Putschversuch in der Türkei "Erdogan wird bald sein nächstes Ziel erreichen"

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan (r.) trägt den Sarg eines der Opfer des gescheiterten Militärputschs. Foto: dpa

Viele Türken der jungen Generation wussten bislang nicht, was ein Putsch ist – schließlich gab es zuletzt 1980 einen Umsturz durch das Militär. Seit Freitag wissen nun alle wieder, was das heißt.

 

München, Ankara - Die F16 Kampfflugzeuge flogen tief und bombardierten u.a. das türkische Parlament, Sikorsky Hubschrauber eröffneten das Feuer auf die Menge. Die Panzer rollten durch die Straßen. Als Kopf des gescheiterten Putschversuchs wird immer wieder der Ex-Oberkommandierende der türkischen Luftstreitkräfte, Akin Öztürk, genannt. In seiner Zeit als Kommandeur, von 2013 bis 2015, soll er enge Kontakte zum islamistischen Prediger Fethullah Gülen, der seit Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, und zu dessen Bewegung gehabt haben. Der Geheimdienst hat Öztürk schon vor circa einem Jahr als potenziellen Putschisten definiert.

Nicht nur die Anhänger der Gülen-Bewegung, sondern auch ein Teil der kemalistischen Offiziere waren mit dem Führungsstil des Staatspräsidenten unzufrieden. Die einen hätten gerne eine religiösere Türkei, die anderen befürworten die Weiterführung des säkularen Verwaltungssystems nach westlichem Vorbild. Trotz der Unterschiede haben sie einen gemeinsamen Feind: den autoritären Machthaber.

Erdogan will im Militär die Spreu vom Weizen trennen

Der bestmögliche Termin für einen Putsch war jetzt im Juli. In ein paar Wochen wird der Hohe Rat für Militär entscheiden, wer weiter gefördert wird – und wer aus dem Armee-Dienst fliegt. Erdogan machte keinen Hehl daraus, dass er die Spreu vom Weizen trennen will. Zudem entschieden sich die Putschisten für ein Datum, an dem die Hochzeit der Tochter eines ranghohen Generals stattfand. Dort haben sie einige Kommandeure in ihre Gewalt gebracht.

Die traditionsbewussten Putschisten, die sich als „Friedensrat“ bezeichnen, ließen ihre Beweggründe über den öffentlich-rechtlichen Sender TRT verlauten. Ihr Ziel sei es, „die verfassungsgemäße Ordnung, Demokratie, Menschenrechte und Freiheit wiederherzustellen“, sagten sie. Die verängstigte Sprecherin des Senders musste eine halbe Stunde lang denselben Text wiederholen, bis die Polizei das Gebäude von Soldaten befreien konnte.

Das nächste Ziel ist die Einführung eines Präsidialsystems

Was die Putschisten nicht erwartet hatten, war die Reaktion des Volkes. Die Menschen sind nicht – wie bei vorherigen Umstürzen – zu Hause geblieben und haben auf den Schwarz-Weiß-Fernseher gestarrt. Sie sind sofort auf die Straßen gerannt und haben wichtige Kreuzungen und Gebäude geschützt. Obwohl Erdogan mit 52 Prozent der Stimmen vom Volk als Staatspräsident gewählt wurde, endet die Kritik an seinem Führungsstil nie. Vor allem mit der Gülen-Bewegung hat er noch eine Rechnung offen.

Es ist zu erwarten, dass Erdogan nicht nur gegen die Putschisten, sondern auch gegen die Anhänger der Gülen-Bewegung mit aller Härte vorgeht. Auch in der Justiz wird gründlich „gesäubert“. Von den letzten Ereignissen in seiner Macht gestärkt, wird Erdogan nun bald sein nächstes Ziel erreichen: die Einführung eines Präsidialsystems. Dafür braucht er nun nur noch ein Referendum.


Der Journalist Rahmi Turan ist Türke und lebt in München. Er arbeitet unter anderem für den Nachrichtensender „Ahaber“ und die Tageszeitung „Sabah“.

 

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