Psychologin im Interview Mobbing in der Schule: "Eltern sind relativ machtlos"

Einen "Opfertyp" für Mobbing gibt es nicht – entscheidend sind die Klassendynamik und wie die Schule mit dem Thema umgeht. Foto: Silvia Marks/dpa/AZ

"Motiv: Mobbing" steht im Abschlussbericht über den Amoklauf. Eine Expertin erklärt, wie Opfer zu Tätern werden – und wie man gegensteuern kann.

 

Dr. Mechthild Schäfer. Die Psychologin lehrt an der der Ludwig-Maximilians-Universität und forscht zum Thema Mobbing in Schulen.

AZ: Frau Schäfer, wie viele Schüler werden gemobbt?
MECHTHILD SCHÄFER: Auf jeden Fall zu viele. Eine Pisa-Studie sprach kürzlich von jedem sechsten 15-Jährigen in Deutschland. Auch wenn es immer darauf ankommt, wie die Zahlen erhoben werden, kommen andere Studien zu ähnlichen Ergebnissen. Das Schlimme: Die Zahlen bleiben seit Jahren gleich.

Wie gehen Opfer mit dem Erlebten um?
Mobbing macht, dass sich Opfer extrem hilflos fühlen. Wir alle kennen das in einer harmlosen Variante, bei der man in einem Streit immer weiter an die Wand gedrängt wird. Man verliert die Kontrolle über die Situation. Mobbingopfer fühlen diesen Kontrollverlust ständig. Viele Opfer suchen die Schuld bei sich. Sie versuchen gar nicht mehr, Kontrolle zu erlangen, und geben sich auf.

David S. stattdessen erging sich in Rache-Fantasien. Wie oft kommt es vor, dass Opfer gewalttätig werden?
Das passiert natürlich nicht immer, aber es passiert. Zur Häufigkeit gibt es keine validen Daten. Dass allerdings bei einem ständig erlebten Machtverlust, einige Opfer Strategien suchen, um wieder Macht zurückzugewinnen, erscheint plausibel.

Gibt es Risikofaktoren, die Opfer zu Tätern machen?
Dazu gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Selbst im Fall des Amoklaufes haben die Eltern ja scheinbar alles getan, um ihr Kind zu schützen, und sich vorbildlich bemüht. Trotzdem ist die Tat passiert.

David S. hatte sich stark mit rechtem Gedankengut identifiziert, nannte seine Mitschüler „Untermenschen“ und „Kakerlaken“. Echte politische Überzeugung oder seine Strategie, mit dem Mobbing umzugehen?
Eine psychologische Aussage dazu ist schwierig. Aber man kann schon sagen, dass nationalistische Weltbilder eine Art der Kategorisierung bieten. Wäre er in einer Klasse mit nur deutschen Kindern gemobbt worden, hätte er sich vermutlich ein anderes Feindbild gesucht.

Gibt es das typische Opfer?
Nein. Ein Kind kann in einer Klasse eine völlig unauffällige Schulkarriere haben und in der anderen zum Opfer werden. Die Klassendynamik und die Art, wie mit Mobbing an Schulen umgegangen wird, sind entscheidend.

Unternehmen Schulen in Bayern genug gegen das Problem?
Bayern lässt seine Schulen selbst entscheiden, welche Programme sie nutzen. Das ist deshalb gefährlich, weil die Programme nicht evaluiert werden. Oft wird die gute Absicht mit einem guten Effekt gleichgesetzt. Auch wird oft das komplexe System hinter Mobbing übersehen. In einer Klasse sind, optimistisch gerechnet, 25 Kinder mit all ihren Wechselbeziehungen und sie alle haben Einfluss darauf. Viele Lehrer agieren aber immer noch mit einzelnen Schülern und nicht mit der Klasse als Ganzes. Auch muss es in der gesamten Schule klare Regeln geben, über den Umgang mit Mobbing und die Konsequenzen. Diese Einigkeit fehlt noch fast völlig.

Wie können Eltern merken, dass ihr Kind ein Opfer ist?
Wenn sich ein Kind zurückzieht, wenn auf einmal die Geburtstagseinladungen ausbleiben, wenn nichts mehr aus der Schule erzählt wird, dann wäre es wahrscheinlich an der Zeit, mal nachzufragen.

Und was können Eltern tun, um das Problem zu lösen?
Als Eltern ist man relativ machtlos, denn eigentlich, muss das Problem da gelöst werden, wo es entstand: in der Schule. Alles, was man tun kann, ist, die Lehrer auf seine Seite zu kriegen. Die sind dann dafür verantwortlich, dass sich in der Klasse etwas ändert. Die Schüler müssen erkennen, was passiert und man muss sie stärken, um sich dagegen zu stellen. Generell aber muss man sagen: Intervention geht wahnsinnig oft schief, Prävention ist die Methode der Wahl.

Wie kann die aussehen?
Eltern sollten eine Schule gut aussuchen und darauf achten, dass sie dem Thema offen gegenübersteht und es ein echtes Interesse an sozialem Miteinander gibt.

Kann für Opfer auch ein Schulwechsel sinnvoll sein?
Oberste Priorität hat das Kindeswohl und manchmal geht es nicht anders. Eigentlich ist es aber falsch, denjenigen gehen zu lassen, der nichts gemacht hat. Jeder, der mal während des Schuljahres umgezogen ist, weiß, wie es ist, in eine Klasse zu kommen, in der alle Beziehungen schon gefestigt sind. Für Kinder, die sehr viel Misstrauen zu Gleichaltrigen aufgebaut haben, ist das furchtbar. Deshalb kann man Eltern diesen Schritt nur dann empfehlen, wenn sie sicher sind, dass die alte Schule das Problem nicht in den Griff bekommt und die neue Schule dem anders gegenübersteht.

Lesen Sie hier: OEZ-Amoklauf - dieser Mann fuhr freiwillig zum Großeinsatz

 

0 Kommentare