Regietheater Ab in den Kindergarten!

Die Seite „Against Modern Opera Productions“ vergleicht Castorfs „Ring“ mit einer Aufführung in Seattle, wo Wagners Szenenanweisungen der schuldige Respekt entgegengebracht wird. Foto: Screenshot

Im Internet sehnen sich bei "Against Modern Opera Productions" die Gegner des heutigen Regietheaters nach einer „Aida“ mit Sphinx und Verdis „Don Carlos“ in Strumpfhosen

 

Die Facebook-Seite „Against Modern Opera Productions“ jubelt bereits über Peter Steins Salzburger Inszenierung von „Don Carlos“: „Liebe Freunde, es besteht noch Hoffnung!!!“, heißt es da auf Englisch. Das sei endlich mal wieder eine traditionelle Aufführung, die respektvoll mit der Musik, der Handlung und der vom Textbuch geforderten historischen Epoche umgehe.

Seit 2011 gibt es diese Seite, sie hatte bis gestern mittag 5575 „Likes“ erreicht. Das allerdings ist nur ein Klacks gegen die fast 16 000 Fans der Bayerischen Staatsoper, jener Regietheaterhochburg am Münchner Max-Joseph-Platz, wo es einem am Stehplatz passieren kann, dass nach der Pause ein kleiner Werbezettel für „Against Modern Opera Productions“ vor einem liegt.

Betrieben wird die Seite, wenn die Postings nicht täuschen, von den USA aus, wo das hierzulande übliche Theater schon vor Jahren als „Eurotrash“ tituliert wurde. Frank Castorfs neuer „Ring“ im Bayreuther Festspielhaus schuf viel Leid bei den Gegnern des Regietheaters. Sie heilten es mit Fotos einer heuer wiederaufgenommenen Inszenierung der Tetralogie im amerikanischen Seattle aus dem Jahr 2001. Germanische Flügelhelme, wie sie Wagner anno 1876 wünschte, gibt es dort zwar auch nicht zu sehen: Aber immerhin schaffen von Kindern gespielte Zwerge im „Rheingold“ den Hort aus der Tiefe Nibelheims in eine „freie Gegend auf Bergeshöhen“ aus Kunstgras, Pappmachéfelsen und Plastikbäumen hinauf.

Ein beliebtes Spiel ist es, das Foto einer Inszenierung mit der Aufforderung „Rate die Oper!“ zu posten. Zuletzt war dort eine Bühnen voller Dollarnoten mit Ölförderanlagen im Hintergrund zu sehen. Castorfs „Rheingold“ war es nicht. Jemand riet auf den „Fliegenden Holländer“, worauf ein Fan explodierte: „DAS kommt in keiner Oper vor. Das Werk von Trotteln, die einen Riss in der Klatsche haben!!!! Schickt ihnen eine Tüte Gummibärchen und dann ab in den Kindergarten!“

Einer der Helden der Seite ist der 90-jährige Franco Zeffirelli, der eben in einem scheußlichen Bühnenbild den „Troubadour“ in Verona inszeniert hat. Geliebt werden Jean-Pierre Ponnelle und Herbert von Karajans Bühnenbildner Günther Schneider-Siemssen. Glücklich sind die Feinde des Regietheaters, wenn es irgendwo eine richtig ägyptische „Aida“ mit Sphinx und Pyramiden gibt, auch wenn sie so bonbonfarben leuchtet wie auf einer Bühne am kühlen Schweizer Pfäffikersee.

Was die neuen Fans von Peter Stein vergessen: 1969 brachte der Mann am Theater Bremen Goethes „Tasso“ mit Bruno Ganz heraus. Der spielte den Dichter als Emotionalclown, der den Herrschenden die lyrische Dekoration ihrer Macht lieferte. Man verstand sie als die Programm-Aufführung der 68er. Peter Stein will heute nichts mehr davon wissen, aber er ist einer der Erfinder des Regietheaters.

 

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