Red Bully Mit der Pistenraupe durch den Schnee

Maximal 25 Kilometer pro Stunde schnell, aber dafür erklimmt die Pistenraupe auf Schnee (fast) jede Steigung. Foto: Abel

Neun Liter Hubraum. 330 PS. Sechs Zylinder. 8,25 Meter lang, 4,80 Meter breit. Höchstgeschwindigkeit: 25 Kilometer in der Stunde. Die nüchternen Fakten zu einem Gefährt, das einen mal zu Jubelstürmen hinreißt und dann wieder die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Eine Pistenraupe. Genau so ein Ding, mit denen fixe Helfer nachts die Hänge so herrichten, damit Skifahrer und Snowboarder am Morgen wieder Schwünge in den Schnee zaubern können. Aber wie fährt sich so ein Ungetüm? Wir haben es ausprobiert.

 

Saalbach im Salzburger Land. Hier hat Snowmobil City sein Domizil aufgeschlagen. Oberhalb des Wintersportortes, in dem sich ein Sporthotel ans nächste reiht, wartet Thomas Niederer (56) vor seiner Hütte. Hinter ihm stehen in Reih und Glied fünf Motorschlitten. Die Snowmobile, im Prinzip Motorräder mit einer stählernen Raupe für die Fahrt über verschneite Hänge, können ebenfalls gebucht werden. Doch mein Interesse gilt dem monströsen feuerroten Spielmobil. Niederer, gebürtiger Schweizer, aber seit 35 Jahren in Österreich zu Hause, kutschiert den Gast per Motorschlitten zum Parkplatz der beiden Raupen, die er vermietet. Beeindruckend, wie sie da vor einem stehen: Unglaublich breit wirken sie, die neun Tonnen Gewicht sieht man ihnen jedenfalls nicht an.

150 Liter Diesel passen in den Tank, nach rund sechs Stunden unter Volllast wäre der Kraftstoffbehälter leer. Direkt hinter dem Führerhaus ragen die Auspuffrohre, so dick wie ein Oberschenkel, in den Himmel. Durch den niederen Schwerpunkt und die große Auflagefläche können die Kettenfahrzeuge enorme Steigungen bewältigen. "40 Grad sind maximal möglich, je nach Beschaffenheit des Schnees", sagt er.

Das Prinzip der Fahrzeuge, die auch als Schneekatzen oder Ratrac bezeichnet werden (das ist ein Händlername, klärt Niederer auf), ist simpel. Fährt die Raupe über eine Piste, schiebt sie den Schnee vor sich her und gleicht die Löcher aus, die Skifahrer hinterlassen. Durch das Gewicht wird der Schnee verdichtet und mit einer Nachlauffräse geebnet. Häufig werden Seilwinden eingesetzt: An steilen Hängen sind sie als Absicherung notwendig, zusätzlich können größere Schneemengen verschoben werden.

Gegen 16 Uhr rücken die Raupen aus

Die Pistenbully-Piloten haben keine einfache Aufgabe: Skifahrer schieben den ganzen Tag den Schnee immer weiter ins Tal, über Nacht muss der weiße Untergrund wieder so gleichmäßig verteilt werden, damit Tausende Wintersportler am nächsten Morgen wieder ihren Spaß haben. Nachmittags um 16 Uhr, wenn sich die Skigebiete langsam leeren, rücken die Raupen aus. Oft erst weit nach Mitternacht endet die Arbeitszeit.

Genug der Theorie, rein in die Kabine, jetzt geht es gleich los. Doch zunächst werde ich auf den Beifahrersitz dirigiert. Das Cockpit beherbergt eine Ehrfurcht einflößende Batterie an Schaltern, Instrumenten und Kontroll-Leuchten. Niederer zählt auf: Drehzahlmesser, Wassertemperatur, Kraftstoffmenge, Anzeige für die Temperatur des Hydrauliköls, Betriebsstunden und, und, und ... Alles ist in das bogenförmige Cockpit integriert.

Die Zuversicht schwindet. Wie soll ein Anfänger das alles überblicken? "Das meiste brauchen Sie nicht, keine Angst", sagt er. "Der Drehzahlmesser ist entscheidend." Und wo ist der Tacho? "Den gibt's nicht." Aus der Konsole ragt ein erstaunlich kleines Steuerrad heraus, das aussieht wie der Steuerknüppel eines Flugzeugs. Damit soll der Koloss zu lenken sein? "Das werden Sie sehen." Erst mal aufpassen. Niederer fährt, der Beifahrer wundert sich. Rechts ist das Gaspedal, eine Bremse sucht man vergebens. Geht man vom Gas, krallen sich die Raupen in den Schnee - und das Ungetüm steht.

Endlich Fahrerwechsel. Rauf auf die scharfkantigen Alu-Stege der Ketten und von dort auf den Fahrersitz. Wie war das noch? Welcher Knopf startet den Motor? Mein Mentor hilft, drückt irgendwo drauf, mit tiefem Brummen erwacht der Sechszylinder zum Leben. Erstaunlich leise ist es in der Kabine. Einer kurzer Gasstoß, schon setzt sich der Neuntonner langsam in Bewegung.

Alles, was man in der Fahrschule gelernt hat, muss man hinter dem Steuer einer Schneekatze vergessen. Gelenkt wird durch die Geschwindigkeitdifferenz der Ketten. Steht die linke Kette still und die rechte läuft nach vorn, schwenkt das Gefährt nach links. Und andersrum. Nach einigen Minuten werde ich mutiger, drücke kräftig aufs Gas. Auf der Geraden schieben die 330 PS aus dem Dieselmotor mächtig vorwärts. Niederer meint es gnädig mit dem Neuling. Die Piste hinter der Hütte ist eher flach. Aber Kurven zu fahren ist gewöhnungsbedürftig. Mit Verzögerung geht es um die Ecke, die Koordination von Gas und Lenkeinschlag erfordert Konzentration. Doch von Minute zu Minute entwickle ich mehr Zutrauen in das Ungetüm.

Dann werde ich zu einem Buckel kommandiert, und der scheint es in sich zu haben. Ob die Raupe das schafft? Niederer grinst: "Aber locker." Die Drehzahl "immer schön bei 1500 Umdrehungen" halten, kommt die Order vom Beifahrersitz. Kapiert. Stur wird das Instrument fixiert, das Gaspedal nur noch gestreichelt. "Langsam über den Berg, Sie wollen doch Ihre Zähne behalten." Nach dieser Warnung krabbelt die Pistenraupe in Schleichfahrt den Hügel hinauf, in Zeitlupe geht es über die Kuppe. War gar nicht schwer, denke ich, kann doch jedes Kind. Im Prinzip schon. Snowmobil City vermietet seine Gefährte auch an Jugendliche - wenn sie mindestens 140 Zentimeter groß sind.

"Für einen Anfänger war das gar nicht schlecht", sagt Niederer nach der halbstündigen Fahrt, in der ich zehn Liter Diesel rausgeblasen habe. Bestimmt lobt er jeden Kunden so. Mir egal: Über mein Gesicht zieht sich ein zufriedenes Grinsen. So muss sich auch Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel nach seinem ersten Formel-1-Titel gefühlt haben.

Österreich

Preise für die Pistenraupe Erwachsene: 25 Minuten, inklusive Einweisung und Aufsichtsperson 99 Euro

Kinder (über 1,40 Meter): 15 Minuten, inklusive Einweisung und Aufsichtsperson 39 Euro

Als Passagier: 10 Minuten (maximal zwei Personen möglich) 29 Euro

Snowmobil: 10 Minuten 15 Euro

Allgemeine Informationen Snowmobil City, Zinneggweg 92, 5753 Saalbach, Telefon 00 43 / 664 / 8 44 43 23, geöffnet ab Dezember, www.snowmobil-city.at

 

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