Reaktionen auf "Kir Royal" 1986 Spontanes Wehgeschrei

Dietls Meisterwerk: Franz Xaver Kroetz alias Baby Schimmerlos in der Serie „Kir Royal“. Foto: dpa

Plump oder Goldklumpen: TV-Kritikerin Ponkie erinnert sich, wie Dietls Serie „Kir Royal“ 1986 die Fernseh-Nation in zwei Lager teilt.

 

München - Sechs Folgen „Kir Royal“ im bundesweiten ARD-Abendprogramm – und das Fernsehvolk war gespalten in Freund und Feind. Die Münchner waren beleidigt, die anständigen Leute schockiert und die unanständigen erst recht: Plump, ordinär und niederträchtig seien diese Schmutzgeschichten, unecht und übertrieben außerdem und gar nicht so charmant wie der „Monaco Franze“…

Wie treffsicher muss diese satirische Chronik der Gennussgesellschaft, bei der Helmut Dietl und Patrick Süskind Maß genommen haben, gewesen sein, dass ein solches Protestgeheule anhob! Als sei Frau Professor Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik persönlich auf offenem Bildschirm von einem bayerischen Landpfarrer vergewaltigt worden.

Die Wahrheit hinter der Wirklichkeit

Man hätte jetzt die Diplompsychologen in Marsch setzen können, damit sie herausfänden, wer sich warum um seinen „Monaco Franze“ betrogen fühlte. Aber ungeachtet allen spontanen Wehgeschreis musste schon damals gesagt sein, dass das deutsche Fernsehen, inmitten einer Massenproduktion von Unterhaltungsramsch, mit „Kir Royal“ einen Goldklumpen in seinen Kunst-Tresor bekam.

Oder waren Augen und Ohren schon so abgestumpft und zugekleistert, dass niemand mehr sah, wie elegant hier (auch in der Klamotte, auch in der zynischen Farce) die freche, leichte komödiantische Form für ein modernes Gleichnis benutzt wird. Denn diese sechs Sätze einer (süd)deutschen Suite von heiter-ironischer Musikalität (Konstantin Wecker) und unvergleichlichem Timing der Pointen bildet ja nicht „Wirklichkeit“ ab, sondern die Wahrheit hinter der Wirklichkeit.

Eine Symbolfigur für moralische Erfahrungen

Und insofern ist auch der Klatschreporter Baby Schimmerlos, den Franz Xaver Kroetz mit der ganzen abgehärteten Wut eines Hinterhof-Buben an allen Aufstiegsträumen scheitern lässt, kein eindimensionaler Bussi-Hai, der mit seinen Schickis in derselben Micki-Soße schwimmt, sondern – ebenso wie der still ackernde Fotograf Herbie von Dieter Hildebrandt – eine Symbolfigur für moralische Erfahrungen.

Hier wäre übrigens die Spekulation interessant, ob Helmut Fischer in der Schimmerlos-Rolle vom Publikum leichter angenommen worden wäre – oder ob nicht umgekehrt der Schimmerlos sein „Monaco-Franze“-Image ruiniert hätte.

Dass in „Kir Royal“ nebenbei alte und neue Entdeckungen zu machen waren, von Senta Berger bis Ruth Maria Kubitschek, von Zischler, Muliar und Schmidinger bis in die letzte Nebenrolle, das beweist Dietls Gespür für Schauspieler.

Aber vielleicht waren wir alle noch zu nah dran, zu dicht am real existierenden Kompost der „gesellschaftlichen Trüffelschweine“. Bei zukünftigen Wiederholungen, wenn kein Mensch mehr wissen will, wie die wirkliche Wirklichkeit war, wird „Kir Royal“ noch glänzen als ein Stück Sittengeschichte des späten 20. Jahrhunderts.

Lesen Sie hier: Die besten Sprüche aus "Kir Royal" - der Mutter aller Klatsch-Satiren

 

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