Regionalbahn von München nach Kempten Schießerei im Zug: "Außer Kontrolle"

Allgäu: Nach Schüssen auf Polizisten in einem Zug wurde der Bahnhof von Kempten abgeriegelt. Jetzt sind neue Details zum Ablauf der Schießerei bekannt. Foto: dpa

Nach der Schießerei im Regionalzug liegt einer der beiden Täter im Koma, der andere ist tot. Während die dramatischen Minuten rekonstruiert sind, sind die Hintergründe des Vorfalls noch unklar.

Kempten – Nach der Schießerei in einem Regionalzug im Allgäu sind neue Details zu den beiden Tätern bekannt. Einer stammt aus der Nähe von Fürstenfeldbruck, der andere aus Ausgburg. Beide sind polizeibekannte Kriminelle.

Als die beiden Polizeihauptmeister am Freitagnachmittag das Abteil des „Alex“ München-Kempten betreten, hat der 20-Jährige aus Grafrath bei Fürstenfeldbruck bereits eine Waffe in der Hand. „Er hielt sie unter seiner Jacke auf dem Schoß versteckt“, berichtet Richard Thiess von der Münchner Mordkommission, die inzwischen auf Anweisung des Innenministeriums die Ermittlungen übernommen hat.

Der 20-Jährige stammt aus Russland, wohnt in Grafrath. In dem rund 3600 Einwohner zählenden Ort kennt ihn kaum einer. Wegen räuberischer Erpressung sucht ihn die Polizei. Zweieinhalb Jahre soll er ins Gefängnis. Sein Kumpel stammt aus Kasachstan. Er wohnt in Augsburg. Und auch der 44-Jährige ist der Polizei bereits wegen etlicher Straftaten bekannt.

Die Bundespolizisten bitten den Älteren, das Abteil zu verlassen, damit sie den 20-Jährigen festnehmen können. „Eine Routinesituation“, sagt Klaus Papenfuß, Sprecher der Bundespolizei, „die plötzlich völlig außer Kontrolle gerät.“

„Der Jüngere hat ohne Vorwarnung sofort das Feuer eröffnet“, berichtet Richard Thiess. Doch die Täter haben nur Schreckschusspistolen. Sie nutzen das Überraschungsmoment. Der 44-Jährige stürzt sich auf den Polizeihauptmeister. Mit seiner Waffe schlägt er dem 57-Jährigen drei Mal auf den Kopf, bis der blutend zu Boden geht. Dabei entreißt er ihm die Dienstwaffe, eine Heckler&Koch vom Typ „P30“.

Ohne zu zögern zielt der Kasache auf den zweiten Polizisten und drückt ab: Eine Kugel trifft den 45-Jährigen zwischen Hüfte und Oberschenkel. Ein zweites Projektil steckt auf Höhe der Leber in der Schutzweste des Polizeihauptmeisters. Kampfunfähig bleibt er liegen.

In dem mit über 300 Menschen besetzten Zug bricht Panik aus. Der Schaffner alarmiert einen LKA-Beamten, von dem er weiß, dass er täglich im Zug sitzt. Der 36-Jährige und der Kollege mit der Kopfwunde verfolgen die Flüchtigen. Im Verbindungsgang zwischen dem ersten und dem zweiten Wagen kommt es zum Showdown.

Der Kasache schreit: „Ich knall’ dich ab.“ Dann feuert er aus der Hocke heraus erneut auf seine Verfolger. Der LKA-Beamte schießt zurück. Zwei Kugeln treffen. Der 44-Jährige wird am Arm und am Bein getroffen. Er und sein Komplize drücken bei dem Regionalexpress bei voller Fahrt die Türen auf. Einer springt links raus, der andere rechts – und das bei knapp Tempo 100.

Der 20-Jährige rutscht ab, gerät unter die Räder und wird regelrecht zerfetzt. Sein Komplize stürzt auf den Bahndamm. Beim Aufprall erleidet er schwere Kopfverletzungen. Er liegt im Koma, ist nicht ansprechbar. Ob er überleben wird, ist unklar, sagt Richard Thiess.

Warum die beiden Männer in dem Zug nach Kempten saßen, was sie dort wollten und warum sie bewaffnet waren, ist unklar. Die Ermittlungen laufen. Die Polizei sucht Zeugen. Wer kennt die Männer? Der Polizist mit der Kopfwunde ist aus der Klinik. Sein angeschossener Kollege wird allerdings noch Monate brauchen, bis er wieder dienstfähig ist.

 

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