Puccini in Immling „La Bohème“ - dem Ideal nahe

Pariser Liebesleben: Das Ensemble auf der Bühne des Opernhauses, das ein großer Stadel ist, vor einem Bild von Ekatarina Zacharova. Foto: Nicole Richter

Opernpremiere beim Festival auf Gut Immling im Chiemgau: „La Bohème“ von Giacomo Puccini

"Nußdorf grüßt Paris!“ steht auf dem Banner, das die bayerische Blaskapelle quer durch die Halle trägt und schließlich keck auf der Bühne schwenkt. Die schmissigen Fanfaren und Trommelwirbel sind originaler Bestandteil der Oper „La Bohème“ von Giacomo Puccini, nur, dass dort im Quartier Latin die Pariser Nachtwache aufzieht und keine Marschmusik in oberbayerischer Tracht. So witzig und gleichzeitig dramaturgisch sinnvoll werden auf Gut Immling die Bewohner der Nachbarorte von Halfing im Landkreis Rosenheim in die Inszenierung mit einbezogen. Viele Lacher und Sonderapplaus für die einheimischen Musikanten.

Das Festival ist Mittelpunkt der Gemeinde. Die Kinder und Erwachsenen der exzellenten Chöre setzen sich größtenteils aus lokalen Kräften zusammen, die monatelang geprobt haben. Im geräumigen Opernhaus , einer ehemaligen, modern ausgestatteten Reithalle mit großartiger Akustik, stößt das Publikum aus der Region auf junge Sängern aus Kirgisistan, Italien, Polen, Litauen, Amerika und Georgien. Sie sind während der gesamten Spielzeit vor Ort, was es ihnen leichtmacht, zu einem echten Ensemble zusammenzuwachsen.

Jung und frisch

Frische, spielfreudige Hauptdarsteller, die möglicherweise kurz vor einer großen Karriere stehen: Das ist auch das tragende Konzept der Inszenierung von Ludwig Baumann, dem Gründungsintendanten des Immlinger Festivals. Ohne Aufführungen an einem großen Haus wie der Bayerischen Staatsoper missen zu wollen, muss man doch nach der Premiere sagen, dass das, was man hier sieht und hört, dem Ideal dieses Stücks sehr nahe kommt. Die Ausstattung ist einfach, mit pittoreskem Budenzauber in den Stadtszenen, die Kostüme und die Requisiten, etwa die allgegenwärtigen Mobiltelefone, sind unaufdringlich aktualisiert.

An die Rückwand der Bühne sind die attraktiven neoimpressionistischen Gemälde der russischen Wahl-Bayerin Ekatarina Zacharova projiziert. Aus naheliegenden Gründen ist kein hochgezüchtetes Regietheater zu erwarten. Provokante Einfälle ersetzt Baumann durch eine ausklügelte Personenführung. Die vier Bohèmiens Jenish Ysmanov (Rodolfo), Zachary Wilson (Marcello), Modestas Sedlevicius (Schaunard) und Givi Gigineishvili (Colline) stecken mit ihrer Quirligkeit an: Sie tätowieren sich gegenseitig, zählen das wenige Geld und packen das karge Mahl in gespielter Begeisterung aus. Vor allem aber wird prachtvoll gesungen, besonders Ysmanov kleidet die anspruchsvolle Tenorrolle in einen schmelzenden, in der Höhe aufblühenden lyrischen Belcanto. Sylwia Olszynska als Mimi verzaubert mit güldenem Timbre und rührt mit ihrem leisen Tod tief an, Gloria Giurgola als Musetta hingegen tupft die Höhe so graziös an, dass man ihr ihre gespielte Zickigkeit schnell verzeiht. So soll es sein.

Erstklassiges in erstklassiger Umgebung

Hochprofessionell ist auch das vornehmlich aus regionalen Kräften zusammengesetzte Festivalorchester. Der italienische Dirigent Lorenzo Coladonato holt aus der nur unwesentlich reduzierten Streicherbesetzung mehr als das Mögliche heraus. Vor allem aber trifft er mit flüssig bewegten Tempi den Konversationston der Musik genau, auch die vielen frei in der Luft schwebenden oder vorantreibenden Rubati sind noch in den Nebenstimmen sicher koordiniert. Die gesamte Produktion ist so erstklassig und inspiriert, dass auch auswärtige Besucher die gut einstündige Fahrzeit durch die herrliche Landschaft nicht bereuen werden. Hinfahren!

Noch am 7. und 21. Juli (18 Uhr), 13., 26. Juli und 11. August (19 Uhr), Gut Immling in Halfing bei Bad Endorf, Karten: % 08055/90 34-0 und unter www.gut-immling.de

 

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