
Ich glaube, dass gerade die Vereinsamung vieler alter Menschen dazu führt, dass sie für fremdenfeindliche Parolen empfänglich werden. Je mehr ein alter Mensch mit sich allein ist, umso mehr diffuse Angst entwickelt er vor dem Unbekannten, Neuen, Fremden.

Weil der Austausch fehlt?
Der Austausch und eine eigene Verbindung damit. Oft entsteht schlichtweg aus diffuser Angst Fremden- und Ausländerfeindlichkeit. Schon deshalb müssen wir – auch als Seniorenbeirat – dafür sorgen, dass alte Münchner in Verbindung mit anderen Menschen bleiben, einfach in der Mitte unserer Gesellschaft.

 

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