Puff-Report in München Besuch im Bordell: "Da wächst man rein"

So geht's zu in Münchens größtem Bordell: Ein Besuch im Laufhaus - Die Bilder... Foto: Mike Schmalz

Frankreich will Freier bestrafen, Deutschland das Rotlichtgewerbe strenger kontrollieren. Und wie schaut’s in München aus? Ein Bericht aus dem Bordell

 

München - Die Regel lautet: Mach’ dein Geschäft, aber bleib im Hintergrund. Boxer und Drache wollen ihre echten Namen deshalb nicht in der Zeitung lesen. „Neid und Missgunst sind sehr, sehr groß bei uns im Milieu“, sagt Drache. Boxer will nicht mal, dass wir die Namen abkürzen.

Er ist 43. Breite Schultern, breiter Nacken, die Nase etwas schief und geplättet. Narben am Kopf. Tätowiert bis zum Kinn.

Drache ist 49. Kinnbart, Irokesen-Haarschnitt, paniert mit Tattoos: Der große Drache überm linken Ohr, Totenköpfe am Knöchel, ein Spinnennetz. Drache ist so massiv wie seine Armbanduhr. Wohnt auf dem Land „zur Miete“, fährt Harley, geht gern mal in die Sauna oder ins Fitnessstudio. „Aber nicht zu viel, ich bin fast 50.“

Drache hat Koch gelernt, aber seit 28 Jahren keine Küche mehr von innen gesehen. Boxer ist Spengler. Seit 17 Jahren dabei.

Wie kam’s? „Da wächst man rein“, sagt Drache.

Seit sieben Jahren leiten sie das Laufhaus „Caesars World“ im Münchner Osten. Eine andere Regel – diesmal von der Stadt – lautet: Mach dein Geschäft, aber mach’s weiter draußen. Fast die ganze Stadt ist Sperrbezirk.

Am Stahlgruberring in Moosfeld also steht Münchens größtes Bordell. Das Gebäude von außen: eine Kinoleinwand aus Beton. Links davor ein steinernes Teichbecken, vorn an der Straße ein Geldautomat. Innen: Drei Stockwerke, Rotlicht, nackte Römerinnen an der Wand. Ein Aufzug fürs Personal, Freier müssen die Treppe nehmen.

Woher der Name? „Der ist vom Vorbesitzer“, sagt Drache.

Seid Ihr reich? Lautes Lachen. „Schön wär’s!“

„Kelly“ ist reich – in Rumänien jedenfalls. Nach ihrem BWL-Studium hätte sie in ihrem Land schon eine Arbeit gefunden – „aber für 300 Euro im Monat.“ Als Hure im „Caesars World“ verdiene sie „an guten Tagen“ deutlich mehr: 500 Euro, bei zehn Freiern.

Kelly sagt, dass sie eineinhalb Monate in München mit Männern schläft und dann eineinhalb Monate nach Hause fährt. Dass sie mit dem Geld ein Haus für sich und ihren Freund baut. Dass sie ihn im Sommer vielleicht heiratet. Dass sie noch zwei Jahre weitermacht – und dann aufhört. „Daran denke ich.“

Ihr Freund wisse alles, ihre Familie nichts. „Mein Vater glaubt, dass ich in Italien und Deutschland Kellnerin bin.“ Sie lacht und streckt die Zunge raus. Mit Männern schlafen: „ein Job“, sagt die blonde Frau.

Kommen viele zu früh? „Oh ja“ – sie lacht. „Außer bei Betrunkenen. Da ist es harte Arbeit.“

Sind viele verheiratet? „Oh ja.“ Schlimm finde sie das nicht. „Das sind Männer, die brauchen das. Besser als eine Affäre.“

Was ist das Seltsamste, das ein Freier wollte? „Dass ich ihm in die Eier schlage, bis es blutet.“

Wollen wirklich so viele nur mal reden? „Ooooooh ja“.

Boxer sagt, er glaube nicht, dass eine der Frauen im „Caesars World“ sich aus Zwang prostituiert: „Ganz ehrlich: Viele machen es freiwillig.“ Überhaupt, sagt Drache: „Bei uns kann es nicht vorkommen.“ Natürlich hätten sie schon Anrufe von Männern bekommen, die eine Frau bei ihnen platzieren wollten. „Da legen wir aber gleich auf.“ Jede Frau müsse sich persönlich vorstellen – samt Ausweis. Männliche Begleiter seien im „Caesars“ verboten. Jede Mieterin sollte Deutsch, wenigstens Englisch sprechen, „sonst kann sie mit den Gästen nichts anfangen“. Und alle müssten als Erstes zum Kommissariat 35 – zur „Sitte“.

Vorgeschrieben ist das nicht, sagt deren Chef, Bernhard Feiner. Trotzdem meldeten sich viele Frauen in seinem Kommissariat. Warum? „Erstens: Das Alter. Wenn eine Frau minderjährig ist, hat der Betreiber ein Problem.“ Habe die Polizei das Alter überprüft, sei alles klar.

„Zweitens: Kontrollen sind schlecht fürs Geschäft. Wenn wir kommen, ruht es.“ Hat die Sitte deren Personalien schon, „müssen wir sie nur noch abhaken. Dann geht’s schneller.“

In der Stadt und im Landkreis gibt es laut Feiner rund 2800 Prostituierte in 180 Bordellen, Bordellwohnungen, Dominastudios oder auf den sieben Straßenstrichen – zum Beispiel in der Landsberger Straße. „Zu jeder Tages- und Nachtzeit arbeiten in München 800 Prostituierte“, sagt Feiner.

Die Hochphase? „Die Mittagszeit".

Wie viele Frauen zur Prostitution gezwungen werden, kann Bernhard Feiner nicht mal schätzen. Jedes Jahr würden in München 15 bis 25 Verfahren wegen Menschenhandels geführt. Die Dunkelziffer: wie immer hoch. Opfer meldeten sich nur, wenn sie ihr Leid gar nicht mehr aushielten.

Zwangsprostitution, die könnten Betreiber oft gar nicht erkennen, sagt Feiner. Drache weiß auch nicht, wohin die Frauen nach ihrer Schicht gehen: „Wo sie wohnen, ist für uns nicht nachvollziehbar.“

Das „Caesars World“ gilt im Milieu als korrekter Betrieb. Nicht schlecht in einer Branche, deren Image aus Menschenhandel, Gewalt, Drogen und Rockerbanden besteht.

Drache und Boxer präsentieren ihr Laufhaus als normales Geschäft: Sie stellen ihre 30 Zimmer für 150 Euro am Tag, besorgen Reinigung, Security und Werbung (auch in der AZ), haben vier Waschmaschinen aufgestellt und heizen wie verrückt, damit die halbnackten Frauen beim Warten nicht krank werden.

Preise, Praktiken – das machen alles die Frauen unter sich aus, sagt Drache. Und mit den Kunden, die durch die gefliesten Gänge streunen, als hätten sie sich verlaufen. Ab 30 Euro geht’s los.

Hinter ihrem Büro haben Boxer und Drache eine Sonnenbank und einen Essensraum eingerichtet. Auf dem Tisch: Adventskranz, eine Etagère mit Karamells, Fondor, Steakgewürz, Kakao, Nutella, Honig und eine Pomelo – „eine Art Grapefruit“, sagt Boxer.

Morgens gibt’s Semmeln und Croissants, tagsüber Fertiggerichte für 6 Euro: Putenbrustfilet „Hüttenzauber“, Seelachsfilet „à la Bordelaise“, Berner Würstl, Pommes, Rindsrouladen. Kraftfutter. Für die Arbeit weiter oben.

Dort warten die Frauen in String, BH, hohen Hacken oder Filzpantoffeln. Ein Bein auf dem Hocker, Handy in der Hand, Extensions im Haar, falschen Nägeln an den Händen, Schminke im Gesicht und viel Babypuder auf der Haut. Ein Kostüm. Oder ein Panzer

Kelly, wie kriegt man die Männer ins Zimmer?

„Lächeln! Be happy!“ 

 

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