Putschversuch in der Türkei Militär verkündet Kriegsrecht - Erdogan in Sicherheit

, aktualisiert am 16.07.2016 - 00:14 Uhr
Ausnahmezustand nach Putschversuch in der Türkei am Freitagabend. Die Bilder. Foto: dpa

Ausnahmezustand nach einem Putschversuch in der Türkei. Das Militär spricht davon, die Macht im Land übernommen zu haben. Präsident Erdogan ist an einem sicheren Ort und behauptet das Gegenteil. Alle aktuellen Informationen.

 

Ankara - Am späten Freitagabend fielen in der türkischen Hauptstadt Ankara Schüsse. Die Polizei war mit einem großen Aufgebot im Innenstadtviertel Kitilay vor Ort. Kampfhubschrauber und Militärjets sollen ungewöhnlich tief über die Stadt geflogen sein. Im beschossenen Stadtteil befindet sich auch der türkische Geheimdienst MIT. Vor dem Generalstab in Ankara sollen viele Krankenwagen stehen.

Kurz zuvor berichteten örtliche Fernsehsender, dass die türkische Armee in Istanbul die beiden Bosporusbrücken in Fahrtrichtung von Asien nach Europa abgesperrt habe. Augenzeugen in Istanbul berichteten von schwer bewaffneten Sicherheitskräften in den Straßen – auch hier folgen Kampfhubschrauber tief über die Stadt. Türkische Medien berichten, dass mittlerweile auch die Flughäfen in Istanbul abgesperrt wurden.

Mit dem Putsch sollten unter anderem die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederhergestellt werden, teilte das Militär nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mit.

Türkisches Militär: Haben die Macht übernommen

Der türkische Ministerpräsident Yilidirim sprach im Fernsehen von einem Putschversuch von Teilen der Armee. Die Militäraktionen seien ohne gegebenes Kommando ausgeführt worden. Yildirim sagte dem türkischen Sender NTV, dass die vom Volk gewählte Regierung weiter an der Macht sei. Die Sicherheitskräfte seien hinzugerufen worden, um "das Notwendige zu tun". Details nannte er allerdings nicht. Zudem betonte der Premierminister, dass es die Türkei niemals erlauben werde, dass "eine Initiative die Demokratie unterbricht".Yildirim kündigte an, die Hintermänner "werden den höchsten Preis bezahlen".

Die Nachrichtenagentur DHA berichtet, dass das gesamte Polizei-Personal in Ankara zum Dienst gerufen wurde. Die türkischen Streitkräfte haben nach eigenen Angaben vollständig die Macht in der Türkei übernommen. Das teilte das Militär nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mit.

Militär bringt Atatürk-Flughafen unter Kontrolle

AKP-Politiker wurden von ihrem Zuhause abgeholt und in Sicherheit gebracht. So sei der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auch in Sicherheit – das berichtet der Sender CNN Türk. Zuvor soll das Militär Polizisten vor Erdogans Amtssitz entwaffnet haben. Der Luftraum über der gesamten Türkei wurde komplett abgeriegelt – alle Flüge von und nach Istanbul wurden abgesagt. Wie die Nachrichtenagentur DHA berichtet, habe das Militär den Atatürk-Flughafen in Istanbul unter Kontrolle gebracht.

Eine Maschine der niederländischen Fluggesellschaft KLM mit 184 Menschen an Bord hat ihren Flug nach Istanbul abgebrochen und kehrt zurück nach Amsterdam. Das hat die Fluggesellschaft nach eigenen Angaben vom Freitagabend wegen der unsicheren Lage in der Türkei entschieden.

Die Nachrichtenagentur AFP spricht von einer Geiselnahme im Militärhauptquartier in Ankara. Laut einer türkischen Nachrichtenagentur ist der Generalstabschef eine Geisel der Putschisten. Gleichzeitig sollen Soldaten den Hauptsitz der Erdogan-Partei AKP umgestellt haben.

Die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter sowie die Video-Plattform Youtube sind in der Türkei nicht mehr zu erreichen.

Militär verkündet Kriegsrecht

Über den staatlichen Fernsehsender TRT verkündet das Militär das Kriegsrecht und verhängt eine Ausgangssperre. Das Land werde jetzt von einem "Friedensrat" geführt, der für die Sicherheit der Bevölkerung sorgen werden. Im Internet kursieren Bilder von Soldaten in de Zentrale des Senders – die Armee scheint ihn übernommen zu haben.

Erdogan ruft zu öffentlichen Versammlungen auf

Die Moderatorin des Fernsehsenders CNN Türk war live im Fernsehen mit Präsident Erdogan per Videotelefonie verbunden. Dort gab er bekannt, in Kürze ein Statement abzugeben. "Die Besetzung wird in kürzester Zeit aus dem Weg geräumt", wird er zitiert. Im Telefonat rief er die türkische Bevölkerung dazu auf, sich an öffentlichen Plätzen zu versammeln. "Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln. Sollen sie (die Putschisten) mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen." Er selbst sei auf dem Weg nach Ankara.

Währenddessen ließ Ministerpräsident Yilidirim über seinen Twitter-Kanal verlauten, dass die vom Militär übernommenen Gebäude so schnell wie möglich zurückerobert werden sollen. Es werde alles Notwendige getan – auch wenn das den Tod bedeutet.

 

Präsidialamtskreise: Erdogan ist weiter an der Macht

Staatspräsident Erdogan ist nach Angaben aus Kreisen seines Amtes trotz des Putschversuches des Militärs nicht abgesetzt. "Der demokratisch gewählte Präsident der Türkei und die Regierung sind an der Macht", hieß es am Freitagabend aus Kreisen des Präsidialamtes. Weiter hieß es: "Das ist ein Angriff gegen die türkische Demokratie. Eine Gruppe innerhalb der Streitkräfte hat außerhalb der Kommandostruktur einen Versuch unternommen, die demokratisch gewählte Regierung zu stürzen. Die Mitteilung im Namen der Streitkräfte war vom Militärkommando nicht autorisiert. Wir drängen die Welt, solidarisch zum türkischen Volk zu stehen."

Das amerikanische Außenministerium ruft US-Bürger in der Türkei zu verstärkter Wachsamkeit auf. Sie sollten Schutz suchen und das Haus nicht verlassen, schrieb das Ministerium am Freitagabend im Kurznachrichtendienst Twitter. Die US-Botschaft in Ankara habe bestätigt, dass Schüsse gefallen seien. Währenddessen hat der Putschversuch des türkischen Militärs die Landeswährung abstürzen lassen. Ein Euro kostete zuletzt 3,3671 Lira. Am Donnerstag hatte der Kurs noch 15 Cent niedriger gestanden. Der US-Dollar legte zur Lira um 14 Cent zu.

Staatsanwaltschaft: Soldaten sollen festgenommen werden

Mittlerweile ist ein Schreiben der Staatsanwaltschaft aufgetaucht, in dem die Verhaftung von Soldaten angeordnet wird.

 
 
 
 
 
 
 

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