Rainhard Fendrich geht mit neuem Album auf Tournee Fendrich: "Der Ton wird deutlich rauer"

Rainhard Fendrich auf Mallorca. Foto: Marcel Brell

Rainhard Fendrich hat sein neues Album „Starkregen“ veröffentlicht - und gibt sich politisch
 

 

Der österreichische Liedermacher Rainhard Fendrich ist ein Mann des klaren Wortes, der auch Unliebsames nicht für sich behält – weder in seinen Liedern noch im persönlichen Gespräch. Auch die Texte auf seinem neuen Album „Starkregen“ bedürfen keiner komplizierten Entschlüsselungstechnik. Wieder einmal redet Fendrich Klartext. Er kritisiert die „heiße Luft“ der Politik, besingt humorvoll unsere Abhängigkeit von den sozialen Netzwerken und nimmt gierige Manager und Banker aufs Korn.

AZ: Herr Fendrich, wie groß war die Versuchung, in diesem Sommer ein Ibiza-Lied zu machen?


RAINHARD FENDRICH: Null. Das interessiert mich nur insofern, als man einen Einblick hinter die Kulissen der Politik bekommen hat, wie eine rechtspopulistische Partei eigentlich funktioniert.

Gewundert hat Sie das Video nicht?

Nein, es hat meine Vermutungen nur bestätigt. So funktioniert das Land. Man hat Parteispender, und die erwarten sich natürlich etwas, also versucht man, eigene Leute an Schlüsselstellen zu positionieren, beispielsweise in den Medien, wie es Strache dort vorgeschlagen hat.

Hat man als einer der bekanntesten österreichischen Künstler das Gefühl, sich nun noch stärker politisch positionieren zu müssen?

Ich muss das als Künstler nicht stärker machen, als ich es bislang getan habe. Ich finde, jeder Bürger muss sich stärker positionieren, weil die Politik unser Leben regelt. Ich verstehe die Menschen nicht, die sich einerseits immer beschweren, dann aber nicht zur Wahl gehen. Ich habe Beiträge gesehen, in denen Menschen gefragt wurden, warum sie einen bestimmten Politiker gewählt haben, und die Antwort war: „Weil er so fesch ist.“ Das sagt viel aus über unsere Zeit. Ebenso, dass Politiker heutzutage wie Popstars auftreten und eine Persönlichkeitswerbung machen. Auf den Wahlplakaten steht doch nichts Konkretes mehr drauf, nur Allgemeinplätze wie „Gemeinsam in die Zukunft“. Ich finde es sehr besorgniserregend, dass eine politische Partei nicht mehr durch Programme überzeugen will, sondern dadurch, dass sie den Gegner anpatzt. Wer am besten den anderen in Misskredit bringt, gewinnt dann. Aber von so einer Partei möchte ich nicht regiert werden.

Das ist ja kein österreichisches Phänomen. Warum kann man so viele Menschen dafür begeistern, demokratieverachtende Parteien zu wählen?

Demokratie funktioniert nur dann, wenn alle mitmachen. Ich glaube, der Grund für den Rechtsruck ist sicherlich auf der einen Seite die Flüchtlingsfrage, die sie natürlich aufgegriffen haben, weil sie ein Feindbild brauchen. Aber es gibt auch eine Vorgeschichte: Es ist vielleicht zu hart zu sagen, dass die Sozialdemokratie versagt hat. Aber irgendwas kann nicht mehr gestimmt haben, dass sich die Menschen woanders besser verstanden fühlen. Es gibt einen Klimawandel, davon singe ich ja auch auf meinem Album „Starkregen“. Es gibt nur noch Unwetter oder Hitzewellen, es gibt keine lange Schönwetterperiode mehr. Und das betrifft auch das gesellschaftliche Klima: Der Ton wird rauer und wohin das alles führt, wage ich nicht zu prognostizieren.

Sind Sie eher Optimist oder Pessimist?

Ich bin eigentlich Realist. Ich gebe auch nie eine Wahlempfehlung ab. Ich rufe aber dazu auf, dass die Menschen wählen gehen sollen. Und ehrlich, die Mehrheit wählt ja keine rechtspopulistische Partei. Mich hat in Österreich vor allem gestört, dass 75 Jahre nach dem Holocaust in einer Regierung rechte Burschenschaftler sitzen. Das hinterlässt einen schmutzigen Fußabdruck. Das habe ich laut gesagt und dafür einen Shitstorm geerntet. Das erschreckt mich aber nicht.

Sie lesen auch nicht jede Mail, die Sie bekommen.

Nein. Aber man sieht: Die Sozialen Medien verändern nicht den Charakter des Menschen, sie legen ihn nur offen.

Hass ist nicht produktiv, erst recht nicht für einen Künstler.

Aber Wut schon. Ich habe eine Wut darüber, dass so viel gelogen wird in der Politik. Und das beginnt schon bei einem Wahlversprechen, von dem man weiß, dass man es nie einhalten kann. Diese ganze Lügerei endet dann in dem Gefühl der Menschen, dass sie niemandem mehr glauben können. Der Populismus baut ja auf Unwahrheiten auf und bildet ein Gefahrenszenario, für das er sich dann selber als Erlöser einsetzen kann. Aber es ist wie in der Musik: Es ist immer leichter, etwas zu kritisieren, als es selber besser zu machen.

Sie besingen den „Social Media Zombie“. Wie viel steckt da von ihnen selbst drin?

 Gar nichts. Ich habe zwar ein Smartphone, aber keine Social-Media-Apps. Ich nutze das Internet, ich verteufele es auch nicht. Ich informiere mich ja auch im Internet über das politische Weltgeschehen. Aber wenn man sich mit der Familie oder Freunden trifft, die das Smartphone nicht aus der Hand nehmen können, dann wundert mich das schon. Ich habe auch das Gefühl, dass durch das ständige Tippen und Lesen von Kurztexten die Sprache verkümmert. Ich jedenfalls kann meine Gefühlswelt nicht adäquat mit zwei, drei Emojis ausdrücken. Ich will das auch gar nicht.

Sie besingen auch den Burn-out...

...klar, die ständige Erreichbarkeit ist sicherlich auch mit ein Grund für dieses Phänomen. Jemand, der früher um fünf Uhr Feierabend hatte, hatte dann bis zum nächsten Morgen seine Ruhe. Heute gibt es für viele Menschen diese Ruhezeiten überhaupt nicht mehr. Das kann über einen längeren Zeitraum zielstrebig zum Burn-out führen.

Das kennen Sie als Künstler, Sie waren doch auch lange ein Getriebener, oder?

Das ist etwas anderes. Das war die Jugend, und ich wollte Erfolg haben. Vom Burn-out bedroht sind fleißige Menschen. Ich bin vom Grundnaturell eher faul. Ich kann meine Kreativität nicht steuern, man kann nicht fleißig ein Lied nach dem anderen schreiben. Man muss auf die Idee warten können. Schon das zwingt mich zu Ruhezeiten.

Wo sind eigentlich die schönen Fotos zum Booklet des Albums entstanden?

Auf Mallorca, aber ich habe dort meinen Zweit-Wohnsitz aufgegeben und bin wieder ganz in Österreich. Ich brauche kein Haus mehr auf Mallorca.

Flugscham?

Nein, und dass jetzt alle kriminalisiert werden, die ein größeres Auto fahren oder eine Flugreise antreten, finde ich ehrlich gesagt übertrieben. Die Bestimmungen müssen schon von der Politik herkommen. Ich kann nur sagen, dass ich als Konsument gerne bereit bin, mich einer sinnvollen Regelung zu unterwerfen, ob es die CO2-Steuer ist oder was auch immer. Aber ich möchte mir schon noch Teile der Welt anschauen dürfen. Mein Traum ist es, einmal die Panamericana von Alaska nach Feuerland zu fahren, mit einem Jeep. Vielleicht bleibt es aber einfach nur ein Traum.

Ein Traum ist für viele Touristen auch Wien. Stören Sie inzwischen die Besuchermassen?

Egal, wie viele Touristen kommen, Wien wird immer meine Heimat bleiben. Ich habe dieser Stadt unheimlich viel zu verdanken, bin dort geboren worden und aufgewachsen und habe dort meine Freunde. Egal, wo ich in der Welt bin, es zieht mich immer nach Wien zurück, so wie einen Lachs zu seinen Laichplätzen. Das kann man nicht verhindern. Ich wohne zudem im zehnten Bezirk, da kommen die Touristen nicht hin. Wir haben dort den böhmischen Prater, der entstanden ist, als die Böhmen in den Ziegeleien gearbeitet und sich einen eigenen Vergnügungspark gemacht haben, da sie im großen Wiener Prater, dem „Wurstelprater“, nicht erwünscht waren. Das schaut aus wie der Prater vor einhundert Jahren mit alten Karussells. Dort gibt es auch drei, vier Gasthäuser, in denen ich mich richtig wohlfühle.

Sie pendeln stilistisch – eigentlich schon seit ihren musikalischen Anfängen – zwischen humoristischen und melancholischen Liedern.

Also, wenn Vielseitigkeit bedeutet, keine Linie zu haben, dann habe ich keine. Manche Themen belustigen mich, manche regen mich auf oder betrüben mich. Und das setze ich auch musikalisch um, da ich meine Lieder selbst schreibe. Dieses Album war ursprünglich schon vor zwei Jahren fast fertig. Dann aber hat mich ein Plakat der österreichischen Volkshilfe über Kinderarmut so nachdenklich gemacht, dass ich handeln wollte. Ich habe mich dann kundig gemacht und erfahren, dass in Österreich mehr als 340 000 Kinder und Jugendliche von Armut bedroht sind, also sich beispielsweise kein Schulessen leisten, geschweige denn am Skilager teilnehmen können. Ich habe dann sofort drei Benefizkonzerte organisiert und das Album „Für immer a Wiener“ mitgeschnitten. So haben wir bis heute insgesamt knapp 80 000 Euro für die Volkshilfe eingesammelt. Als ich dann im Frühjahr die liegengebliebene Arbeit an „Starkregen“ wieder aufgenommen habe, gefiel mir vieles nicht mehr. Und da ich keine Plattenfirma und keinen Abgabedruck mehr habe, konnte ich in aller Ruhe die Songs neu arrangieren und entsprechende Änderungen vornehmen.

Sie wollen keine Plattenfirma mehr haben?

Nein, Plattenfirmen sind Dinosaurier. Ich habe ein kleines Team um mich, damit kann ich viel flexibler arbeiten. Es ist ja so, dass der physische Tonträger immer weiter zurückgeht. Vielleicht ist das meine letzte CD, und künftig gibt es neue Songs nur noch zum Downloaden.

Sie brauchen ja kein neues Album für eine Tour.

Nicht unbedingt. Aber ich schreibe ja nicht Lieder, weil ich es muss, sondern weil ich es will. Das ist schon ein wichtiger Teil von meinem Leben.

Rainhard Fendrichs Album „Starkregen“ ist beim Eigenlabel RJF erschienen. Am 22. Mai 2020 spielt er in der Olympiahalle und am 26. Juli 2020 bei den Thurn & Taxis Schlossfestspielen in Regensburg.

 

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